Ilan Spira im Interview Geh nur bei Grün rüber

Ilan Spira
Korin Erez

Wie sind Sie als Fotograf auf die Idee gekommen, Flüchtlinge oder Migranten zu fotografieren?

2001 habe ich die Bialik Schule in Tel Aviv besucht. Das war damals die einzige Schule, die Migrantenkinder besuchen konnten. Ich habe angefangen, die Kinder in der Schule zu fotografieren, dann ihre Geburtstage, Hochzeiten und später auch Bestattungen, polizeiliche Gewalt und anderes mehr.

Wie finden Sie die Personen, die Sie fotografieren und wie gewinnen Sie ihr Vertrauen?

Ich begegne den Menschen auf Augenhöhe und behandele sie nicht von oben herab. Meine Aufrichtigkeit ist dann auch nach außen sichtbar. Die Leute spüren, dass ich ihnen helfen möchte. Ich glaube an die Kraft meiner Fotografie, das Leben von Menschen zu verändern. Nach einiger Zeit haben die Leute gesehen, dass das wirklich so ist, dass sie mir vertrauen können.

Die Gesellschaft unangenehmer Menschen ertragen Sie nicht, haben Sie mir gesagt.
Inwiefern sind die Menschen auf Ihren Bildern anders?

Ihre Gutherzigkeit hat mich fasziniert, sie haben sich immer dankbar gezeigt und nichts für selbstverständlich gehalten. In meiner anderen Welt als Israeli stoße ich auf eine gewalttätige, aggressive Gesellschaft. Ich persönlich lebe nicht gern in so einer Welt. Ich habe die Gleichstellung genossen, die zwischen mir und der Migranten-Community entstanden ist. Mit ihnen hat man die Bedeutung, die Fotografie für mich hat, verstanden und im Gegenzug ist es den Fotografien gelungen, Veränderungen herbeizuführen und ihnen zu helfen. So haben alle Seiten „profitiert“.

Der Fokus Ihrer Arbeiten liegt bei Migrantenkindern. Was bedeuten sie Ihnen? Was bringen diese Kinder Ihrer Meinung nach zum Ausdruck?

Mit den Kindern der Migranten hat alles begonnen. Sie haben mich in ihre Welt hineingelassen und mir alle Freiheit gelassen, ich konnte alles, was ich für richtig hielt, fotografieren. Das hat meine Erwartungen übertroffen. Ich wußte nicht, welche Rolle ich in ihrem Leben gespielt habe, bis wir uns Jahre später wiedergetroffen haben und ich gemerkt habe, dass sie positive Erinnerungen an mich haben, sie haben mich als jemand erinnert, der immer wenn sie ihn brauchten, für sie dagewesen ist. Für mich symbolisieren diese Kinder eine Schnittstelle des allgemeineren „Migrantenphänomens“. Diese Kinder symbolisieren für mich die Ungleichheit und existentielle Ungerechtigkeit, in der sie leben.

Für Sie enden diese Begegnungen nicht mit dem Foto. Ihr Interesse geht über das Fotografieren hinaus.

Mit der Zeit ist die Fotografie zu einer Randerscheinung unserer Bekanntschaft geworden. Wir sind zusammen ans Meer gegangen, wir haben den Passoverabend zusammen gefeiert, wir haben gemeinsame Ausflüge gemacht und vieles mehr. Das Fotografieren hat immer weniger Zeit eingenommen, war aber trotzdem sehr wichtig. 
 
Wie haben diese Begegnungen und Schicksale Ihr Leben beeinflußt?

Ganz eindeutig, jede dieser Begegnungen hat mein Leben beeinflußt. Insbesondere unmittelbar im Anschluß an das Treffen und natürlich bei der Arbeit an den Fotografien, wo ich mich mit jeder Fotografie länger beschäftigt habe. Da ist das Erlebte wieder hochgekommen. Ich glaube, dass die Fotografien das Thema, mit dem ich mich beschäftige, verdeutlichen und es vom restlichen Geschehen abheben. Absolut, mein Leben hat sich jedes Mal ein wenig verändert. Ich habe es nicht fertig gebracht die Missstände zu sehen, sie zu  fotografieren und untätig dazustehen. Deshalb habe ich meine Arbeit auch journalistisch genutzt und einen Teil der Geschichten veröffentlicht, um damit denjenigen zu helfen, die niemand haben will.

