Maren Ade im Porträt Kunst des Fremdschämens

Die Regisseurin Maren Ade
Die Regisseurin Maren Ade | Foto (Ausschnitt): William Minke, © NFP marketing & distribution* / Komplizen Film

Langsam und beharrlich hat sich Maren Ade zu einer der spannendsten Filmemacherinnen Deutschlands entwickelt und gilt seit ihrer furiosen Komödie „Toni Erdmann“ als Retterin des deutschen Kinos.

Gerade als man sie fast schon abgeschrieben hatte, feierte Maren Ade 2016 mit ihrem dritten Spielfilm Toni Erdmann auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2016 einen Riesenerfolg. Angesichts dieses sensationellen „Comebacks“ wurde die 1976 geborene Regisseurin zur Retterin des deutschen Kinos ausgerufen.

Überschwängliche Reaktionen hatte sie bereits für ihr Beziehungsdrama Alle Anderen geerntet, das 2009 auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin unter anderem mit dem Silbernen Bären als Bester Film ausgezeichnet worden war. Und schon sechs Jahre zuvor, 2003, hatte das Jungtalent mit dem ebenfalls mehrfach preisgekrönten Low-Budget-Drama Der Wald vor lauter Bäumen die Kritiker elektrisiert. Maren Ade ist ein bisschen wie ein ewiger Geheimtipp. Sie nimmt sich für ihre Filme so viel Zeit, dass diese wie Solitäre anmuten, funkelnde kleine Meisterwerke, die in keine Schublade passen.

Charakterdramen mit Sensibilität und Humor

Der Wald vor lauter Bäumen Der Wald vor lauter Bäumen | Foto (Ausschnitt): © Komplizen Film Oberflächlich lässt sich die Regisseurin der früheren Berliner Schule, einer Gruppe von Filmemachern, die sich mit nüchtern, gar spröde inszenierten Alltagsgeschichten einen Namen machten, zuordnen. Doch die Konzentration, Sensibilität und besonders der Sinn für Humor, von denen Ades Charakterdramen geprägt sind, kennzeichnen sie als Filmemacherin, die in ihrer eigenen Liga spielt. Schon Der Wald vor lauter Bäumen, ihr mit Videokamera gedrehter Hochschul-Abschlussfilm, das Protokoll der zunehmenden Verzweiflung einer Junglehrerin, verriet eine souveräne Handschrift. Mit der frisch gebackenen, schwäbelnden Lehrerin Melanie Pröschle, die „frischen Wind“ in die Schule bringen will und sowohl vor ihrer Klasse wie auch bei privaten Kontakten auf herzerweichend peinliche Weise scheitert, schuf die badische Lehrerstochter Maren Ade einen unverwechselbaren Charakter.
 

In Alle Anderen steigert sich ein jungverliebtes Paar im Sardinien-Urlaub in einen durch uneingestandene Sehnsüchte und Statusängste befeuerten Psychokrieg. In Toni Erdmann erzählt Ade eine abstruse, aber durch die fein gesponnenen Figuren beglaubigte Vater-Tochter-Geschichte, in der eine eiskalte Jungmanagerin von ihrem Alt-Achtundsechziger-Vater mittels Scherzartikeln – Furzkissen, falsche Gebisse – sabotiert und auf irrwitzige Weise auch befreit wird.

Vielbeschäftigt als Regisseurin, Produzentin und Mutter

Im Gegensatz zu ihren Filmcharakteren, die darum ringen, im Leben anzukommen, verlief Ades Weg außerordentlich geradlinig. 1976 in Karlsruhe geboren, bekam sie mit 14 Jahren eine Videokamera geschenkt und drehte Filme mit Freunden. Sie absolvierte ein Praktikum bei einer Produktionsfirma, saß viel in Programmkinos – „amerikanische Independents“, erinnert sie sich, „keine Godards“, und wurde 1998 auf Anhieb zum Regiestudium an der Münchner Filmhochschule angenommen. Während des Studiums gründete sie mit einer Kommilitonin die Produktionsfirma Komplizen Film, mit der sie seither die eigenen Filme und die Projekte anderer „Berliner Schüler“ wie Valeska Grisebach, Vanessa Jopp und Benjamin Heisenberg auf den Weg bringt. Ade, die mit ihren Lebenspartner, Regisseur Ulrich Köhler (Schlafkrankheit), zwei Kinder hat – während der Postproduction zu Toni Erdmann wurde ihr zweiter Sohn geboren –, ist eine Karrierefrau, die ihren anspruchsvollen Beruf und ihre Familie unter einen Hut bringen muss. Als ihre eigene Chefin ist sie zwar in der vergleichsweise luxuriösen Lage, sich ihre eigenen Arbeitsbedingungen zu schaffen. Doch „im Kern sind Dreharbeiten extrem belastend“, weshalb sie nur alle sieben Jahre einen Film macht, „alle zwei Jahre, das ginge nicht für mich“.

Die Figuren sind das Wichtigste

Nicht nur deshalb bedürfen ihre Filme eines langen Reifungsprozesses. Als Vorbild für ihre Protagonistin Ines in Toni Erdmann diente ihr eine echte Unternehmensberaterin, mit der sie sich ausführlich austauschte. In der perfektionistischen Ines kann sie sich auch selbst wieder finden: „Beim Filmemachen muss man die Dinge sehr, sehr hoch hängen“. Die Autorenfilmerin arbeitet meist mit etablierten Theaterschauspielern, denn ihr Anspruch, „immer im Moment“ zu sein, ist nur von Schauspielern zu leisten, die das von Theaterproben kennen. „Mich zieht es immer zu den Figuren hin – ich beschäftige mich viel mit Subtexten, wenn ich Szenen schreibe, mit dem Wollen, den Wünschen“.
 

Gerade die verletzenden Worte in den Dialogen sind mit feinster Nadel gearbeitet. Ade ist dafür berüchtigt, ihre Drehbücher wortgetreu umzusetzen und Szenen bis zu 40 Mal zu wiederholen: „Ich liebe dieses Spiel mit mehreren Varianten, das Ausfummeln der Dramaturgie.“ Durch ihren sezierenden psychologischen Blick vermeidet sie zugleich Klischees: „Es ist so wie mit jedem Feindbild: wenn man sich näher damit beschäftigt, löst es sich ein bisschen auf.“

Lachen mit einem Kloß im Hals

Obwohl auch ihre früheren Filme absurden Humor besaßen, ging sie mit der Etikettierung von Toni Erdmann als Komödie ein Wagnis ein. Doch in dieser Königsdisziplin, deren Gelingen Präzision und Timing erfordert, kann die für ihre Genauigkeit bekannte Regisseurin allemal bestehen. Das Geheimnis ihrer über Bande gespielten Komik ist das „Fremdschämen“ über das peinliche Verhalten anderer: das Lachen mit einem Kloß im Hals, das bei Toni Erdmann in Rührung umkippt.
 

Gerade französische Kritiker begeisterten sich über die in deutschen Filmen nicht eben häufigen burlesken Momente. Sie schwärmten von einem zugleich verkopften und leichtfüßigen Film und bezeichneten ihn als „Juwel“ und „euphorisierende Pille“. Nun ist ihr Film für einen Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film bei der Verleihung 2017 nominiert. Erneut ruhen auf Maren Ade viele Hoffnungen, und wieder lässt sie sich nicht hetzen. „Ich habe erst mal nichts mehr zu sagen“, erklärt die gefeierte Regisseurin und will sich mit ihrem nächsten Film „wirklich Zeit lassen“.