Über Brücken Das Bild Deutschlands in Israel. Impressionen nach einem Jahr.

Verschwindende Wand_Rabin Square
Verschwindende Wand_Rabin Square | Foto: Cedric Dorin © Goethe-Institut Israel

Es gibt einen schönen Essay von Friedrich Dürrenmatt über eine Reise nach Israel. Für den Autor sind Auftritte in zahlreichen Städten des Landes vorgesehen. Vor der Abreise bereitet er einen Vortrag vor. Nach dem ersten Auftritt ist er unzufrieden. Die ganze Nacht schreibt er den Redetext um. Am Morgen, so scheint ihm, hat er eine bessere Fassung produziert. Doch die Erfahrungen am zweiten Ort lassen ihn abermals zum Text zurückkehren. Dies wiederholt sich auch bei der dritten Station. Neue Einblicke zwingen ihn dauernd zu neuerlichen Revisionen. Am Ende der Reise hat er seinen Vortrag auf jeder einzelnen Etappe umgeschrieben. 

Neuer Blick

Mittlerweile bin ich ein Jahr in Israel, und auch ich muss dauernd meine Auffassungen überarbeiten. Aber dieser Artikel soll ja glücklicherweise eine recht konkrete Frage beantworten. Welche Haltung haben Israelis zu Deutschland? Um es gleich vorwegzunehmen: eine ausgesprochen positive. Eine Haltung, die mich beeindruckt. Und berührt. Und hilflos macht.

Fraglos spielt die Zeit hierbei eine Rolle. Nicht, dass sie die Wunden der Shoa heilte. Die können nämlich nicht geheilt werden. Aber neben dieses monströse Narrativ beginnt doch, ein anderes zu treten, das sich aus anderen Erfahrungen speist.

Da ist die Choreographin, deren Großeltern verschiedene Konzentrationslager überlebt haben. Lange nach Ende des Krieges fuhren sie zusammen mit ihren Kindern in die Schweiz und fotographierten ihre Füße direkt diesseits der Grenze zu Deutschland: nie wieder dorthin. Die Choreographin sagt mir, dass sie sie versteht. Aber selbst anders empfindet. „Deutschland ist derzeit eines der freiesten Länder. Ich arbeite häufig dort.“ Sie hat sogar einen deutschen Freund. Was denn die Familie dazu sage? „Das erste Treffen war für alle Beteiligten schwer. Aber inzwischen mögen sie ihn sehr gern.“

Da ist der Kreative, der mehrere Jahre in Berlin gelebt hat. „In Berlin fragt dich keiner, wer du bist und woher du kommst.“ Dass das eine recht eingeschränkte Wahnehmung sei, wende ich ein. Er zuckt mit den Schultern. „So hab ich’s erfahren. Hier in Israel bin ich die ganze Zeit jemand. Ahkenasi oder Sepharde. Religiös oder säkular. Jude oder Araber. Links oder rechts.“

Zur Eröffnung des deutsch-israelischen Jahres anlässlich der 50jährigen diplomatischen Beziehungen ist Präsident Reuven Rivlin gekommen. Er steht auf der Veranda der Residenz des deutschen Botschafters und hält eine Ansprache. „Vor fünfzig Jahren war ich einer der Anführer der Proteste gegen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen.“ Ich nicke unwillkürlich. Wär ich auch gewesen, denke ich. „Und heute“, fährt Rivlin verschmitzt fort, „bin ich froh, dass wir uns damals nicht durchgesetzt haben.“ 

Die Verschwindende Wand

Unsere Installation auf der Jerusalemer Buchmesse ist eine große Attraktion. In einem etwa fünf Meter breiten und zweieinhalb Meter hohen Rahmen befindet sich ein Gitter aus Plexiglas, in dem sechstausend Holzklötze stecken. Diese sind mit deutschen Zitaten von Dichtern und Denkern aller Art bedruckt, im Original wie auch in hebräischer und arabischer Übersetzung. Die Klötze selbst sind zum Mitnehmen. Ein schöner Anblick, wie die vielen Leute allen Alters die Zitate lesen und darüber diskutieren. Nach einem Tag ist die Wand bereits leer. Fania Oz-Salzberger hat zur Podiumsdiskussion zwei der Klötze mitgebracht. „Dieses Zitat beschreibt die Empfindungen meines Vaters“. Sie hält Heines Denk-ich-an-Deutschland-in-der-Nacht hoch. „Mein Vater besucht häufig seine deutschen Freunde. Aber nachts, nachts in Deutschland, da kann er nicht schlafen.“ Ihr gehe das nicht so. Sie nehme in Berlin mehr wahr als die Jahre des Terrors. Sie spüre auch die 20er Jahre, das neunzehnte Jahrhundert. Auch die Sprache ist für sie offensichtlich nicht mit negativen Assoziationen besetzt. „Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“. Ein Zitat von Heinrich Böll. Das ist ihr Klotz. 

