Theater Gerd Hartmann – Theater Thikwa

Gerd Hartmann
Gerd Hartmann | Foto: TheaterstudioKroogIIMoskau

Der Name des inklusiven Theater Thikwa stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Hoffnung“. Dieses Jahr tritt das Theater aus Berlin, das zugleich auch sein 25-jähriges Jubiläum feiert, zum ersten Mal in Israel auf. In der Mediatheque Holon werden Shakespeares Sonette von den SchauspielerInnen in einer Tanzperformance dargestellt. Bewegende Traumbilder interpretieren Liebe, Sehnsucht und Treuebruch neu und begleiten die DarstellerInnen bei ihrer Auseinandersetzung mit Begehren und Vergänglichkeit. Vorab haben wir mit dem Regisseur und Leiter des Theaters Gerd Hartmann gesprochen. 

Das inklusive Theater Thikwa gibt es seit 1990 und Sie, Herr Hartmann, sind seit 2012 Leiter des Theaters. Wie kamen Sie zum Theater Thikwa?

Gerd Hartmann: Ich kenne das Theater Thikwa von der allerersten Minute an, ich bin also sozusagen der Alte und der Neue. Eine Schauspielerin mit der ich Ende der 80er Jahre zusammengearbeitet habe, hat das Theater Thikwa gegründet, Christine Vogt. Sie hat mich eingeladen zum allerersten Stück. Da bin ich hingegangen und war völlig platt und tief beeindruckt, weil ich sowas vorher noch nie gesehen hatte und so hat die Geschichte dann 1991 angefangen. Die Kollegin hat mich dann gefragt, ob ich ein Stück inszenieren möchte für Theater Thikwa. Ich war mir erstmal gar nicht so sicher, ob ich das überhaupt kann, habe aber gesagt: okay, ich spring da jetzt ins kalte Wasser, und habe 1993 mein erstes Stück für das Theater Thikwa inszeniert. Später habe ich immer mal wieder nebenbei für Thikwa inszeniert und habe auch zwei Jahre die Leitung des theaterpädagogischen Bereichs bei Thikwa übernommen, bis ich 2012 als alter Neuer gemeinsam mit Nicole Hummel die künstlerische Leitung übernommen habe. Ich habe keinerlei sozialtherapeutischen Hintergrund, sondern einen rein künstlerischen. Ich komme eigentlich aus dem normalen Theater, aber diese Arbeit hat mich so fasziniert, dass ich dabei geblieben bin.

Wie etabliert sind denn in Deutschland mittlerweile Theater, in denen Künstler mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Also ich glaube einerseits sind solche Gruppen mittlerweile sehr anerkannt, das spiegelt sich zum Beispiel dadurch wieder, dass vor drei Jahren ein Stück, welches Jérôme Bel mit Theater dem HORA gemacht hat, zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden ist. Das wurde dann aber sehr kontrovers diskutiert, das muss man schon auch sagen. Und dann hat Julia Häußermann, eine der Darstellerinnen, den Alfred-Kerr-Darstellerpreis im Rahmen des Theatertreffens erhalten, was natürlich auch ein Riesending war. Dass eine behinderte Schauspielerin, eine geistig behinderte Schauspielerin, so einen bedeutenden Schauspielpreis bekommt. Also auf der einen Seite sind Theater mit Behinderten, also inklusive Theater, schon etabliert bei uns. Wir finanzieren das Theater fast komplett aus Kulturmitteln, das heißt wir sehen uns als etwas anderer Bestandteil der normalen freien Theaterszene und wollen da auch gar keinen Sonderstatus haben. Da sind wir sehr gleichberechtigt. Wenn irgendeiner Jury ein Konzept von uns nicht gefällt, dann kriegen wir eben kein Geld und wenn es ihnen gefällt, dann kriegen wir Geld. Da werden wir behandelt wie alle anderen Gruppen auch.

