Flucht und Migration Deshalb teile ich diese Geschichten mit euch...

Diesmal habe ich kein Sonnen-Strand-Heiterkeits-Foto aus Tel Aviv für euch. Denn bei meinem jetzigen Besuch tauche ich tief in die Flüchtlingsthematik Israels ein. Sehr tief. Im Rahmen eines Austauschprogramms zwischen dem Berliner Migration Hub Network und der Tel Aviver Migrationsinitiative Microfy/Microfy מיקרופיי, darf ich Teil einer spannenden Reise sein und Israel aus einer für mich bisher ungekannten Perspektive kennenlernen.

Nach einem traditionellen und sehr leckeren Lunch bei Kuchinate - African Refugee Women's Collective, geht es ins Eritrean Community Women's Center/ ማ’እከል ደቂ-ኣንስትዮ ኤርትራውያን, wo wir Helen aus Eritrea und Adam aus Darfur begegnen.

Adam ist Buchautor und schreibt Erinnerungen aus seiner Heimat noch vor seiner Flucht auf. Ein sehr feinfühliger und zurückhaltender Mann, der als Community Leader gilt und uns erzählt, wie er erst kürzlich wieder grundlos von der Polizei mitgenommen und für eine Woche inhaftiert wurde.
Helen erzählt von ihrer Arbeit als Managerin im Women Center und welche finanziellen Herausforderungen sie gegenübersteht, damit diese wichtige Anlaufstelle für eritreische Frauen auch weiterhin bestehen kann.

Es ist einer dieser Momente, die ich nie vergessen werde.

Anschließend meldet sich die Menschenrechtsaktivistin Fadhumo (selbst Geflüchtete und in Berlin lebend) und fragt sehr emphatisch, ob Helen auch Fälle von Prostitution bekannt seien. Denn, so Fadhumo, Mütter seien zu allem bereit, wenn sie dadurch ihre Kinder ernähren könnten. Nach einem kurzen Beantwortungsversuch bricht Helen ungehalten in Tränen aus. Stille im Raum. Fadhumo eilt sofort zu ihr, um sie zu trösten und sie in den Arm zu nehmen. Mir und den anderen schießen Tränen in die Augen. Immer noch Stille. Hier passiert gerade etwas, das schwer zu beschreiben und begreifen ist. Es ist etwas, in das ich mich nie werde hineinversetzen können, dennoch bewegt es mich sehr. Es ist einer dieser Momente, die ich nie vergessen werde. Ich fühle mich unendlich hilflos. So, als wäre das alles ein Traum, in dem ich falle und nicht weiß, wann der Aufprall kommt. Doch ich Träume nicht. Ich sitze in Süd-Tel Aviv, im Eritrean Women Community Center und es ist 2016. Mir gegenüber sitzen Menschen aus Fleisch und Blut – wie du und ich. Menschen, die dieselben Gefühle, wie Angst, Liebe und Hoffnung spüren können. Plötzlich fühle ich ein Schamgefühl. Ich schäme mich dafür, dass ich „weiß“ und durch meine Herkunft offenbar „privilegiert“ bin. Ich scheine einfach „Glück“ gehabt zu haben in Deutschland geboren worden zu sein und einen Reisepass zu besitzen, der mir uneingeschränkte Reisefreiheit ermöglicht und für den viele Menschen dieser Tage bereit wären ihr Leben zu geben. Nie zuvor wurde ich der Ungerechtigkeit so brutal, real-existierend und ungeschminkt ausgesetzt, wie in diesem kleinen, bedeutungsvollen Raum, der gerade viele große und elementare Fragen in mir aufwirft.

