„Ich gebe ein Bild vor und lasse mich davon überraschen, was der Betrachter wahrnimmt“

Eingebrannte Bilder_c_Ernst Volland
c_Ernst Volland

Seit Mitte der Neunziger Jahre wählt der Berliner Künstler Ernst Volland ikonische Fotografien als Grundlage für seine Arbeiten. Die zumeist schwarz-weißen Fotografien werden vergröbert, vergrößert, unscharf gemacht und dem Betrachter ohne Hinweis auf das Ausgangsmaterial präsentiert.

Seit Mitte der Neunziger Jahre wählt der Berliner Künstler Ernst Volland ikonische Fotografien als Grundlage für seine Arbeiten. Die zumeist schwarz-weißen Fotografien werden vergröbert, vergrößert, unscharf gemacht und dem Betrachter ohne Hinweis auf das Ausgangsmaterial präsentiert. Und doch bleiben sie häufig erkennbar. Weshalb? Das ist eine jener Fragen, die sich beim Betrachten automatisch aufdrängen. Was hat sie mit solche Macht ins kollektive Gedächtnis eingebrannt?

Wie bei ähnlich wissenschaftlichen Experimenten, bei denen das Misslingen häufig genug genauso aussagekräftig ist wie der Erfolg, ist bei der Betrachtung der Vollandschen Werke gerade auch das Nicht-Erkennen interessant. Warum hat man dieses oder jene Bild eben nicht „identifiziert“? Die große (kapitalistische) Mär von dem selbst bestimmten, sich selbst konstituierenden Individuum – hier sieht man sie elegant ad absurdum geführt. Ernst Volland zeigt uns erstaunlich präzise, welche kollektiv vermittelten Bilder sich in unserem individuellen Gedächtnis in je welcher Intensität abgelegt haben.

Zweifellos spielen bei diesen Prozessen zeitgeschichtliche Prägungen eine enorme Rolle. Wem, um nur ein Beispiel zu nennen, der Name des 1967 in Berlin während einer Demonstration gegen den Besuch des iranischen Staatsoberhaupts getöteten Studenten Benno Ohnsorg nichts sagt, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht auf das verfremdete Bild reagieren. Wer jedoch in dieser Zeit dabei war oder wem als Nachgeborener dieses Ereignis vermittelt wurde als Wendepunkt von friedlichem zu gewaltsamem Widerstand, der erkennt es auch in der Vollandschen Verfremdung sofort.
Wirklich? Zweifel sind angebracht.

EIN ÜBER-INDIVIDUELLES GEFÜHL

Ein Bild entwickelt, so scheint es, nur dann ein wirkliches ikonisches Potential (und brennt sich in das kollektive und nachfolgend auch das individuelle Gedächtnis ein), wenn das bloße Faktum, auf das es referiert, verknüpft wird mit einem emotionalen Zustand oder, besser noch, der Erinnerung an ein Gefühl. Ein über-individuelles Gefühl, eines, das man mit einer Gruppe teilt.
An diesem Punkt sollte die Rede von der kulturellen Prägung sein. Benno Ohnsorg war – bei aller Globalität der Studentenbewegung – ein deutsches Phänomen. Kein Betrachter, der nicht in irgendeiner Weise einer kulturellen Prägung in Deutschland teilhaftig wurde, kann ihn erkennen. Ähnliches gilt natürlich vice versa für unzählige andere ikonischen Bilder in der Welt. Ein anderes Beispiel: nur bei israelischer – oder noch konkreter: jüdisch-israelischer – Prägung wird das Portrait des Astronauten Ramon im Betrachter etwas auslösen. Der Vollandsche Kunstgriff legt diese kulturellen Unterschiede offen. Unterdessen ist man ja in den seltensten Fällen einem und nur einem Kulturraum zugehörig und von ihm geprägt.

Wir fanden es reizvoll, im Einwanderungsland Israel Bilder aus verschiedenen Kulturräumen im Spiegel des Werks von Ernst Volland zu präsentieren. Je einem Viertel der in der Ausstellung präsentierten Arbeiten liegen deutsche, jüdisch-israelische und palästinensische Ausgangsbilder zugrunde. Das letzte Viertel machen Bilder aus, die über die engen Grenzen eines einzigen Kulturraums hinaus Bedeutung erhielten.

Warum reagiert man auf dieses, nicht aber auf jenes Bild? Die Ausstellung löst beim Betrachter Fragen und über diese Fragen einen Erkenntnisprozess aus, dem man sich nicht entziehen kann. Und den man, wohlgemerkt, nur praktisch erfahren kann. Und dann? Und was weiter? Lässt uns die Gemachtheit vieler Elemente unseres Gedächtnisses, wie sie uns Ernst Volland so beeindruckend vorführt, Misstrauen hegen gegen die Produktion der Bilder? Lässt sie uns Fragen stellen hinsichtlich der Manipulierbarkeit des Menschen? Erschüttert sie unser Urvertrauen in das, was wir sehen? Um in den Worten des Künstlers zu sprechen: wir sollten uns überraschen lassen.