Wir arbeiten bei Thikwa auch mit sehr prominenten Künstlern zusammen und wir machen in den letzten Jahren verstärkt die Erfahrung, dass die Künstler auf uns zukommen und wir gar nicht mehr auf die Künstler zukommen müssen. Die sind sehr daran interessiert mit uns zu arbeiten und neue Erfahrungen zu machen. Ein weiterer Aspekt wäre das Publikum und da sehe ich schon Schwierigkeiten. Wir haben natürlich ein Stammpublikum, aber es ist eine schwere Arbeit die Leute überhaupt erstmal zu uns zu bekommen. Immer noch ist bei weiten Teilen des Publikums das Gefühl da: „Wenn ich mir jetzt ein integratives oder inklusives Theater anschaue, dann muss ich mein soziales Jahr in einer Stunde ableisten.“ Dass es für uns einfach gutes und weniger gutes Theater ist, je nach Inszenierung, wie bei jedem anderen Theater auch, davon muss man die Leute überzeugen.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Ronny Pinkowich (Leiter der Mediatheque Holon) und Na Lagaat (Theater in Tel Aviv, dass mit blinden und gehörlosen Menschen arbeitet) zustande?

Wolf Iro und ich haben in Moskau schon zusammen gearbeitet. Und dann ist Wolf Iro nach Tel Aviv gekommen und ist dort Ronny Pinkowich begegnet. Das Mediathequetheater hat auch ein Programm für Autisten. Kein künstlerisches Programm, sondern sie bieten spezielle Vorstellungen für Autisten an, in denen man dann zum Beispiel im Theater herumlaufen darf und in welchem es auch einen speziellen Ruheraum gibt. Und Ronny Pinkowich war mit seiner Frau, auf Einladung des Goethe-Instituts, eine Woche beim Theater Thikwa in Berlin zu Gast. Wir haben einen Ausbildungsbetrieb hier, also unsere Performer werden alle hier im Haus ausgebildet. Und sie sind einfach eine Woche lang in unserem normalen Alltagsprogramm mitgelaufen. Das war wohl eine sehr interessante Erfahrung für Ronny Pinkowich und dementsprechend kam er auf die Idee uns einzuladen, bei ihm im Theater zu spielen und auch einen Kontakt mit Na Lagaat herzustellen, so dass wir dort einen Workshop anbieten. Das ist die Geschichte dieser Begegnung.

In „Verflucht das Herz“ werden Shakespeares Sonette in Tanzperformances interpretiert. Wie war die Arbeit mit den Schauspielern und im Team?

Der Ausgangspunkt waren Texte von Shakespeare. Wir haben 2011, zu unserem 20-jährigen Jubiläum, den Sommernachtstraum inszeniert und haben festgestellt, dass die Thikwas, unsere behinderten Performerkollegen, ein unglaubliches Interesse und einen unglaublichen Ehrgeiz hatten, sich mit diesen – für sie äußerst komplexen – Texten auseinanderzusetzen. Deshalb habe ich dann versucht mit „Verflucht das Herz“, mit den Sonetten, noch ein Schritt weiter zu gehen. Es ist einerseits die Auseinandersetzung mit dieser hochkomplizierten Sprache, die in einer ganz rauen Form von den Thikwas umgesetzt wird. Und andererseits bergen diese Sonette einen riesigen und sehr universellen Themenkosmos. Liebe, Begehren, Geilheit, Verlassenwerden, Sehnsucht, Älterwerden, Vergänglichkeit, Sterblichkeit. Sprich, es ist einfach ein riesiger Themenkosmos, dem wir uns dann auch bewegungsmäßig angenähert haben. Und so ist dieses Gesamtkunstwerk entstanden. Einerseits aus diesen rezitierten Gedichten, dazu Videoinstallationen, die sich auch sehr mit Körperausschnitten, mit Körperdetails beschäftigen, um zu untersuchen: Was ist Begehren? Was begehre ich? Ist es das Ohr, ist es die Nase, ist es das Auge? Mit diesen Dingen setzen sich diese einzelnen Elemente auseinander. Und dazu kommt dann der Tanz, die Bewegung.