Interview-Ernst Volland/Eingebrannte Bilder „Erst durch die Unschärfe sieht man Ikonen wieder genauer“

Ernst Volland: Eingebrannte Bilder
Goethe-Institut Israel

Er verfremdet Ikonen. Bilder, die Millionen Menschen kennen. Er nimmt den Motiven die Schärfe, reduziert sie zu Umrissen und fordert damit den Betrachter heraus: Erkennt er das Original? Und was verbindet er persönlich damit an Erinnerungen und Emotionen? Bis Ende März ist Ernst Vollands Ausstellung „Eingebrannte Bilder” noch im „Museum on the Seam” in Jerusalem zu sehen. Im Interview erklärt Volland, wie sein künstlerischer Ansatz entstanden ist. 

Ihr Medium ist die Fotografie: die Fotos von anderen. Hatten Sie nie den Drang, selbst zur Kamera zu greifen?

Ernst Volland: Nein. Was mich seit Jahrzehnten tatsächlich am meisten interessiert, sind schon benutzte, veröffentlichte Fotos. Das ist für mich Material. Seit 1970 schon vertreibe ich in Eigenregie Fotomontagen und -collagen als Plakate und Postkarten, setze also Teile von Fotos zu einer neuen Aussage zusammen. Für mich ist das Plakat zu einem eigenen, selbstbestimmten Medium geworden, weil ich von der Idee bis zum Druck alles selbst produziert und auch noch den Vertrieb und Verkauf selbst organisiert habe. Ich bin durch die Lande gefahren und habe meine Arbeiten bei Veranstaltungen, bei Konzerten und anderen Events verkauft. Somit konnte ich auch davon leben. 

Heute sind Fotos durch das Internet binnen Sekunden verfügbar, damals war das sicher nicht so einfach, geeignetes Material zu finden. 

Stimmt, deswegen bin ich gezielt in die Archive von Zeitungen und Magazinen gegangen, gerade von großen deutschen Magazinen wie dem STERN und dem SPIEGEL. Dort bin ich auch fündig geworden. Was mir bei der Recherche dort allerdings auffiel: Es gab keine eigene Rubrik für skurile oder komische Fotos. Deshalb habe ich 1987 meine eigene Agentur „Voller Ernst“ gegründet – für ungewöhnliche Fotos. Durch diese Gründung wiederum bin ich dann in Kontakt mit vielen Fotografen gekommen, darunter auch einigen bekannten. Einer von ihnen war der Russe Jewgeni Chaldej. Er hat das berühmte Foto gemacht, auf dem ein Soldat der sowjetischen Armee am 2. Mai 1945 auf dem deutschen Reichstag die sowjetische Flagge installiert. Das Foto ist zu einer Ikone geworden, ein Symbol für das Ende des Krieges, das Ende des Faschismus und das Ende Hitlers. Die enge Zusammenarbeit und die Freundschaft mit Chaldej hat mich schließlich dazu inspiriert, künstlerisch mit Fotografie zu arbeiten. Das begann vor etwa 24 Jahren.  

„Was mich an Fotografie interessiert? Sie ist es, die seit über 100 Jahren unser Bildgedächtnis bestimmt“

Titel Ihrer Ausstellung ist „Eingebrannte Bilder“. Was macht ein Bild für Sie zu einem „eingebrannten Bild“?

Ich nehme ein Foto, das sich im Laufe der Geschichte durch die stetige und ständige Reproduktion fest im kollektiven Gedächtnis verankert, ja geradezu „eingebrannt“ hat, ein Bild, das zu einer Ikone geworden ist. Die Bedeutung, die Fotografie erlangt hat, reizt mich, mich mit ihr künstlerisch zu beschäftigen. Denn es ist die Fotografie, die seit über 100 Jahren unser Bildgedächtnis bestimmt.

Diesen Ikonen nehmen Sie die Bildschärfe. Warum?

