Klimapolitikexperte Oliver Geden "Alle Staaten sollten auf null CO2-Emissionen kommen"

"Alle Staaten sollten auf null CO2-Emissionen kommen"
"Alle Staaten sollten auf null CO2-Emissionen kommen" | Foto: colourbox.de

Ein Interview von Axel Bojanowski mit Klimapolitikexperten Oliver Geden. 

SPIEGEL ONLINE: Herr Geden, dem Weltklimavertrag hat im Dezember auch die EU zugestimmt. Nun will Großbritannien austreten aus der EU. Könnte der Brexit den Weltklimavertrag zu Fall bringen?

Oliver Geden: Der Brexit dürfte die völkerrechtlich verbindliche Bestätigung des Weltklimavertrags durch die EU jedenfalls verzögern, also die Ratifikation. Vermutlich wird der Weltklimavertrag sogar in Kraft treten, bevor ihn die EU ratifiziert hat, das wäre sehr unangenehm für die EU, die sich gerne als Vorreiter im Klimaschutz inszeniert.

Warum erwarten Sie die Verzögerung?

Die Abstimmung in der EU hakte schon vor dem Brexit. Denn bevor der Klimavertrag rechtsgültig werden kann, müssen sich die EU-Länder erst über alle Gesetze einig werden, mit denen die EU ihre globalen Verpflichtungen erfüllt, beispielsweise zum Handel mit CO2-Zertifikaten oder zu den Verpflichtungen beim Verkehr oder in der Landwirtschaft.

Jetzt kommt hinzu, dass mit Großbritannien einer der wichtigsten Treibhausgasverursacher raus will aus der EU. Müssen die EU-Ziele deshalb korrigiert werden?

Ja, es wird neue Berechnungen der Klimaziele geben müssen. Staaten mit viel klimaschädlicher Kohleenergie wie Polen oder Tschechien werden die Unsicherheiten nutzen, um die Unterschrift weiter zu verzögern.

Dennoch lädt die Bundesregierung diese Woche zum Petersberger Klimadialog nach Berlin, um die Umsetzung des Weltklimavertrags anzugehen. Ist das angesichts der Probleme in der EU Ignoranz oder Pragmatismus?

Die Weltgemeinschaft setzt konsequent ihre Linie in der Klimapolitik fort, grundlegende Schwierigkeiten erst mal zu übergehen - in der Hoffnung, dass Fortschritte Fakten schaffen, sodass schließlich alle Länder verstärkt mitziehen beim Klimaschutz.

Erscheint das Vorgehen nicht sinnvoll angesichts der ungeheuren Komplexität der Klimaverhandlungen?

Es mag politisch opportun sein, doch die Weltgemeinschaft gibt sich Illusionen hin. Die Debatte klammert stets die entscheidende Frage aus, auch jetzt auf dem Petersberger Dialog.

Und die wäre?

Die im Weltklimavertrag festgeschriebenen Grenzen für die Erderwärmung sind nach dem Stand der Wissenschaft mit normalem Klimaschutz allein nicht mehr zu erreichen.

Warum nicht?

Bei gleichbleibendem CO2-Ausstoß wäre das 1,5-Grad-Ziel bereits in fünf Jahren gerissen - dann wäre so viel CO2 in der Atmosphäre, dass sich das Klima nach Stand des Wissens um 1,5 Grad erwärmen würde. Um wenigstens das 2-Grad-Ziel zu erreichen, müsste der weltweite CO2-Ausstoß in spätestens 25 Jahren komplett aufhören - auch das ist unrealistisch.

Aber der Weltklimarat hält doch eine Lösung parat: CO2 soll der Luft mithilfe von Technologien einfach wieder entzogen werden, sodass die Erwärmung gemildert würde.

Ja, diese sogenannten Negativemissionen wären die einzige Möglichkeit, die Klimaziele einzuhalten. Das Problem: Über Negativemissionen will kein Klimapolitiker reden.

Aber im Weltklimavertrag steht doch, dass Wälder oder die Renaturierung von Mooren eine Rolle spielen könnten.

