Arabische und jüdische Kinder gemeinsam im Klassenzimmer Zusammen lernen - zusammen leben

Center for Jewish-Arab Education in Israel
Center for Jewish-Arab Education in Israel | Foto: © Hand in Hand

Im Rahmen einer Exkursion zum Seminar „Das Bildungswesen Israels und seine Geschichte“ besuchte eine Gruppe von Lehramtsstudierenden der Universität Kassel im April 2014 die „Max Rayne Hand-in-Hand-Schule“ im Süden Jerusalems.

Diese Schule ist Teil eines Netzwerks von fünf integrativen bilingualen Schulen in Israel. Dort lernen muslimische, jüdische und christliche Schülerinnen und Schüler gemeinsam auf Hebräisch und Arabisch.

Im Interview berichtet Schuladministratorin Noa Yammer vom Schulalltag an der jüdisch-arabischen Schule, den pädagogischen Herausforderungen und den zukünftigen Zielen der Hand-in-Hand-Bewegung in Israel. Die Fragen stellte Jakob Baier, Lehrbeauftragter im Fachgebiet Historische Bildungsforschung, Institut für Erziehungswissenschaft, der Universität Kassel.

Wie unterscheidet sich der Schulalltag an der Hand-in-Hand-Schule im Vergleich zu dem anderer säkularer Schulen in Israel?

Die Schulen im israelischen Schulsystem sind verschiedenen Bevölkerungsschichten zugeordnet, z. Bsp. der ultra-orthodoxen, arabischen und säkularen Gesellschaften. Das bedeutet, dass es an den arabischen und jüdischen Schulen ganz unterschiedliche Curricula, Feiertage und Schulprogramme gibt. Und selbst im jüdischen Schulzweig gibt es unterschiedliche Schulen mit jeweils unterschiedlichen Schulprogrammen und einer unterschiedlichen curricularen Ausrichtung.
 

Eine jüdisch-arabische Schule

Unsere Schule ist eine jüdisch-arabische Schule, an der bilingual (mit je zwei Lehrer/innen pro Klasse), sowohl in Hebräisch als auch in Arabisch, unterrichtet wird und an der jüdische, arabische und christliche Feiertage und die Nationalfeiertage von Israelis und Palästinensern gefeiert werden. Allein in dieser Hinsicht unterscheidet sich unsere Schule sehr stark von den Schulen und Schulzweigen, die es in Israel gibt.

Können Sie den sozialen Hintergrund der Schüler an Ihrer Schule beschreiben?

Die Kinder treffen bei uns auf Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft – sowohl ethnisch als auch religiös und kulturell. Hier gibt es Juden und Araber. Viele von den arabischen Schülern haben die israelische Staatsbürgerschaft, die die keine haben, sind in Besitz einer Wohngenehmigung für Jerusalem. Die Mehrzahl der arabischen Schüler sind Muslime, etwa 20 Prozent von ihnen sind Christen. Und dann gibt es noch die jüdischen Israelis, die aus unterschiedlichen Ländern kommen, wie z. B. aus Äthiopien, Europa oder den USA. Es gibt in der Schülerschaft also ziemliche Unterschiede in Hinblick auf ihren sozioökonomischen Hintergrund. Es gibt hier viele Kinder aus der oberen Mittelschicht, aber es gibt auch Kinder, die aus unteren sozialen Schichten kommen, z. B. aus Ostjerusalem.
Die Schule kostet Geld – etwa 1.000€ pro Schuljahr – aber es gibt Stipendien für diese Kinder. Generell kommt die Mehrheit der Schüler nicht aus den unteren sozialen Schichten.

Wie werden die Stipendien finanziert?

Die Stipendien werden hauptsächlich durch Spenden finanziert. Überall auf der Welt, z. B. in den USA und Europa, gibt es Menschen, die uns helfen und dazu beitragen wollen, dass die Schulen für jedes Kind, das sie besuchen möchte, zugänglich sind.

