Theater und Tanz Nathan, der Weise

Bei der Probe: Jutta Hoffmann (links) und Jara Elham-Jarrar.
Bei der Probe: Jutta Hoffmann (links) und Jara Elham-Jarrar. | Foto: Cedric Dorin © Goethe-Institut

Wochen an Proben liegen hinter ihnen, jetzt sind sie reif für die Bühne. Für die dreisprachige szenische Lesung von Gotthold Ephraim Lessings „Nathan, der Weise“ an vier Theatern in Israel hat Regisseurin Ofira Henig deutsche und israelische Schauspieler versammelt. Was macht diesen Klassiker der deutschsprachigen Literatur für sie bis heute so relevant? Und wie haben sie die Proben in Deutsch, Hebräisch und Arabisch erlebt? Drei Beteiligte verraten es.

Jutta Hoffmann, Schauspielerin

„Was ich an der Arbeit an Klassikern wie „Nathan, der Weise“ schätze? Sie sind ein Realitätscheck. Klassiker wirken wie eine große Kontrastfläche, vor der das Leben von heute klar wird. Man fragt sich: Was hat sich eigentlich verändert? Haben wir Menschen uns im friedlichen, respektvollen Umgang miteinander weiterentwickelt? Leider muss man feststellen: Was Religionen und Toleranz betrifft, hat sich nicht viel verändert. Bis heute werden Religionen – eben wie zur Zeit der Kreuzzüge, in der das Stück spielt – dazu benutzt und missbraucht, Politik zu betreiben, schlimmer noch: Eroberungen und Plünderung zu rechtfertigen und massenhaft zu morden. An der Arbeit in diesem Projekt mag ich besonders, dass ich mit vielen Freunden zusammenarbeite, einige Kollegen kenne ich schon seit Jahren. Und das Ausprobieren in einer Gruppe, in der die meisten nicht alle drei Sprachen sprechen, die schließlich auf der Bühne zu hören sein werden, ist bei jeder Probe eine Herausforderung. Aber eine, die mir sehr viel Freude macht.“

Florian Innerebner, Schauspieler

„Wenn ich täglich die Nachrichten sehe, dann merke ich, wie sehr ich mich nach der Utopie in diesem Stück sehne. Weil es die Humanität, die Menschlichkeit, die menschliche Seele über die Religion eines jeden stellt, ist „der Nathan“ für mich zeitlos, ein frühes und gewaltiges literarisches Werk der religiösen Toleranz. Lessing rechnet beinhart mit religiöser Schwärmerei und Fanatismus ab. Und lobt die Vernunft, die stets nach dem friedlichen Miteinander strebt. Dass die Besetzung bei dieser Produktion international ist, erlebe ich als großes Vergnügen. Ich schätze die Kollegen sehr. Als ich das erste Mal mit Doron, unserem „Nathan“, eine Szene gelesen habe, dachte ich gleich: Das wird schön. Er wird ein fabelhafter und wahrhaft weiser Nathan sein. Was mich an dieser Produktion zudem begeistert: Ich erlebe Sprache in einer für mich ungewohnten Dimension. Ich verstehe zwar nicht direkt, wenn meine Kollegen in Hebräisch oder in Arabisch sprechen, doch lese ich ständig mit. Faszinierend, dass es funktioniert. Was mich selbst betrifft, habe ich festgestellt: Ich höre ganz anders zu als sonst.“  

Ofira Henig, Regisseurin

„Was mich an diesem Stück begeistert, ist seine Utopie. Die Utopie, dass sich jeder zuerst als Mensch sieht, und nicht vorrangig als Christ, Muslim oder Jude: die Utopie einer von Vernunft und von Solidarität geprägten Welt. Unser Probenraum ist in den Wochen unserer Arbeit für mich auch zu so einem Ort, zu Utopia, geworden. Hier arbeiten wir – Deutsche, jüdische und arabische Israelis, manche sind religiös, manche nicht – zusammen an dem Text. Wir, die aus drei verschiedenen Kulturen kommen, versuchen gemeinsam, in einem Raum, diesen einen Text immer mehr zu durchdringen und wir entdecken jedes Mal etwas Neues. Es ist ein ständiger Dialog – untereinander, und mit dem Text. Und wir spüren, dass eine andere Kultur, eine andere Sprache, uns selbst dann bereichert, ohne, dass wir sie vollends verstehen müssen.“

Das Stück wurde in Tel Aviv, Be'er Sheva, Akko und Jerusalem aufgeführt.