Ausstellung: Eingebrannte Bilder „Einen Schritt zurücktreten, um Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind“

Eingebrannte Bilder/Museum on the Seam
Goethe-Intitut Israel

Es ist ein Freitagmorgen, Anfang Januar 2017 und ich befinde mich auf dem Weg in das „Museum On The Seam“, auf Deutsch „Museum auf der Naht“, an der Grenze zwischen Ost und West-Jerusalem. Direkt hinter dem Museum, auf der westlichen Seite, ist Me'a Sche'arim, eines der ältesten Stadtviertel Jerusalems außerhalb der Altstadt, heutzutage hauptsächlich von ultraorthodoxen Juden bewohnt. Da in wenigen Stunden der Shabbat beginnt, sind einige Großfamilien, die noch ihre letzten Einkäufe erledigen, auf den Straßen unterwegs. Östlich vom Museum bietet sich ein durchweg anderer Anblick: Autowerkstätten, Wohnhäuser, das ehemalige Gebäude des US-Konsulats, ein Sitz der UNO und sehr große Hotelanlagen mit entsprechend vielen Touristen. Hier, direkt an der Jerusalemer Stadtbahn, die auf der Grenze zwischen Ost-und Westjerusalem verläuft, befindet sich in dem Haus der Barmki Familie das gesellschaftspolitische Kunstmuseum. Von außen sieht man noch mit Absicht die durch den Sechstage Krieg 1967 verursachten Schäden, wie der Kurator des Museums Raphie Etgar erklärt. In diesem historisch geprägten Gebäude hat sich das Museum zur Aufgabe gemacht, bewusst zum Dialog, zur Koexistenz und zur Völkerverständigung aufzurufen. Deswegen wird seit November 2016 hier die Ausstellung „Eingebrannte Bilder“ des Berliner Künstlers Ernst Volland präsentiert.
Auf der sonnigen Dachterrasse, mit Blick über Jerusalem, unterhalte ich mich mit einigen Besucherinnen und Besuchern über die Wirkung dieser eingebrannten Bilder auf sie.

Was sind die ersten Eindrücke, die beim Betrachten der Ausstellung entstehen?

„Es ist so, als ob man seine Brille abnimmt – man sieht alles verschwommen. Es zwingt einen näher auf die Werke zuzugehen, sie von näher zu betrachten, denn nur so erkennt man Details, die man ansonsten nicht gesehen hätte. Lustig, dadurch dass die Bilder unscharf sind, versucht man umso mehr die Details zu erkennen.“ – ehemaliger US-Offizier (57)
 
„Die Ausstellung zeigt, wie unsere Erinnerung funktioniert“, meint eine Besucherin aus Deutschland, die ihre Doktorarbeit über Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis und Identitätskonstruktionen verfasst hat.
„Die Idee ist großartig ikonische Bilder so zu zeigen, wie sie tatsächlich durch unsere eigenen Erinnerungen und Überformungen im Laufe der Zeit gespeichert werden, also unscharf und auf bestimmte Ausschnitte fokussiert.“

Eine Kunststudentin aus Amerika erklärt, dass die Ausstellung sehr bewegend ist: „Die Bilder in der Ausstellung wollen vom Betrachter erkannt werden um den Inhalt greifbar zu machen – um ihn zu besitzen. Normalerweise verfolgen Fotografen die Absicht ihre Bilder möglichst scharf und präzise zu präsentieren, aber der Künstler Ernst Volland kehrt diese Tatsache um. Er erweckt beim Betrachter das Verlangen die Bilder zu erkennen, zu verstehen, zu begreifen und sie dadurch auch sich selber eigen zu machen.“

Die Ausstellung trägt den Titel „Eingebrannte Bilder“. Wie und warum beeinflussen die unscharfen Fotografien unsere Erinnerungen - unsere Erinnerungskultur? Existiert überhaupt eine allgemeine, übergreifende Erinnerungskultur?

