Interview mit Maximilian Norz Ein Fotograf unterwegs im urbanen Untergrund

„Mit der Kamera in der Hand bin ich äußerst mutig“, sagt der 27-jährige Fotograf Maximilian Norz, der sich vor allem der Straßenfotografie verschrieben hat. Auf seinen Streifzügen durch die Großstädte der Welt sucht er den Kontakt zu Menschen, die freiwillig oder ungewollt am Rande der Gesellschaft leben. Seine letzte Expedition führte ihn in die Metropolen Berlin und Tel Aviv, wo er unter anderem auf Flüchtlinge, Punks, Sexarbeiter und Künstler traf.  

Festgehalten hat er die Begegnungen in rund 50 Momentaufnahmen, die vom 16.10-16.11.2013 im Rahmen der „Berlin Dayz“ in der Tel Aviv Cinematheque zu sehen sein werden.

Maximilian Norz, unter welchen Umständen sind Ihre Porträts genau entstanden?

Norz: Die Berliner Aufnahmen habe ich in den Jahren 2010 und 2011 gemacht, die Eindrücke aus Tel Aviv erst im April dieses Jahres. Ich habe keine der Fotoserien im Voraus geplant, sondern mich vielmehr durch die Straßen treiben und aus einzelnen Begegnungen heraus zu meinen Motiven inspirieren lassen. Mein Hauptaugenmerk lag darauf, die Lebenswirklichkeit von Menschen zu begreifen, die sich in vollkommen anderen Milieus bewegen als ich selbst – die Fotos entstanden dabei nur als „i-Tüpfelchen“ am Ende einer jeweils sehr intensiven Kennenlernphase. Die Ausstellung ist also eher die Dokumentation zweier Entdeckungsreisen, die auch andere Menschen für das Schicksal der Porträtierten sensibilisieren soll.

Viele der abgebildeten Personen leben in prekären Verhältnissen oder werden diskriminiert. War ihre Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen, denn in beiden Städten gleich hoch oder haben Sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht?

Zunächst muss ich sagen, dass es mir in Berlin deutlich schwerer fiel, überhaupt Protagonisten zu finden. Spätestens seit der Wende gibt es dort räumlich und ideell viel Raum zur Entfaltung, allerdings sind dadurch auch die Effekte der Gentrifizierung deutlicher zu spüren – bestimmte Stadtviertel befinden sich in einem ständigen Prozess, nichts ist permanent. In Tel Aviv gibt es zwar weniger Schauplätze subkulturellen Lebens, doch diese wechseln nicht ständig und sind viel leichter zugänglich.

Fährt man etwa zum alten Busbahnhof im Süden der Stadt, dem wahrscheinlich bekanntesten Treffpunkt für soziale Außenseiter, spritzen sich dort Junkies tagsüber auf offener Straße – in Berlin ist das sogar auf der Kurfürstenstraße undenkbar! „Unerwünschte“ Handlungen werden in der deutschen Hauptstadt viel stärker gefahndet und sind daher oft raffiniert versteckt. Doch auch was die individuelle Haltung zur Selbstdarstellung betrifft, ist Berlin definitiv das rauere Pflaster für Fotografen. Während manch ein Berliner harsch auf meine Anfrage reagierte, haben es viele der Tel Avivis geradezu genossen, vor der Kamera zu posieren.

Woran mag das liegen?

Ich denke, die Israelis sind es gewohnt, von Fotografen umgeben zu sein, schließlich hat das Land die wohl höchste Journalistendichte weltweit. Das hat übrigens auch Nachteile, weil etwa illegale Einwanderer überall schlechte Presse wittern und manchmal aggressiv werden, sobald sie eine Kamera erblicken. Zudem nehme ich an, dass man in einer meist sonnigen Strandmetropole ohnehin ein anderes Verhältnis zum eigenen Körper hat und sich gern inszeniert. Dort joggt man vorzugsweise mit freiem Oberkörper oder zeigt sich im knappen Bikini, anstatt sich in seine Winterjacke zu mummeln.

Welche Beobachtungen haben Sie darüber hinaus während Ihrer Streifzüge gemacht?

