Utopia Festival Tel Aviv 2015 Die Digitale Weltsprache

Utopia Festival
Utopia Festival | Foto: © Uri Aviv

Wie sieht der Nationalstaat in zwanzig Jahren aus? Wird menschliche Arbeit entbehrlich, wenn immer mehr Arbeitskräfte durch Roboter ersetzt werden? Und wie wollen wir unsere Zukunft generell gestaltet sehen? Im Zukunftslabor „Think Tank Utopia“ in Tel Aviv werden Lösungen für die großen Fragen der Zukunft gesucht.

Der Begegnungsort der „Utopia“-Konferenz, der Google Campus im 34. Stockwerk des Electra Towers, hatte dabei durchaus Symbolkraft, und das nicht nur auf Grund der panoramahaften Aussicht: Denn obwohl Google seine Headquarters in Mountain View in Kalifornien bezieht, öffnete der Internetkonzern am 7. September seine Pforten in Tel Aviv, der High Tech-Metropole des Nahen Osten. Das zeigt: Die „digital natives“ sind global vernetzt und dezentral aktiv – die spannendsten Entwicklungen der Digitalbranche werden mittlerweile auch fernab des Silicon Valleys besprochen.

Unter den gut 60 Teilnehmern der Konferenz fanden sich nicht nur Hacker, Start Up-Gründer und High Tech-Experten, sondern auch Umwelt- und Frauenrechtsaktivisten, Berufsphilosophen und Hobbyethiker, Romanautoren und Journalisten, Next Gen-Ärzte und Digitalkünstler. Der Reichtum an verschiedenen Berufsgruppen garantierte eine Vielfalt an verschiedenen Meinungen.

Maßgeblich inspiriert wurde die Konferenz vom Science Fiction-Genre, zumindest was die Namensgebung betrifft. Sowohl die zehn Redner als auch die Teilnehmer sollten sich nämlich mit der Frage „Was wäre wenn?“ beschäftigen. In den zehn Stunden schreckten sie nicht davor zurück, über den Tellerrand hinaus zu schauen und sich in Vorträgen, Arbeitsgruppen und offenen Diskussionen mit alternativen Lebensentwürfen, bevorstehenden Problemen und neuen Gesellschaftsmodellen auseinanderzusetzen – auch wenn diese jetzt womöglich noch utopisch erscheinen.

Der Mensch ist ersetzlich

Beispiele gefällig? Was schier unglaublich klingt und die Menschheit vor eine große Herausforderung stellen wird: In 20 Jahren werden 47% der heute vergebenen Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt werden.
So sieht es zumindest eine Studie der Oxford Martin School voraus.

Wenn man also nicht gerade als Pfarrer oder Hebamme arbeitet, so referierte Johannes Kleske, Gründer der digitalen Beratungsagentur „Third Wave“ aus Berlin, wird man früher oder später Gefahr laufen, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Und das nicht an einen ambitionierten Hochschulabsolventen, sondern an eine Maschine, die mit künstlicher Intelligenz gesegnet ist.

Die Branche, die als erstes von dieser Entwicklung betroffen sein könnte: Personen- und Warenbeförderung. Schon jetzt gibt es erste Testmodelle von Fahrzeugen, die selbstständig fahren. Und in wenigen Jahren könnten Taxi- und Fernfahrer gänzlich obsolet werden. An Hand dieser Berufe wird schnell klar, warum diese Entwicklung durchaus problematisch zu sehen ist: Wie reagieren diese Maschinen, wenn ein Verkehrsunfall unausweichlich wird? Bremsen sie, um das Leben des Passagiers zu retten, wenn das gleichzeitig bedeutet, dass mehrere Personen in anderen Fahrzeugen ums Leben kommen? Sind Menschenleben zählbar und somit gegeneinander aufzuwiegen? Moralische Bewertungskriterien besitzen die Fahrzeuge der Zukunft jedenfalls nicht.