Sie können selbst beobachten, was passiert, wenn man vor diesen Bildern steht: Man schaut auf das große, unscharfe Bild, sieht eine ästhetisch changierende Oberfläche und versucht, unter dieser Unschärfe ein anderes, schon bekanntes Bild zu sehen. Damit man dieses unsichtbare Bild aber kognitiv erfassen kann, sollte man es irgendwann in seinem Leben gespeichert haben. Die Chance, ein gespeichertes Foto wieder abzurufen, liegt bei einer Fotoikone natürlich höher. Wenn man es dann erkennt, hat das oft etwas Befreiendes: Zwischen Betrachter und dem Bild an der Wand ist ein Dialog entstanden, man erinnert sich an den historischen Zusammenhang, an den politischen Hintergrund, an seine eigene Vergangenheit, an seine Gedanken und Gefühle zu diesem Zeitpunkt, und wie sich die Wahrnehmung im Vergleich zu heute verändert hat. Man könnte auch sagen: Durch die Unschärfe sieht man diese Ikonen erst wieder genauer. Alle Fotos in der Ausstellung haben keine Titel, sie sind anonymisiert, werden nur mit Buchstaben und Zahlen wie E4 oder E5 bezeichnet. Ich möchte, dass man den Bildern unbeeinflusst gegenüber tritt. 

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Motive aus?
 
Als ich mit der Arbeit an den „eingebrannten Bildern" begann, suchte ich die für mich eindringlichsten, schmerzvollsten Fotos. Das sind für mich Bilder der Shoah. Sie sind schon sehr oft reproduziert worden, das birgt auch die Gefahr einer visuellen Inflation. Mein Eindruck ist auch, dass genau dieser Effekt eingetreten ist: Diese Bilder werden nicht mehr genau angesehen. Durch die ästhetische Veränderung führe ich sie dem kollektiven Gedächtnis aber wieder zu. 

Was unterscheidet diese Ausstellung in Jerusalem von anderen Ausstellungen Ihrer „eingebrannten Bilder“?

„Bilder der Shoah gehören für mich zu den schmerzvollsten“

Die in Jerusalem gezeigte Ausstellung ist in dieser Form noch nie zu sehen gewesen. Ich habe speziell für Israel völlig neue, auf das Land bezogene Ikonen künstlerisch umgesetzt. Das visuelle Gedächtnis ist von Land zu Land, von Erdteil zu Erdteil unterschiedlich. Gern würde ich ähnliche Ausstellungen auch in anderen Kulturen realisieren, zum Beispiel in Südamerika oder im asiatischen Raum. 

Welche Erinnerung haben Sie an die Eröffnung der Ausstellung in Jerusalem, welche Reaktionen haben Sie beobachtet?

Ich bin, was mich sehr gefreut hat, mit vielen Besuchern ins Gespräch gekommen. Auch mit einem Piloten, der mich sehr herzlich begrüßte und mir dann davon erzählte, dass er mal eine enge freundschaftliche Beziehung zu einem anderen Piloten hatte, der später als Astronaut ums Leben kam. Dann bat er mich schließlich, mich zusammen mit ihm und seiner Frau für ein Erinnerungsfoto aufzustellen – vor einem der eingebrannten Bilder: I3. Das war ein eigenartiges Gefühl. Eigenartig, weil wir vor einem unscharfen Bild posierten, auf dem den Umrissen und der Färbung nach vielleicht ein Astronaut abgebildet ist. Der Pilot hatte die Wahrnehmung, dass auf dem Bild an der Museumswand sein verunglückter Freund zu sehen ist. Und was stellte sich heraus: Er war es tatsächlich. Hinter der Unschärfe verbirgt sich der Astronaut Ilan Ramon, der erste israelische Raumfahrer, der 2003 verunglückte, als die Raumfähre Columbia beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinanderbrach. 

Welche Bilder des vergangenen Jahres werden Ihrer Meinung nach zu Ikonen werden?

Das weiß ich noch nicht. Das müssen Sie mich in einigen Monaten noch einmal fragen. Allerdings, es gibt ein Motiv von 2015, dass in Windeseile durch das Internet zu einer Ikone wurde: Das Bild des dreijährigen syrischen Flüchtlings Aylan Kurdi, der, auf der Flucht umgekommen, tot am türkischen Badestrand von Bodrum liegt. Dieses Bild hat sich gewiss nicht nur bei mir sehr tief eingebrannt.