Welche Herausforderungen birgt der Schulalltag an Ihrer Schule?

Es gibt viele Herausforderungen. Einige dieser Herausforderungen haben mit dem ganz normalen Schulalltag zu tun, wie z. B. Platzmangel oder Ressourcen- und Zeitmangel, um all das zu schaffen, was wir wollen. Das sind Herausforderungen, die sich auch an anderen Schulen stellen. Gleichzeitig gibt es aber Herausforderungen, die bei uns einzigartig sind, weil wir ein System schaffen, das anderorts nicht existiert. Ein Beispiel dafür sind die nationalen Gedenktage. Das sind die Momente, die die Unterschiede zwischen Juden und Arabern, zwischen Israelis und Palästinensern zum Vorschein bringen. Jedes Jahr ist dies eine riesige Verantwortung: Wie begehen wir diesen Anlass? Wie reden wir darüber? Wie helfen wir jüdisch-israelischen Kindern ihre eigene Identität und den Bezug zu ihrer Heimat zu stärken und gleichzeitig die palästinensische Geschichte zu ehren und zu respektieren, um sie auf die gleiche Ebene zu stellen?

Bringt die Sache auf den Tisch! Lasst uns darüber sprechen!

Im Fall des israelischen Unabhängigkeitstags könnte das durchaus zu Spannungen führen, denn die Palästinenser, von denen viele während und nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 vertrieben wurden, nennen dieses Geschehen daher ‚Nakba’, was übersetzt ‚Katastrophe’ bedeutet. Wie geht die Schule damit um?

Nun, das ist sehr schwer und ich bin nicht sicher, ob wir die perfekte Lösung dafür gefunden haben. Das ist etwas, was wir jedes Jahr aufs Neue versuchen herauszufinden. Dafür laden wir die Eltern, Lehrer und Erzieher unserer Schule ein, um darüber zu sprechen und zu entscheiden: Wie begehen wir diesen Anlass in diesem Jahr? Welche Themen kommen dabei auf? Unser Ansatz ist also, permanent darüber zu reflektieren und uns neue Wege zu überlegen, die den Unterricht an diesem Tag leiten. Unser Grundsatz bei allem ist: Lasst uns die Dinge auf den Tisch legen! Lasst uns darüber reden! Es geht nicht darum, etwas zu verstecken. Es geht nicht darum, eine künstliche Blase zu schaffen. Es geht nicht darum zu sagen: „Die Geschichte zählt nicht. Lasst uns neu beginnen!“ Unsere Geschichte zählt sehr wohl und sie ist überaus bedeutsam.

Wir sind sehr unterschiedlich und blicken auf unterschiedliche Weise auf die Geschichte und das liegt an unserer Herkunft. Manchmal streiten wir uns und manchmal ist es für die Lehrer schwer, denn sie unterrichten immer in Paaren, einem jüdischen und einem arabischen Lehrer. Also besonders an den Nationalfeiertagen ist unser grundlegender Ansatz: Lasst uns über den Staat Israel als herausragenden Teil der jüdischen Geschichte sprechen, aber lasst uns auch über 1948 sprechen und die Folgen dieser Ereignisse für die Palästinenser.

In Deutschen Medien wird derzeit viel über die Entführung der drei israelischen Jugendlichen berichtet* und auch über die Reaktion der israelischen Regierung. Entsteht durch diese Entwicklungen eine Atmosphäre des Misstrauens an der Schule oder zumindest unter den Schülern? Wenn ja, wie geht die Schule damit um?

Das ist für mich nicht einfach zu beantworten, da ich mit den Lehrern noch nicht darüber gesprochen habe und deshalb nicht weiß, wie in den Klassen darüber gesprochen wird. Es ist definitiv ein großes Thema. Es gab Diskussionen innerhalb und außerhalb der Klassenzimmer und die Reaktion war: Bringt die Sache auf den Tisch! Lasst uns darüber sprechen! Aber lasst es uns in einem schützenden und strukturierten Rahmen tun.