„Man erkennt die Bilder erst dann, wenn man weiter weg steht, was auch nochmal ein interessanter Kommentar ist – diese Idee, einen Schritt zurücktreten zu müssen um Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, weil man sonst zu involviert ist.“ – Literaturwissenschaftlerin aus Deutschland (31)
 
„Ich kann mich daran erinnern das Bild vom Kniefall von Willy Brandt noch in der Grundschule gesehen zu haben. Desto älter ich wurde desto mehr konnte ich damit verbinden. Erst nach dem Abitur habe ich verstanden, was das Bild eigentlich zeigt, obwohl ich das Bild schon von früher kannte. Dieser Lernprozess und die Tatsache, dass man Bilder immer unterschiedlich betrachtet, je nachdem mit welchen Erwartungen und Erfahrungen man an sie herangeht, dies alles ist beispielhaft für unsere Erinnerungskultur“, beschreibt die Besucherin aus Deutschland.

Die amerikanische Studentin lernt in ihrem Universitätsseminar eine Woche lang die Vielfalt Jerusalems kennen, dabei stand das „Museum auf der Naht“ von Anfang an auf dem Programm. Sie erklärt, dass in ihrem Kurs je nach familiärem Hintergrund die Studentinnen und Studenten unterschiedliche Bilder erkennen. Obwohl alle amerikanische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind, teilen wir verschiedenste Religionen und Ansichten – interessant, dass sich das unter anderem in der Erkennungsleistung der Kunstwerke widerspiegelt. Dies zeichnet die Vielseitigkeit und Individualität von uns Menschen aus: „Ich habe bestimmte Bilder, Erinnerungen und Ideen in meinem Gedächtnis, die mich als Person beschreiben. Diese Inhalte kann ich reflektieren und wiedererkennen, aber jemand anders kann das eben nicht. Auf diese Weise können zwei Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein und dasselbe Bild betrachten, aber durch ihre individuellen Erinnerungen und Assoziationen sind beide Personen trotzdem innerlich weit voneinander entfernt.“

Welche Emotionen werden durch die ikonischen Arbeiten erweckt? Was wird mit den einzelnen Inhalten der Werke verbunden?

Ein ehemaliger jüdischer US-Offizier, der 2002 nach Israel migriert ist, um nicht in den Irak geschickt zu werden, bezeichnet das Bild mit dem kleinen Mädchen im Vietnamkrieg als sehr prägend in seiner Kindheit. Auf dem Bild erkennt man ein Mädchen, welches nackt auf einer Straße läuft, weil es sich kurz zuvor ihre brennenden Kleider heruntergerissen hat. „Ich habe dieses Bild in den Nachrichten gesehen und das ist auch der Grund, wieso ich es wiedererkenne. Obwohl der Krieg vorbei war, wurde dieses Bild noch 10 Jahre später im Fernsehen ausgestrahlt.“
Er ist überzeugt, dass wegen der Modifizierung der ursprünglichen Bilder durch Ernst Volland die Arbeiten unvoreingenommener betrachtet werden.
„Wenn eine Person mit jüdischem Hintergrund das unscharfe Bild mit Arafat anschaut, betrachtet sie es anders, als beispielsweise ein Christ oder ein Muslim. Die unscharfen Bilder in der Ausstellung präsentieren emotionalen Inhalt dadurch weniger emotional.“

Im Gegensatz dazu beschreibt die deutsche Besucherin den Prozess der Identitätsfindung durch Betrachten der Ausstellungwerke als sehr bewegend, denn „normalerweise werden uns diese ikonischen Bilder, die als Bild-Wortschatz des letzten Jahrhunderts in unser Gedächtnis eingegangen sind, nur als fertiges Produkt im Geschichtsbuch präsentiert.“
 
Am Ende der Ausstellung befindet sich ein Bildschirm auf dem der Entwicklungsprozess von Ernst Volland aufgezeigt wird. Hier sieht der Museumsbesucher auch die Originalbilder, die der Künstler für seine Ausstellung benutzt.