Ja, Rechnungen zeigen aber, dass im Laufe des Jahrhunderts das Zwanzigfache des heutigen Jahresausstoßes an CO2 wieder aus der Luft gezogen werden müsste.

Wie soll das gelingen?

Da Wiederaufforstung allein ineffektiv wäre, setzt der IPCC vor allem darauf, schnell wachsende Bäume und Energiepflanzen anzubauen, die das CO2 ganz natürlich aus der Erdatmosphäre filtern. Anschließend verbrennt man sie in Kraftwerken und nutzt dabei die CCS-Technologie, scheidet also das CO2 aus den Abgasen ab und pumpt es in Lagerstätten unter die Erde.

Wie viel Land würde für solche Klima-Bäume benötigt?

Rund 500 Millionen Hektar - das entspricht der eineinhalbfachen Fläche Indiens. Aber gerade Entwicklungsländer würden wohl massiv protestieren, wenn von ihnen verlangt werden würde, auf vielen Flächen nicht Nahrung anzubauen, sondern Pflanzen für die Speicherung von CO2. Es droht eine neue Art von Verteilungskämpfen.

Was meinen Sie?

Entwicklungs- und Schwellenländer werden womöglich sagen, dass sie gar nicht auf null CO2-Emissionen runtergehen müssten, wegen der historischen Verantwortung der Industrieländer am Klimawandel. Deutschland und andere reiche Länder könnten ja zum Ausgleich auf heimischem Boden für Minus-Emissionen sorgen: Also runter auf null mit den Emissionen und dann noch CO2 in großem Stil aus der Luft zurückholen sollten, während arme Länder weiter Kohle verfeuern.

Aber die deutsche Energiewende sieht keine Negativemissionen vor.

Damit wird Deutschland kaum durchkommen, denn in der Logik des IPCC werden Industrieländer irgendwann Klimaziele von mehr als 100 Prozent haben müssen. Windräder und Solaranlagen werden dann uninteressant, weil sie ja nur Null-Emissionen liefern, aber kein CO2 entziehen.

Also müssten die Politiker auf dem Petersberger Klimadialog heute eigentlich über Negativemissionen sprechen. Alle Versuche, solche Technologien in Deutschland zu testen, aber sind ja gescheitert an Bürgerprotesten.

Ja, CCS ist in Deutschland praktisch verboten worden. Und in noch größerem Stil Energiepflanzen anzubauen, erscheint ebenfalls aussichtslos. Schon jetzt gibt es ja Proteste, weil vermehrt Mais gepflanzt wird für Biogasanlagen.

Gibt es einen Ausweg?

Erst mal sollten alle Staaten so schnell wie möglich auf null CO2-Emissionen kommen. Und dann muss sich die Weltgemeinschaft überlegen, wie sie mit negativen Emissionen die CO2-Konzentration noch schneller nach unten drücken kann, um die Temperatur unter die in Paris vereinbarten Schwellen zu bekommen. Wenn es erst mal nur um die "Null" geht, ist transparent, ob ein Land in die richtige Richtung geht oder nicht. Jedes Land wüsste, was es zu tun hat und kann seine Verantwortung nicht auf andere abschieben.

Aber selbst im Entwurf des neuen Klimaschutzplans der Bundesregierung, der uns vorliegt, ist von einer Absenkung der CO2-Emissionen in Deutschland auf null bis Mitte des Jahrhunderts keine Rede.

Im internationalen Vergleich ist das deutsche Programm immerhin ehrgeizig. Aber es konzentriert sich zu stark auf den Stromsektor. Bei Maßnahmen in alltagsnahen Bereichen wie Verkehr, Landwirtschaft oder Gebäuden hält sich Klimapolitik stärker zurück. Die Bürger sollen möglichst wenig verschreckt werden. 
 

Oliver Geden ist Klimapolitikexperte und Leiter der EU-Forschungsgruppe bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Zu seinen Spezialgebieten zählt die Rolle der EU in den Klimaverhandlungen, die EU-interne Energie- und Klimapolitik sowie Geoengineering.