Von einem Gespräch mit ein paar Neuntklässlern heute morgen weiß ich ein wenig, wie die Kinder darüber denken. Sie waren unterschiedlicher Meinung. Sie sprachen nicht von Misstrauen oder darüber, dass sie sich deshalb mit Freunden verkrachen. Die Schüler mit denen ich sprach sind ausnahmslos der Meinung, dass es sich bei dem Kidnapping um ein schreckliches Ereignis handelt und dass sie hoffen, dass die drei gekidnappten Jugendlichen wieder wohlbehalten nach Hause kommen. Aber einige Schüler waren aufgebracht über die Reaktion der israelischen Regierung, von denen sie meinen, sie sei unverhältnismäßig und die sie als Kollektivstrafe für viele Palästinenser empfinden, die sich nichts zu Schulden kommen lassen haben. Also gab es heftige Diskussionen über die verschiedenen Ansichten und was diese bedeuten.

Wie blickt die israelische Gesellschaft auf die Idee hinter Hand in Hand? Unterstützt die Regierung Hand in Hand?

Wunsch nach mehr Schulklassen

Das Israelische Bildungsministerium unterstützt uns finanziell – fast all unsere Schulen sind öffentliche Schulen. Ich denke, dass es viele Menschen in Israel gibt, sowohl Araber als auch Juden, die aus verschiedenen Gründen ihre Probleme mit uns haben. Aber es gibt in vielen Städten in Israel auch eine Menge Menschen, die neue Hand-in-Hand-Schulen errichten wollen und die bestehenden Hand-in-Hand-Schulen ausbauen und erweitern möchten. In Haifa und in Jaffa gibt es zwei Vorschulen, die ausgebaut werden sollen. Es gibt ca. 200 Familien, die gerne ihre Kinder an die Vorschulen schicken würden, aber wir haben einfach nicht genug Ressourcen oder die Zustimmung der Stadtbehörde, um so viele neue Klassen einzurichten.

Was ist das Ziel der Hand-in-Hand-Bewegung für die nahe Zukunft?

Center for Jewish-Arab Education in Israel Foto: © Hand in Hand Unser Ziel ist es zu expandieren und wachsen zu lassen, was wir bereits haben. Wir haben drei Schulen und zwei Vorschulen und jede unserer Schulen ist umgeben von einer aktiven Gemeinde. Uns ist es wichtig, dass die Erwachsenen – über das Unterrichten der Kinder hinaus – Verantwortung übernehmen. Dies ist für uns eine Möglichkeit unseren Einfluss zu erweitern, von der Gemeinde aus, über die Stadt bis hin zur Region des Landes, in der sich unsere Schule befindet.

Unser Ziel ist es also, das was wir haben, weiterzuentwickeln und auszuweiten und darüber hinaus fünf bis zehn neue Schulen zu eröffnen, die jeweils von einer aktiven Gemeinde umgeben sind.

Wir wollen, dass die Menschen wissen, dass es uns gibt. Allein das kann etwas bewirken. Wir hoffen, dass wir es innerhalb der nächsten zehn Jahre schaffen, jedem Interessierten die Möglichkeit zu bieten, Teil eines gemeinschaftlichen Miteinanders zu werden.

*Das Interview wurde am 19.06.2014 geführt, elf Tage vor Bekanntwerden der Ermordung von Eyal Yifrach, Gilad Sha’er und Naftali Frenkel und 13 Tage vor der Ermordung von Muhammad Hussein Abu Khdeir. 
 

Jakob Baier war 2012 Praktikant am Goethe Institut in Tel Aviv und ist derzeit Lehrbeauftragter an der Universität Kassel. In Rahmen seines Seminars „Das Bildungswesen Israels und seine Geschichte“ organisierte er im April 2014 eine Exkursion nach Israel. Dabei bildeten auch jüdisch-arabische Begegnungs- und Bildungsprojekte einen thematischen Schwerpunkt.