Sie kommen diesen Menschen und ihren Geschichten sehr nahe.
Wie werden Sie damit fertig? Woher nehmen Sie die Kraft, weiterzumachen?


Ich kann dem nicht gegenüberstehen oder mir das von der Seite aus ansehen. Als Fotograf und Mensch ist es mir immer wichtig, so nah wie möglich heranzugehen. Das ist ein fast triebhaftes Bedürfnis, wobei die Fotografie als Grund oder Ausrede dient. Ich möchte mein Leben spüren, möchte die Dinge berühren, sie riechen und das geht nun mal nicht, wenn man nur aus der Distanz auf sie schaut. Die Fotografie kann Vieles, weil sie Abstände verringert und Gegenstände näher heranbringt, sie kann das Augenmerk auf Dinge lenken und damit mehr und mehr Menschen wachrütteln, ein Thema anders zu betrachten, Fotografie kann Dinge zeigen, die diese Leute vorher nicht gesehen oder gar nicht gewußt haben. Ich habe immer an die Richtigkeit meines Weges geglaubt, was mir die Kraft zum Weitermachen gegeben hat. „Diesen Kampf werden wir nicht verlieren“, habe ich denjenigen, denen ich geholfen habe, immer gesagt. Und so ist es stets gewesen.

Welche Begegnung hat Sie am stärksten beeindruckt oder hatte den größten Impakt auf Sie?

Viele Begegnungen haben mich bewegt. Insbesondere Vera, eine Arbeitsmigrantin aus Nigeria, ist mir sehr ans Herz gewachsen. Vera erzählte, dass sie von der Polizei geschubst worden ist und infolgedessen aus dem Fenster ihrer Wohnung gestürzt ist, was ihre Behinderung verursacht hat. Ich habe sie in Beth Levinstein kennengelernt. Mir ist es gelungen, sie näher kennenzulernen, und wir sind gute Freunde geworden. Freitags habe ich sie zu ihren Freunden nach Tel Aviv gebracht, damit sie die Kirche besuchen und Zeit mit ihren Bekannten verbringen kann. Irgendwann hat die Versicherung dann nicht mehr gezahlt und sie ist von einer Einrichtung zur anderen gebracht und schließlich zurück nach Nigeria geflogen worden. Dort ist sie aufgrund mangelnder Pflege gestorben.

Wie reagieren die Menschen auf ihre Beweggründe? Sie haben ja bereits jahrelange Erfahrung.

Die meisten Reaktionen sind wohlwollend, aber manche berufen sich auch auf die Thora und sagen „zuerst die Armen deiner Stadt.“ Darauf reagiere ich mit einem anderen Bibelzitat. „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.“ Ich lasse  mich immer auf das ein, was mir das Leben bringt. Wenn ich etwas tun kann, packe ich alles, was mir auf meinem Weg durchs Leben begegnet, an. Das mache ich vor allem über die Fotografie oder mit Hilfe der Fotografie. Ganz gleich ob das Kinder von Arbeitsmigranten, Holocaustüberlebende, krebskranke Kinder, Tiere oder andere sind.

Sind Sie oder Ihre Familie jemals Flüchtlinge gewesen?

Die Familie meines Vaters, einschließlich meines Vaters, sind Holocaustüberlebende aus Polen. Ich bin zum Mitgefühl für Andere erzogen worden und helfe, wenn immer ich kann. Und außerdem, wie kann ich, nachdem was meiner Familie angetan wurde, andere schlecht behandeln, die mir nichts getan haben? Ich will nicht zwischen den Untaten der Nazis und der Behandlung von Migranten und Flüchtlingen durch Israelis vergleichen. Mir ist der Unterschied sehr wohl bewußt. Nur glaube ich an eine andere Welt. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen Unrecht angetan wird.

Können Sie sich vorstellen, selbst jemals zum Flüchtling zu werden?

Ich schließe es nicht aus, dass ich eines Tages in dem Land, in dem ich lebe, fremd sein werde. Ich besitze einen europäischen Pass und vielleicht werde ich eines Tages fortziehen. Ich kann mir vorstellen, wie schlimm es ist, plötzlich der Schwache zu sein und Antisemitismus und Hass zu erfahren. Aber noch ist es ja nicht so weit.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was wäre das?

Gute Frage. Als guter Jude sollte ich wohl mir, meinen Verwandten und Bekannten nichts als Glück und Gesundheit wünschen. In meiner Welt sollte das Lebensglück mich bereichern, statt dass Geld mir Reichtum bringt.