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Community in Indien
Unabhängigkeit geht durch den Magen

Sechs Menschen stehen vor dem Imbiss in der Schlange und warten auf ihr Essen
Kutumb Sakhi Imbiss in Mumbai | Foto (Detail): © Natalie Mayroth

Imbisse gibt es in Mumbai viele – doch nur wenige werden von Frauen betrieben. Eine Ausnahme ist die Frauenkooperative Kutumb Sakhi, die nicht nur leckere Hausfrauenkost serviert, sondern Frauen die Möglichkeiten bietet, ihre Familie zu unterstützen.
 

Von Natalie Mayroth

 „Vierzig Rupien macht das”, sagt Ranjana Pawar mit kräftiger Stimme. Die 46-Jährige nimmt die Scheine und legt sie in die Kasse. Für umgerechnet fünfzig Cent gibt es dafür ein indisches Frühstück und einen süßen Milchtee. Der Teller mit herzhaftem Grießbrei, Curryblättern und Chili, der als Upma bekannt ist, liegt schon auf der Theke bereit. Ihre Kollegin schenkt noch den Tee ein. Sie gibt dem Nächsten in der Reihe zu verstehen, dass sie bereits mit dem Kassieren wartet. Gerade bleibt nicht viel Zeit für Smalltalk. Es hat sich eine kleine Schlange vor dem Kutumb Sakhi-Stand im Süden der indischen Metropole Mumbai gebildet. Zur Mittagszeit ist es meist voll, denn es gibt Hausfrauenkost zum fairen Preis.

Frauen, die für einen Imbiss arbeiten – so etwas sieht man in der Millionenstadt selten. Oft kochen Frauen zu Hause für die traditionellen indischen Mittagslieferdienste oder bereiten auf der heimischen Gasflamme Fladenbrot zu, das in Kiosken verkauft wird. Aber wer nach Frauen hinter den Tresen Ausschau hält, wird wenige entdecken. Es gibt kaum Köchinnen in Restaurants oder Frauen, die im Service fernab der Sternehotels arbeiten. Doch im Viertel Fort zwischen dem Gerichtshof, der Universität und dem Presseclub sieht es anders aus: Hier stehen bei der Kooperative Kutumb Sakhi Frauen hinter der Theke, an den Kochtöpfen und führen Buch. Insgesamt sieben Mitarbeiterinnen umfasst die Belegschaft von Kutumb Sakhi in Fort, was übersetzt „Familienfreundin“ bedeutet.

Die Filiale in Fort ist eine von fünf in Mumbai, in denen allerlei warme Snacks verkauft werden, wie zum Beispiel der berühmte Vada Pav, ein Kartoffelpuffer im Weizenbrötchen. An diesem Tag hat Ranjana Pawar hier Spätschicht. Ihr Blick ist streng, aber herzlich. Sie und ihre Kolleginnen sind so laut und lebenslustig, man würde nicht vermuten, dass unter ihnen Frauen sind, die durch Todesfälle oder Scheidung keinen leichten Stand in der Gesellschaft haben. Pawar trägt jedenfalls mit Stolz ihre blaue Schürze mit dem Schriftzug der Genossenschaft. Die Frauen hier haben sich eine gewisse Standhaftigkeit angewöhnt: Nicht jeder kann mit ihnen herumalbern, das wird auf den ersten Blick deutlich.

Ein Zuhause für Frauen

Für Pawar steht die Arbeit an oberster Stelle. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes war sie ihr Anker. „Solange mein Mann lebte, habe ich mich um den Haushalt gekümmert”, sagt sie. Über zehn Jahre ist das her. Um als alleinstehende Frau finanziell für ihre damals noch kleinen Kinder sorgen zu können, suchte sie sich einen Job. „Ein Verwandter vermittelte mir eine Beschäftigung”, erzählt sie. Ihre erste Stelle war in einem nahegelegenen Straßenverkauf, in dem neben Männern auch ein paar Frauen arbeiteten. „Doch als Alleinstehende wusste ich, dass ich mich wohler nur unter Frauen fühlen würde”, sagt sie. Als sie von Kutumb Sakhi erfuhr, wechselte sie kurzerhand. „Die Frauen hier sind Teil meiner Familie geworden”, sagt Pawar.

Sie ist nicht die Einzige, die sich bei Kutumb Sakhi zu Hause fühlt. Die 53-jährige Sauli Salunkhe ist Managerin der Kutumb Sakhi-Genossenschaft und arbeitet in der zwei Kilometer entfernten Zentrale. Seit 15 Jahren ist sie in der Organisation. „Ich habe mit dem Verkauf angefangen und mich dann zur Managerin hochgearbeitet”, sagt sie. „Frauen machen hier alle möglichen Arbeiten, je nach Interesse, Wissen und Qualifikation”, so Salunkhe. Die Frauen, die bei Kutumb Sakhi arbeiten, tragen wesentlich zum Einkommen der Familie bei. Das ist eines der Einstellungskriterien: Frauen die Möglichkeit geben, selbstständig zu sein und ihre Familien finanziell zu unterstützen.

