„Der Emigrantenchoral“ von Walter Mehring

„Der Emigrantenchoral“ von Walter Mehring
Foto: colourbox.de

Deutschland erlebt derzeit gerade die Ankunft von vielen Flüchtlingen. Die Geschichte, insbesondere auch die deutsch-jüdische Geschichte, lehrt uns, wie schnell man ungewollt zu einem Flüchtling werden kann, und wie schwierig und zugleich wichtig es ist, Länder zu finden, die in einer solchen Situation willkommen heißen. Als uns die aktuellen Bilder der Flüchtlinge in Deutschland erreichten, fühlte ich mich sofort an den „Emigrantenchoral“ des großen jüdischen Schriftstellers und Kabarettisten Walter Mehring erinnert, dessen Bücher 1933 verbrannt wurden und der nur mit Mühe und Not 1941 vor den Nazis nach Amerika fliehen konnte. Walter Mehring starb, in Vergessenheit geraten, 1981 im Schweizer Exil.
Wolf Iro, Institutsleiter 

Werft
eure Herzen über alle Grenzen
und wo ein Blick grüßt, werft die Anker aus!
Zählt auf der Wandrung nicht nach Monden, Wintern, Lenzen,
starb eine Welt – ihr sollt sie nicht bekränzen!
Schärft
das euch ein und sagt: Wir sind zu Haus!
Baut euch ein Nest!
Vergesst – vergesst,
was man euch aberkannt und euch gestohln!
Kommt ihr von Isar, Spree und Waterkant:
Was gibt’s da heut zu holn?
Die ganze Heimat
und das bisschen Vaterland,
die trägt der Emigrant
von Mensch zu Mensch – von Ort zu Ort
an seinen Sohln, in seinem Sacktuch mit sich fort.

Tarnt
euch mit Scheuklappen – mit Mönchskapuzen:
Ihr werdet doch die Schädel drunter beuln!
Ihr seid gewarnt: das Schicksal läßt sich nicht uzen –
wir wolln uns lieber mit Hyänen duzen,
als drüben mit den Volksgenossen heuln!
Wo ihr auch seid:
Das gleiche Leid
auf ’ner Wildwestfarm – einem Nest in Poln.
Die Stadt, der Strand, von denen ihr verbannt:
Was gibt’s da noch zu holn?
Die ganze Heimat
und das bisschen Vaterland,
die trägt der Emigrant
von Mensch zu Mensch – von Ort zu Ort
an seinen Sohln, in seinem Sacktuch mit sich fort.

Werft
eure Hoffnung über neue Grenzen –
reißt euch die alte aus wie’n hohlen Zahn!
Es ist nicht alles Gold, wo Uniformen glänzen!
Solln sie verleumden – sich vor Wut besprenzen -
sie spucken Hass in einen Ozean!
Lasst sie allein
beim Rachespein.
Bis sie erbrechen, was sie euch gestohln,
das Haus, den Acker – Berg und Waterkant.
Der Teufel mag sie holn!
Die ganze Heimat
und das bisschen Vaterland,
die trägt der Emigrant
von Mensch zu Mensch – landauf, landab.
Und wenn sein Lebensvisum abläuft, mit ins Grab.