Tel Aviv ist für mich das kleine, aber feinere Berlin. Die Stadtzentren sind von der Struktur her recht ähnlich, doch Tel Aviv erschien mir viel kompakter, viel dichter. Läuft man dort etwa die Allenby Straße entlang, durchkreuzt man innerhalb kürzester Zeit ganz unterschiedliche Lebensräume: Man beginnt am Strand mit Urlaubsflair, passiert dann den traditionellen Stadtmarkt, überquert schließlich den eher mondänen Rothschild-Boulevard, um letztlich im hippen Florentin-Viertel zu landen. In Berlin sind die einzelnen Stadtbezirke insgesamt homogener. Auffällig war auch, dass sich die meisten Bewohner, egal wie mies es ihnen auch ging, überdurchschnittlich hoch mit ihrer jeweiligen Stadt identifizieren. Sowohl Berliner aus auch Tel Avivis sprachen immerzu von ihrer Stadt als der „geilsten Stadt der Welt“ und erzählten, wie gern sie dort leben. Grundsätzlich ging es mir bei meinem Projekt aber weniger darum, die Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Metropolen aufzuzeigen, sondern vielmehr darum, die gesellschaftliche Vielfalt in modernen Großstädten darzustellen.

Dazu hätten Sie aber auch einfach Berlin und Barcelona gegenüberstellen können.

Es gibt zweifelsohne typische Phänomene, die alle großen Städte gemein haben. Prostituierte, Obdachlose und pflegebedürftige Menschen ohne Familie hätte ich ebenso in New York oder eben Barcelona kennengelernt. Berlin und Tel Aviv eint darüber hinaus aber dieser gewisse Hang zum Alternativen, zum Experimentellen und Unangepassten. Während etwa Hamburg eher fürs Bürgerliche steht, definiert sich Berlin über seine künstlerische und politische Avantgarde. Das nationale Gegenstück zum säkularen Tel Aviv ist wahrscheinlich Jerusalem, das sich sehr geschichtsträchtig und konservativ präsentiert.

Welche kulturellen Produkte generiert eine solch offene Gesellschaft?

In einer toleranten Atmosphäre ergibt sich zum Beispiel Freiraum für eine florierende Szene abseits der sogenannten Heteronormativität. Während Tel Aviv naturgemäß die Anlaufstelle für sexuelle Minderheiten aus dem gesamten Nahen Osten ist, avanciert auch Berlin europaweit zur LGBT-Hochburg. Für mich als Fotografen sind insbesondere die oft kunstvoll geschmückten Transgender spannende Motive gewesen. Außerdem kennzeichnet Berlin und Tel Aviv gegenüber vielen anderen Weltstädten eine sehr linke Prägung. Berlin war schon immer ein Ort der Demonstrationen, aber auch in Tel Aviv kann man eine erstarkende Protestbewegung beobachten – mit dem Unterschied, dass Berliner für alles Mögliche auf die Straße gehen und die Tel Avivs eher für ihre eigenen Bedürfnisse.

Das heißt im Umkehrschluss, den Berlinern geht es zu gut?

So eindimensional würde ich das nicht formulieren. Es ist aber schon auffällig, dass es sich die Berliner Wutbürger leisten können, mal gegen Obama und mal gegen den Kapitalismus im Allgemeinen zu protestieren. In Israel und insbesondere Tel Aviv richtet sich die neue Empörung vor allem gegen innenpolitische Entscheidungen, die die Menschen direkt betreffen. Der Fokus verlagert sich also von geopolitischen Konflikten auf existentielle Probleme: Denn wenn die Lebensmittelpreise galaktische Höhen erreichen und der Wohnraum knapp wird, hat man weder Zeit noch Kraft, um die Welt zu retten.  
 

Maximilian Norz

Maximilian Norz wurde 1986 in Herrenberg nahe Stuttgart geboren. Er studierte Wirtschaft und Geschichte in Berlin und Tübingen und war u. a. Stipendiat der Hertie-Stiftung. Sein Interesse an fremden Kulturen führte ihn bereits in 40 Länder, wo er u. a. in Kooperation mit dem Tübinger Kammerorchester und dem Goethe-Institut Musik-Workshops gab und als Fotojournalist für die Deutsche Presse-Agentur tätig war. Norz lebt in Berlin und arbeitet dort als Projektmanager und Politikberater.