Die Initiative geht auf die Soziologieprofessorin Dr. Chandrakala Hate zurück, die zusammen mit der Sozialarbeiterin Vandana Navalkar die Fraueninitiative Kutumb Sakhi vor über 40 Jahren gegründet hat. 1977 stellten sie durch eine Umfrage fest, dass Hausfrauen aus der unteren Mittelschicht gerne arbeiten würden, es ihnen jedoch an Möglichkeiten fehlte. Ihr Plan: Lokale Küche aus Maharashtra von Frauen gekocht und verkauft und das für einen erschwinglichen Preis. Ihre Geschäftsidee ging auf.
 
  • Eine Frau mit Brille steht am Tresen eines Imbiss und schreibt auf Dokumenten mit einem Stift Foto: © Natalie Mayroth
    Neeta, 43, ist Aufsichtsperson bei der Frauen-Kooperative Kutumb Sakhi und hat zwei Kinder. Sie arbeitet seit 10 Jahren mit der Organisation.
  • Eine Frau steht hinter dem Tresen des Imbiss und schaut in die Kamera Foto: © Natalie Mayroth
    Ranjana Pawar, 46, arbeitet in der Frauen-Kooperative Kutumb Sakhi in Fort, Mumbai seit 12 Jahren. Ihr Sohn ist 18, die Tochter 23. Als ihr Mann starb, fing sie an, zu arbeiten.
  • Upma - ein herzhafter Grießbrei mit Curryblättern und Chili Foto: © Natalie Mayroth
    Upma - ein herzhafter Grießbrei mit Curryblättern und Chili.
  • Eine Frau (Sauli) sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera Foto: © Natalie Mayroth
    Sauli Salunkhe ist Managerin von Kutumb Sakhi und arbeitet in der Zentrale.

Trotz Hindernissen geht es weiter

Doch Kutumb Sakhi ist mehr als eine Initiative. Dahinter steht eine Genossenschaft, die Frauen eine Perspektive gibt. Unter den Mitgliedern sind viele Alleinerziehende, Geschiedene und Witwen. „Nachdem meine Mutter in den Ruhestand ging, trat ich voll in die Organisation ein”, sagt die 57-jährige Reshma Navalkar, die Tochter von Vandana Navalkar. Ihr ist es wichtig, das Erbe ihrer Mutter auch über ihren Tod hinaus aufrechtzuerhalten. Vandana Navalkar und Chandrakala Hate waren Kutumb Sakhi Zeit ihres Lebens verbunden. Nun führt Navalkars Tochter die Geschäfte fort, auch wenn es nicht so einfach ist wie früher:  

„Nach der Pandemie fühlte es sich wie ein Neustart an”, sagt Navalkar. Für mehrere Monate musste sie die Läden schließen. Doch an Aufgeben war nicht zu denken. Nach und nach öffneten sie die Imbisse wieder, obwohl Schulen und Büros teils noch monatelang geschlossen blieben. Indien verfolgte zunächst eine harte Anti-Corona-Politik, im Frühjahr 2020 wurde ein strenger Lockdown ausgerufen und erst schrittweise wieder gelockert. „Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir den Betrieb wieder voll aufnehmen konnten. Es war eine schwierige Zeit für uns”, erinnert sie sich. Die Kundschaft war zurückgegangen.

Nun heißt es daher: doppelt so hart arbeiten. Von ein paar Filialen haben sie sich getrennt, doch seitdem sei das Geschäft mit den Essensbestellungen gestiegen, sagt Navalkar. Morgens ist sie in der Zentrale, die sich im S.K. Patil-Park befindet, anzutreffen. Während sie Administratives übernimmt, sitzt ihre Mitarbeiterin Sauli Salunkhe dann am Nachmittag am Schreibtisch und kümmert sich um die Tagesabrechnungen. Währenddessen kommen immer wieder Kunden vorbei, um Snacks und Tee zu kaufen, bis sie um sieben Uhr schließen.

Es sind die Schicksale der Frauen von Kutumb Sakhi, die Reshma Navalkar die Zuversicht geben weiterzumachen. „Sie sind der wichtigste Grund”, sagt sie. Hinter ihrem Schreibtisch erinnert ein Fotorahmen an ihre Mutter Vandana Navalkar. Ihre Idee wird durch ihre Tochter und all die anderen Frauen weiter geführt.

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