Erinnerung „Die Violinen geben den Ermordeten ihre Stimme zurück“

Amnon Weinstein, 75, restauriert Violinen von jüdischen Musikern, von denen viele in den deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Am 27. Januar 2015, anlässlich des deutschen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus, fand ein großes Konzert in der Berliner Philharmonie statt – mit 16 dieser Violinen.
Ein Interview mit dem Geigenbauer in seiner Werkstatt in Tel Aviv. 

Was für eine Sammlung, Herr Weinstein! Wie viele Instrumente füllen denn diese Räume?

AMNON WEINSTEIN: Ich weiß es gar nicht genau. Mein Vater, der auch ein Geigenbauer war, hat damit angefangen. Allerdings nicht ganz freiwillig.

Was meinen Sie?

WEINSTEIN: Als nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr die Ausmaße des Holocaust bekannt wurden, wollten viele Musiker hier in Israel auf ihren oft von deutschen Geigenbauern gefertigten Instrumente nicht mehr spielen. Ein persönlicher Boykott. So wie es auch für andere deutsche Produkte, zum Beispiel deutsche Autos, geschah. Andere Musiker waren nach ihren Erlebnissen in den Konzentrationslagern derart traumatisiert, dass sie nicht mehr spielen konnten. In beiden Fällen: Viele wollten ihre Violinen loswerden, waren sogar bereit, sie zu zerstören. Das konnte mein Vater nicht mitansehen und kaufte sie. Wissend, dass er die meisten wohl nicht wieder verkaufen kann.

Sie selbst haben vor rund 25 Jahren begonnen, Violinen mit besonderer Geschichte zu sammeln: Instrumente von jüdischen Musikern, von denen viele im Holocaust umgekommen sind. Warum haben Sie damit angefangen?

WEINSTEIN: Natürlich, weil auch ich verhindern möchte, dass vergessen wird, was damals geschah, wie viele ermordet worden sind: allein sechs Millionen Juden! Und als Geigenbauer weiß ich, wie man diese Violinen wieder in einen solchen Zustand versetzt, dass man auf ihnen spielen kann. Und nichts berührt und öffnet Menschen so sehr wie Musik. Wenn auf diesen Violinen gespielt wird, ist das, als ob die Ermordeten wieder eine Stimme bekommen. Und die, die zuhören, werden neugierig, welches Schicksal wohl hinter diesem Instrument steht, und fragen nach. So gut ich es recherchieren konnte, erzähle ich es ihnen. Dieses Interesse der Zuhörer habe ich bei Konzerten auch in Deutschland, sei es in Worms oder in Mainz, erlebt. Das Berliner Konzert wird für mich jetzt aber wohl noch einmal besonders emotional.

Das Konzert in der Berliner Philharmonie?

WEINSTEIN: Ja. Ich bin mir sicher: Wenn ich in dem Konzertsaal sitze und mir dann noch einmal klar mache, dass diese Violinen in eben der Stadt gespielt werden, von wo aus der Holocaust maßgeblich geplant worden ist, wird das gewiss eine Erfahrung sein, die mich sehr berührt. Gleichzeitig finde ich es unglaublich, dass diese Violinen von solch hochkarätigen Musikern gespielt werden. Die Berliner Philharmoniker sind einfach eines der besten Orchester der Welt.

  • Amnon Weinstein Foto: Felix Rettberg
    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
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    Amnon Weinstein
  • Amnon Weinstein Foto: Felix Rettberg
    Amnon Weinstein
  • Amnon Weinstein Foto: Felix Rettberg
    Amnon Weinstein
Wie kam es ausgerechnet vor rund 25 Jahren dazu, mit diesem Projekt des Sammelns und Restaurierens der Violinen zu beginnen? Warum nicht früher?

WEINSTEIN: Bis Ende der 1980er Jahre wollte ich mich kaum näher mit dem Holocaust beschäftigen. Der Großteil meiner Verwandtschaft ist damals ermordet worden. Bei uns zuhause haben meine Eltern nicht darüber gesprochen. Zu groß war der Schmerz. Eines Tages, Ende der 1980er Jahre, kam ein älterer Herr in meine Werkstatt. Seine Violine wollte er für seinen Enkel restaurieren lassen. Seitdem er Auschwitz überlebt hatte, hatte er selbst nicht mehr darauf gespielt. Als ich das Instrument dann zum Reparieren öffnete, fand ich darin Reste von Asche. Allein der Gedanke, dass es Asche aus den Krematorien des Lagers sein könnte, hat mich so geschockt, dass ich weiterhin abgeschreckt war, mehr wissen zu wollen. Dann aber kam Daniel Schmidt, ein junger Bogenbaumeister aus Dresden, der bei mir in der Werkstatt für zwei Jahre arbeitete. Er hat nicht locker gelassen.

Nicht lockergelassen?

WEINSTEIN: Er wollte mehr wissen über all die gesammelten Instrumente bei uns. Die waren ja einst in sehr renommierten deutschen Werkstätten gebaut worden. Er wollte, dass ich eine fachliche Vorlesung über sie halte. Drängte mich immer wieder. Als ich dann in Dresden schließlich eine Vorlesung hielt, hat sich mein Interesse an Violinen, die in Konzentrationslagern gespielt wurden, und an solchen, die ihre Besitzer überlebt haben, schlagartig geändert. Damals rief ich im Radio dazu auf, mit solchen Violinen zu mir zu kommen. Mittlerweile kommen die Menschen von allein in meine Werkstatt. Und mein Sohn Avshalom unterstützt mich bei der Arbeit. Für uns beide ist dieses Projekt zu einer Mission geworden.

Spielen Sie gelegentlich selbst auf diesen Violinen?

WEINSTEIN: Nein. Man muss sich entscheiden: Musizieren oder Restaurieren. Beides ist durch die physische Beanspruchung der Hände und des Arms beim Arbeiten nicht möglich. Ich habe mich entschieden: für das Restaurieren.