Patriotismus nicht von heute

Ein weiteres Thema, das für Gesprächsstoff sorgte, war die Zukunft des Nationalstaates und seiner territorialen Beschaffenheit. Grenzen, da waren sich die Diskussionsteilnehmer einig, seien etwas Willkürliches, eine Hinterlassenschaft von Kolonialherren; und Patriotismus ein Konzept, das nicht mehr zeitgemäß erscheint. In einer globalisierten und digitalisierten Welt sei es unmöglich, sich durch eine Nationalität zu definieren, schließlich sei man allerhand verschiedenen Einflüssen ausgesetzt: der Popkultur aus den USA, Animes aus Japan oder Terrorbotschaften des Islamischen Staates.

Ob an Stelle klassischer Nationalstaaten womöglich „corporate states“ – also beispielsweise ein Google-Staat – treten könnten? Diese Frage warf Geraldine de Bastion, Kuratorin und Moderatorin der alljährlich in Berlin stattfindenden Digitalmesse re:publica, auf. Die Antwort lautet: Nein. Großkonzerne wie Google oder Facebook arbeiten gewinnorientiert. Um staatliche Belange, wie das Erheben von Steuern, Festsetzen von Mindestlöhnen oder gesetzliche Krankenversicherungen, wollen sie sich nicht kümmern. Dafür nutzen sie eben Staaten als Rohbauskelette, die ihnen gesellschaftliche Pflichten abnehmen – die aber im Zweifelsfall auszuhöhlen sind, zum Beispiel bei Datenschutz- oder Steuerfragen. Für potentielle Bürger böten die Großkonzerne jedoch auf Grund des Mangels an kulturellen Codes – wie etwa Nationalspeisen oder Feiertagen – ohnehin nicht genügend Identifikationsfläche.

Flüchtlingsstrom und grenzenlose Welt

Ein rührender Vortrag, der an diesem Tag den meisten Beifall erntete, kam von Katharina Dermühl. Sie stellte ihr Projekt „first contact“ vor: eine Initiative, die Flüchtlingen bei ihrer Erstankunft auf der griechischen Insel Samos Internetzugang bereitstellt und mit den wichtigsten Informationen versorgt.

Deutlich wurde: Internet ist heute zu einer Art modernem Grund- und Menschenrecht geworden – und es kommt nicht von ungefähr, dass viele Refugees Smartphones mit auf ihre Flucht nehmen. Die Mobiltelefone sind oft nicht nur der einzige Weg, überlebenswichtige Informationen zu beziehen, sondern werden von den Flüchtlingen gebraucht, um mit Familienangehörigen und Freunden in Kontakt zu bleiben. Deshalb werden bei Ankunft nicht nur Essens- und Kleiderspenden sowie Hygieneartikel und Trinkwasser benötigt – sondern auch Ressourcen gebraucht, um einen Internetzugang bereitzustellen.

Was die Flüchtlingskrise betrifft, herrschte zum ersten Mal so etwas wie eine größere Uneinigkeit an den Tischen, weil hier offenkundig idealistische Visionäre auf vernunftgesteuerte Realisten stießen. Einig war man sich, dass der Massenzustrom aus Bürgerkriegsländern das Potential habe, zum dringlichsten Problem der westlichen Welt im 21. Jahrhundert zu werden. Europas Pflicht sei es zu helfen. In welchem Umfang dies aber geschehen, und wie man Flüchtlinge auf einzelne Staaten verteilen sollte, diesbezüglich gingen die Meinungen der Diskussionsteilnehmer auseinander.    

Utopia Think Tank

7. September 2015
Google Campus
Yigal Alon 98, Tel Aviv

Redner: Yanki Margalit (Aladdin Knowledge Systems, SpaceIL), Karine Nahon (University of Washington, Interdisciplinary Center Herzliya), Geraldine de Bastion (re:publica, Digitale Gesellschaft e.V.), Guy-Philippe Goldstein (Journalist für u.a. Haaretz und Le Monde, Autor „Babel Minute Zero“), Luiza Prado (Universität der Künste, Berlin), Johannes Kleske (Third Wave, Berlin), Sandra Mamitzsch (re:publica, Digitale Gesellschaft e.V.), Tehila Altschuler (Israel Democracz Institute), Katharina Dermühl („first contact“, Startup-Boat), Eden Kupermitz (Tel Aviv University)