Haaretz Editorial Nachahmenswerter Rücktritt

Forschung
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Die Disqualifizierung der geplanten Ernennung der israelischen Neurologieprofessorin Yael Amitai in das Kuratorium der Deutsch-Israelischen Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung (GIF) aufgrund einer Petition, den sie vor 15 Jahren unterzeichnet hat, gehört zu den schlimmen Fällen politischer Intervention in akademische Belange.

Mit dieser Entscheidung erweist sich Wissenschaftsminister Ofir Akunis als amtsunwürdig. Der Rücktritt zweier deutscher Wissenschaftlerinnen aus dem Kuratorium unterstreicht die Überschreitung einer roten Linie und legt die Schlussfolgerung nahe, dass Akunis der israelischen Wissenschaft schadet.

Neuroscientist Prof. Yael Amitai, 2018 Neuroscientist Prof. Yael Amitai, 2018 | © Haaretz Die Deutsch-Israelische Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung verleiht jährliche Forschungsstipendien in Höhe von mehreren Millionen Shekeln an Forscher in Israel und Deutschland. Bisher genoss die Stiftung großes Ansehen in beiden Ländern. Doch all das interessiert Akunis nicht. Im Wettbewerb um die Stimmen extrem rechter Wähler zögert er nicht, die Nominierung von Prof. Amitai aus rein politischen Gründen aufzuheben. Prof. Amitai leitet die Inter-Fakultät für Gehirnwissenschaften an der Ben-Gurion Universität im Negev.  Vor Jahren hatte sie israelische Soldaten, die den Wehrdienst in den Gebieten verweigern, in einer Petition unterstützt. Der Wissenschaftsminister wies auch eine Empfehlung des Rechtsberaters der Regierung zurück, der ihm dazu riet, seine Entscheidung zurückzunehmen.

Prof. Ute Frevert und Prof. Brigitte Röder sind zwei der drei deutschen Repräsentanten im Kuratorium, deren Empfehlungen die Grundlage für die Vergabe von Forschungsmitteln bilden. In ihrem Rücktrittsschreiben fordern sie die Formulierung klarer Kriterien für die Auswahl von Kuratoriumsmitgliedern. Die Disqualifizierung von Amitai, argumentieren sie, beeinträchtige das Ansehen der Stiftung. Prof. Frevert spricht von einer „schallenden Ohrfeige für die freie und unabhängige Wissenschaft“ – eine der wohl größten Errungenschaften demokratischer Staaten. Wenn Politiker nur ihre politischen Verbündeten in Wissenschaftsräte nominieren, sei diese Errungenschaft akut gefährdet. (Assaf Ronel, Haaretz).

Der Rücktritt der beiden deutschen Wissenschaftlerinnen ist die angemessene Reaktion auf den Schmutz, mit dem der Minister den Körper der Wissenschaft infiziert. Mit ihrem Rücktritt erklären sie sich solidarisch mit 450 israelischen Akademikern, die der Stiftung solange ihre Zusammenarbeit verweigern wollen, wie die Disqualifizierung von Prof. Amitai nicht aufgehoben ist. Die Trennung von wissenschaftlicher Lehre und Politik gehört zu den Grundsätzen, die schon lange in Vergessenheit geraten sind, doch wird sie nun von der Regierung unter Benjamin Netanyahu sogar verhöhnt.

Vor einigen Tagen hat Prof. Amitai in internen Netzwerken bedauert, dass „grundlegende Werte wie Integrität und minimaler Anstand verloren gegangen sind“. Der Wissenschaftsminister fühle sich nicht in erster Linie den nationalen Interessen seines Landes verpflichtet, sondern gebe politischen Erwägungen den Vorrang. Bleibt zu hoffen, dass sich auch die beiden letzten israelischen Vertreter im Kuratorium, die Professoren Noam Eliaz und Yehuda Skornick, von diesen Grundsätzen leiten lassen. Sie täten gut daran, sich ihren deutschen Kolleginnen anzuschliessen und aus dem Kuratorium der Wissenschaftsstiftung auszuscheiden. Das McCarthy-Verhalten von Minister Akunis darf keine Legitimation erfahren.