Die deutsche Sprache. Bis vor Kurzem wurde sie, von ein paar Arbeitsgemeinschaften abgesehen, nicht an israelischen Schulen unterrichtet. Jetzt soll es Deutsch sogar als Wahlfach geben. Unsere Sprachabteilung macht Werbung in der Tel Aviver Universität. Aus der Zentrale des Goethe-Instituts, die Sprachmaterialien aller Art zur Verfügung stellt, haben wir eine Ausstellung übernommen, die in Form der sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets eine mild-ironische Einführung gibt. Deutschland für Anfänger, so der Titel. Ich kann nicht sagen, dass ich mit allem, was da steht, glücklich bin. Aber was soll’s. Unterm Strich kann man so etwas schon machen. Dieser Meinung ist der Demonstrant im Eingangsbereich nicht. Er hält ein Plakat in die Höhe, auf das er Reproduktionen von Fotos der Leichenberge aus den Konzentrationslagern geklebt hat. Keiner schenkt ihm Beachtung. Ich gehe zu ihm. Er ist etwa dreißig Jahre alt. Woher ich komme, will er wissen, und ob ich Jude sei. Wir beginnen uns zu unterhalten. Wobei: eigentlich redet nur er, und er redet über alles mögliche. Vieles von dem, was er sagt, empfinde ich als chauvinistisch. Ich versuche dagegenzuhalten. „Hör auf“, fällt er mir ins Wort. „Hör bloß auf mit deinem Habermas-Gesülze. Ich hab sie alle gelesen, deine linken Idole, und ich sag dir eins: nur weil euer Nationalismus in der Katastrophe endete, heißt das nicht, dass jetzt keiner mehr Nationalist sein darf. Oder wollt ihr schon wieder bestimmen, wo’s entlang geht?“ Das Gespräch hat mich aufgewühlt. Auf dem Weg nach Hause spreche ich lange mit einem israelischen Freund darüber. „Vergiss es einfach“, sagte der. „Eine Ausstellung wie diese machen, das heißt doch nicht, die Shoa relativieren. Aber mit so einem kannst du nicht diskutieren. Das bringt absolut nichts. Übrigens: vor zwanzig Jahren hätte eine solche Ausstellung hier überhaupt nicht gezeigt werden können. Die Zeiten haben sich geändert.“  

Humor

Mein Lieblingsprojekt machen wir zusammen mit Etgar Keret, einem der witzigsten und ernsthaftesten Schriftsteller überhaupt und zudem ein unglaublich liebenswerter Mensch. Sein Vater überlebte die Nazizeit sechshundert Tage in einem Erdloch, seine Mutter das Warschauer Ghetto. Als wir uns wieder einmal im Projektteam treffen, mache ich irgendeinen Vorschlag, der ziemlich dämlich gewesen sein muss. Alle reden laut auf mich ein. Schließlich wird es wieder ruhig. Da sagt Etgar mit spitzbübischem Grinsen: „So ist das eben. Ihr Deutschen zahlt Geld. Und wir Juden schreien euch trotzdem an.“ „Und wenn ich dich anschreien will?“ „Vorsicht“, antwortet Etgar, und sein Grinsen wird noch breiter. „Ich bin second generation. Meine Eltern sind Überlebende.“ Dann bricht er in lautes Lachen aus. Ich zögere. Und ja, dann lache ich mit.

Postscriptum: Nach einer kürzlich durchgeführten Erhebung haben 70% der Israelis ein positives Deutschlandbild. Umgekehrt gilt dies nicht: nur 35% der Deutschen assoziieren Israel positiv. Dieser Wert hat sich seit den Neunziger Jahren kaum verändert.