Vergessene Filme „Der Wald vor lauter Bäumen“ von Maren Ade TEST

Der Wald vor lauter Bäumen
Komplizen Film

Melanie, die Protagonistin dieses grandiosen, intelligentem, verspielten, fulminantem Spielfilmdebuts von Maren Ade, tritt ihre erste Stelle als Lehrerin in Karlsruhe an. Weit entfernt von zu Hause, weit entfernt von ihrer Familie. Sie ist engagiert und voller Lust, sich einzubringen. Aufgrund ihres sehr eigenwilligen Umgangs mit Menschen, kommt es zu Missverständnissen und immer öfter trifft sie mit ihrer Art und Weise sich im Zwischenmenschlichen zu bewegen auf Unverständnis. Durch ihr Verhalten isoliert sie sich immer mehr ohne es zu verstehen.

Wir als Zuschauer haben lange verstanden warum. Zu bekannt ist dem Zuschauer das Fremdschämen. Dieses Gefühl, daß so unangenehm ist, daß Lachen macht, wo es unschlicklich ist. Im Dunklen Kinosaal wird so eine Komplizenschaft inszeniert zwischen Zuschauer wider Protagonistin. Es passiert also genau das Gegenteil von dem, was immer behauptet wird, was so wichtig sei im Film, nämlich eine Empathie für den Protagonisten zu empfinden. Die Empathie gegenüber Melanie ist deswegen von Beginn an zwiegespalten. Melanie wird immer in sich gefangen bleiben. Es gibt kein Entrinnen. Melanie ist eine ambitionierte, eine Glücklose. Sie ist unspektakulär. Sie ist Alltag. Sie ist auf keinen Fall alleine- von ihr gibt es viele, zumindest mehrere. Wie gehen wir in Gesellschaft mit den glücklosen Menschen um? 

Der Wald vor lauter Bäumen ist eigenwillig und konsequent. Als der Film 2003 seine Premiere feierte, war klar- sie ist Ihrer Zeit voraus. Gerade erst beginnt in den 2000ern so etwas wie die Berliner Schule in ein Außen zu wirken, wird diese Berliner Schule im Ausland goutiert. Maren Ade bricht die „Regeln" der Berliner Schule. Sie bricht ein mit ihrem Film – ihr Realismus schließt das Regionale, den Menschen mit seiner Zugehörigkeit, ein. Ihr Realismus läßt am Ende das Kino aufblitzen und damit erhebt sie den Film von einem direkten 1:1 Moment zu etwas Höherem, Poetischem.

Maren Ade löst die Tragödie in Poesie auf. Findet einen Schwebezustand für das Ende, der zugleich Kino und Erlösung ist. Erlösung auch für den Zuschauer. Und durch die Wahl des Schlussbildes wird deutlich, daß es Maren Ade um mehr geht, als nur das Abbilden von Wirklichkeit. Das Ende macht deutlich, daß hier eine Stimme in der deutschen Kinolandschaft auftaucht- eigenwillig und wahnsinnig stringent.

Maren Ade inszeniert ihre Filme so dokumentarisch, daß die Grenzlinie lange überschritten ist und nur die bewußte Erinnerung, daß es sich um Fiktion handelt ihre Filme etragbar macht. Ihre Filme sind mehr Spiegel von Deutscher Gesellschaft heute, als jeder andere Film. Sie verschränkt durch ihre dokumentarische Inszenierung und ihre Kenntnis des Allzumenschlichen das Leben mit dem Film. Ihre Filme berühren direkt, verschrecken, lösen engagierte Diskussionen aus.

Mit TONI ERDMANN beschreibt sie erneut eine große Zäsur. Auch hier stellt sie - ganz ausformuliert die Fragen nach Glück und Sinn, ausgerichtet am Generationskonflikt. Das ist das Subversive an Maren Ades filmischem Körper. Sie hat einen Körper erschaffen, der sich einbringen will in Gesellschaft, der wiedererkannt wird. Mit der Überschreitung der Kinoleinwand in beide Richtungen wird ein alter Kinotraum Wirklichkeit. Diese Transzendenz und Erkenntnis im Zuschauer macht das Kino von Maren Ade so besonders- eigen.