Der wachsende Erfolg deutschsprachiger Musik DEUTSCH wird Top

Interview mit Jörg Klinner, Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts Israel, über den wachsenden Erfolg deutschsprachiger Musik.

Herr Klinner, das hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben: Deutschsprachige Künstler haben die deutsche „Top10“, also die zehn meistverkauften Alben in Deutschland, vor wenigen Wochen komplett erobert. So viel Deutsch an der Spitze – was ist das plötzlich los?

Ich höre jeden Morgen via Livestream selbst hier in Tel Aviv noch meinen deutschen Lieblingssender. Und da hat sich das Anrollen dieser „Neuen Deutschen Welle“ wie sie manche schon nennen bereits angekündigt: Dieses Bedürfnis von immer mehr deutschen Künstlern, sich in der eigenen Sprache statt in Englisch auszudrücken. Ganz selbstverständlich werden deutschsprachige Lieder ins sonst von englischen Titeln dominierte Programm gemischt. Für uns, die wir Deutsch als Fremdsprache unterrichten, ist dieser Trend natürlich wunderbar. Der Fundus an Material für den Unterricht und für alle, die Deutsch lernen wollen, wächst und wächst. Das Goethe-Institut hat mit „Step into German“ deshalb ja auch eine eigene, wie ich finde, sehr ansprechende Website speziell für das Lernen von Deutsch mit Musik und Videoclips gestartet. Kurz: Es ist vor allem viel mehr los als zuvor! Und das ist großartig.

Woran liegt's, dass deutschsprachige Musik plötzlich so geballt erfolgreich ist?

Es ist ja nicht so, dass deutschsprachige Musik in Deutschland bisher überhaupt nicht populär ist, im Gegenteil. Deutsche Volksmusik, der Deutsche Schlager, deutscher HipHop oder Rap – es gibt in der deutschen Musik wirklich diverse, auch kommerziell erfolgreiche, Genres neben der Pop- und Rockmusik und natürlich der klassischen Musik zu entdecken. Jedes hatte aber bisher oft seine bestimmten Ziel- und Fangruppen – seien es überwiegend Ältere bei der Volksmusik, überwiegend Jüngere zum Beispiel beim HipHop. Aber manche Genres, wie die Volksmusik oder der Schlager, haben in Deutschland vor allem beim jüngeren Publikum lange kein allzu gutes Image gehabt. Diese Musik galt als bieder, kitschig, weltfremd, wenig innovativ. Aber auch diese Wahrnehmung hat sich gewandelt, vor allem dank einiger neuer erfolgreicher junger Künstler. 

Zum Beispiel?

Speziell was den Deutschen Schlager betrifft?

Ja. Diesem bisher nicht sonderlich respektierten Genre ...

Da hat wohl Helene Fischer einiges verändert. Sie hat das Image des Deutschen Schlagers durch ihr Auftreten, ihr Aussehen, ihr junges Alter von rund 30 Jahren und dank großer Bühnenspektakel bei ihren Konzerten mächtig aufgemischt. Während ihrer Tourneen füllt sie mittlerweile die größten Stadien in Deutschland, was sonst nur internationalen Stars gelingt.
 



Ihr Hit „Atemlos“ ist eines der erfolgreichsten Lieder der vergangenen Monate. Selbst ein sehr guter israelischer Freund von mir hört manchmal Remixe ihres deutschsprachigen Albums – und das beim Training in der Gym, hier in Israel. Das finde ich schon bemerkenswert. Aber eben gerade im Pop, der ja sonst Englisch dominiert ist, fällt auf, dass auf Deutsch zu singen normal wird.

In Frankreich oder den englischsprachigen Ländern ist es schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, in der eigenen Sprache zu singen. Haben deutsche Künstler plötzlich ihre eigene Sprache wiederentdeckt?