Helen und Adam sind Community Leader. Sie helfen ihren Peers bei Behördengängen, bürokratischen Herausforderungen und schenken ihnen ihr Gehör. Sie opfern sich für das Wohlergehen ihrer Communities und werden tagtäglich mit Schicksalen konfrontiert, die sie als Geflüchtete teils selbst durchlebt haben. Diese beiden Menschen sind Helden, da sie ihren Communities Hoffnung geben und eine intrinsische Kraft entwickelt haben, die angesichts der herausfordernden Bedingungen schlichtweg bewundernswert ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Helen und Adam – wie alle in ihren Communities – keinen Status haben. Sie besitzen nur eine Aufenthaltsgenehmigung, die sie alle zwei Monate in einem zeitaufwendigen und nervenaufreibenden Verfahren erneuern lassen müssen. Sie haben keine Arbeitsgenehmigung, keinen Status sowie keinerlei Rechte, selbst wenn ihre Kinder in Israel geboren wurden. Hinzu kommt die ständige Angst vor willkürlicher Inhaftierung (in Holot, dem berüchtigten Detention Center), die Ungewissheit abgeschoben werden zu können sowie alltägliche Diskriminierungserfahrungen und die Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt als billige Arbeitskraft.

Wovor haben wir Angst?

Auf dem Weg zurück zum Hostel kreisen mir eine Millionen Gedanken durch den Kopf. Ich fühle mich noch immer hilflos, klein und machtlos. Was kann ich als Individuum tun, damit Menschen, wie Helen, Adam, die 42.000 Asylsuchenden in Israel sowie die ca. 60 Millionen Menschen, die weltweit nach einer friedlicheren Zukunft suchen, ankommen und sich nicht wie Fremdkörper und Eindringlinge fühlen müssen? Warum erlässt die israelische Regierung keine Gesetze, die Adam, Helen und ihre Freunde als Geflüchtete anerkennt, sie krankenversichert, ihnen Zukunftsperspektiven eröffnet und humane und längst überfällige Arbeitnehmerrechte einräumt? Wovor hat die israelische Regierung Angst? Selbst wenn sie keine „Kriegsflüchtlinge“ sind, wie oft seitens der Regierung argumentiert wird, hat es kein Menschen verdient, unterdrückt zu werden. Warum produziert die Regierung diese Ungerechtigkeit, die kaum zu ertragen ist? Ist Israel nicht auch von Geflüchteten erbaut worden? An der Ideologie eines reinen jüdischen Staates, der es de facto mit einem muslimischen Anteil i.H.v. 20% der Bevölkerung nicht mehr ist, festzuhalten, ist 2016 nicht mehr zeitgemäß. Nicht mit dem Wissen aller Geschehnisse in der Welt und nicht, wenn sie damit Menschen deklassiert und diskreditiert. Oder ihnen Zukunftsperspektiven durch Bildung verwehrt, wie zum Beispiel Taj, den wir kennenlernen durften, und der als Geflüchteter aus Sudan nach Israel kam und ein bereits bestätigtes Studium in England nicht antreten konnte, weil er aufgrund seines Status nicht ausreisen durfte.

Wir sitzen beim Shabbatessen im Hostel. Ich schaue in die Runde und stelle fest, dass ich selbst mit Helden nach Israel gekommen bin. Es sind Initiativen, wie Start with a Friend, Bantabaa e.V., Migration Hub Network, Kiron Open Higher Education, Refugee Academy, Refugee Law Clinic Berlin, Über den Tellerrand kochen, Give Something Back To Berlin uvm.. Es sind Menschen, die sich tagtäglich und mit unermüdlicher Energie für mehr Gerechtigkeit von Neuankömmlingen einsetzen und sie dabei unterstützen, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen. Dafür bewundere ich euch und bin dankbar, Teil dieses einmaligen Austauschs sein zu dürfen.

Zum Abschluss fragten wir Helen, ob sie einen Wunsch habe? Neben neuen finanziellen Mitteln zur Sicherung ihres Centers, fügt sie an, dass sie sich wünsche, dass die Welt von der Lage der Flüchtlinge in Israel erfährt. Plötzlich wird mir bewusst, was ich als Individuum tun kann: Der Perspektivwechsel führt mir in aller Härte vor Augen, dass es meine Verantwortung ist, auch weiterhin mit offenen Sinnen durch die Welt zu gehen und dorthin zu schauen, wo Menschen für ihr Grundrecht eines menschenwürdigen Lebens kämpfen. Deshalb teile ich diese Gedanken mit euch.

Ich bin demütig und dankbar.

Dankbar, dass es Menschen wie Helen, Adam und die o.g. Initiativen gibt, die nicht aufhören zu kämpfen. Und zu hoffen.