Offensichtlich. Ein anderes Beispiel: Sarah Connor. Sie ist seit Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen überhaupt, aber bis vor kurzem ausschließlich mit englischen Songs. Auch deshalb, weil sie, wie sie sagt, in ihrem Elternhaus nur englischsprachige Musik gehört hat. Während einer Fernsehshow, bei der Künstler die Songs von anderen Künstlern neu interpretieren, hat sie es vor Monaten dann zum ersten Mal auf Deutsch versucht und ein enorm positives Echo bekommen. Daraufhin hat sie angefangen, selbst Lieder zu schreiben – auf Deutsch. Weil sie glaubte, ihre Gedanken, ihre Gefühle auch nach einer für sie persönlich schwierigen Zeit so präziser und echter ausdrücken zu können. Ihr Werk hat sie schließlich „Muttersprache“ genannt. Und sie hat Erfolg damit. Das Album schoss an die Spitze der deutschen Charts. 

Es gibt in der deutschen Popmusik also eine neue Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit im Umgang mit Deutsch?

Vielleicht kann man es so sagen: Die Selbstwahrnehmung und das Verhältnis der Deutschen zu sich selbst hat sich verändert. Und damit gewiss auch zur eigenen Sprache. Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat gewiss dazu beigetragen. Deutschland wurde von außen als weltoffenes Land gesehen und hat sich selbst auch so erlebt. Ein Land, das positiv auf seine Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem unvorstellbaren Verbrechen der Shoa blicken kann: hin zu einer stabilen Demokratie und einer erfolgreichen Wirtschaftsnation in Europa. Und die heutige Generation an Songschreibern hat die deutsche Sprache nicht mehr selbst als Mittel nationalsozialistischer Propaganda erlebt. Viele aus den Generationen vor ihnen schrieben oft noch deshalb bewusst auf Englisch und nicht in ihrer eigenen Sprache Deutsch, um sich davon zu distanzieren und abzugrenzen. Für heutige Songschreiber ist Deutsch aber wieder einfach die Sprache, in der sie jeden Tag denken und träumen, der beste Weg, das eigene Lebensgefühl, das sich eben auch um Liebe, Beziehungen, Ängste und Träume, also ganz persönliche Gedanken und Gefühle dreht, zu beschreiben und zu transportieren. Sie gehen unbefangener und spielerischer mit ihr um.

Ihr eigenes deutsches Lieblingslied?
 

Auf eines kann ich mich nicht beschränken! Von den aktuellen Chartstürmern gefällt mir Mark Fosters „Flash mich“ sehr gut. Von der Band „Die Fantastischen Vier“ besonders das Lied „MfG“.Das Lied ist einfach lustig, weil es spielerisch mit der deutschen Sprache umgeht, in der es ja viele Abkürzungen gibt, die man erst mal entschlüsseln muss. Und „Mensch“, ein Lied von Herbert Grönemeyer, berührt mich selbst nach 15 Jahren nach wir vor. Grönemeyer hat es nach dem Krebstod seiner Frau geschrieben. Obwohl er von Verlust und von Trauer erzählt, sagt er gleichzeitig: Der Mensch zeichnet sich auch dadurch aus, dass er sich von solchen Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lässt, dass er weitermachen kann.
 

Von „Einshoch6“, der HipHop-Band, die wir in diesem Jahr zu unseren Deutschlandtagen eingeladen hatten, gibt es diverse Lieder, die mir sehr gefallen. Und weil die Band bei den Besuchern hier in Israel so gut ankam, versuchen wir, für den israelischen Vorentscheid zur „Internationalen Deutschlerner Olympiade“ im nächsten Jahr vielleicht wieder einen deutschen Künstler einzuladen, gern den Sänger „Clueso“. Wir hoffen sehr, dass das gelingt. Musik packt jeden, ist ein leichterer Zugang zu Sprache als sich gleich ein Buch vorzunehmen. Wer Deutsch lernt, dann Liedtexte auch mehr und mehr versteht, wird dann auch schnell merken: Diese „Neue Deutsche Welle“ reißt irgendwann auch ihn mit. Denn: Es gibt wirklich so viel Gutes zu entdecken!