Graffiti Vielfältige Urban Art in den Straßen Tel Avivs

Schlendert man durch Tel Aviv, so stößt man immer wieder auf Urban Art an Hauswänden, Garagentüren oder in Hinterhöfen. Die Szene boomt und die israelische High-Tech-Stadt ist mittlerweile auch international als ein hub für Urban Art bekannt. So wird ein Spaziergang durch die südlichen Viertel der Stadt zu einer Entdeckungsreise, bei welcher man Kunstwerke an versteckten oder unauffälligen Stellen im öffentlichen Raum finden kann.
  • 035 Graffiti Crew Goethe-Institut Israel
    035 Graffiti Crew
  • Clipboard01 Goethe-Institut Israel
    clipoard01
  • Dede2 Goethe-Institut Israel
    Dede
  • Dioz1 Goethe-Institut Israel
    Dioz
  • Dioz2 Goethe-Institut Israel
    Dioz
  • Dede Goethe-Institut Israel
    Dede
  • Unbekannt 2 Goethe-Institut Israel
    Künstler unbekannt
  • Nitzan Mintz & Signor Goethe-Institut Israel
    Nitzan Mintz & Signor
Ausgehend von Graffitis in New York ist Street Art mittlerweile auf der ganzen Welt angekommen und derzeit die vielleicht populärste zeitgenössische Kunstbewegung. Auch in der israelischen Metropole Tel Aviv entdeckt man an vielen Ecken sogenannte Urban Art, ein Überbegriff für Street Art, Graffiti oder Installationen. Das besondere an Urban Art als Kunstform: sie erreicht alle Bürger*. Da es sich um Kunst im öffentlichen Raum handelt muss der Tourist oder Stadtbewohner kein Museum und keine Galerie betreten – stattdessen begegnet ihm Urban Art im Alltagsleben. Die Kunst tritt dadurch in dichte Interaktion mit der Gesellschaft. Für viele Künstler stellt der urbane öffentliche Raum ein demokratisches  Feld dar, in dem gesellschaftliche Fragestellungen verhandelt werden. Dieser Raum wird durch künstlerische Interventionen von dominierenden kapitalistischen Einflüssen wie z.B. Werbung ‚zurückerobert‘.

Unterschieden wird bei Urban Art zwischen ‚freier‘, meist illegaler Kunst und gesponserten, kuratierten Projekten.  Wie an vielen anderen Orten ist auch in Tel Aviv das Bemalen oder Besprühen von Gebäudewänden verboten und kann zu einer Geldbuße oder sogar einem Gefängnisaufenthalt führen. Doch die Stadtverwaltung drückt meist ein Auge zu, lässt die Sprayer davonkommen und entfernt auch deren Werke nicht. Denn die Kunst an den Wänden zieht nicht nur Touristen an, sondern fördert auch das Image der Stadt und wertet heruntergekommene Stadtteile auf.

So geschieht es auch in Tel Avivs Süden, dessen Stadtviertel Florentin und Kiryat HaMelacha mittlerweile bekannt für ihre reiche Urban Art-Szene sind. Florentin, früher ein Arbeiterviertel, wird nun von Studenten und Künstlern bewohnt und ist längst zu einem Szeneviertel geworden. Doch auch wenn die Gentrifizierung des Viertels in den letzten Jahren weiter zunimmt, gibt es immer noch viele Straßenzüge mit heruntergekommenen Gebäuden, verlassenen Garagen und Werkstätten. Genug Platz und Möglichkeiten für Urban Art-Künstler ihre Graffiti, Bilder oder Installationen anzubringen.

Eine Szene im ständigem wandel

Wer denkt, Street Art-Werke werden immer mit Sprühdosen erschaffen, liegt falsch. Die Urban Art-Künstler arbeiten mit unterschiedlichsten Materialien, unter anderem Spray, Schablonen, Aufklebern oder Farbe. In Florentin stößt man immer wieder auch auf Plastiken am Straßenrand, bei welchen beispielsweise Metall verwendet wurde. Oft entdeckt man Street Art an Stellen, an denen man sie nicht erwartet, also beispielsweise in Hinterhöfen, zwischen heruntergekommenen Autogaragen oder aber mehrere Meter hoch an einer Hauswand. Die Szene ist in einem ständigen Wandel. Immer wieder tauchen neue Kunstwerke auf während andere ‚verschwinden‘, da sie von Anwohnern übermalt oder von anderen Künstlern übersprüht werden. Man merkt, dass in der Szene eine hohe Konkurrenz zwischen den Akteuren herrscht.

Viele verschiedene Faktoren spielen sowohl in die Platzierung der Werke als auch in die Motivik mit hinein, unter anderem gesellschaftlich relevante Themen wie Politik, Religion oder Architektur. Urban Art-Künstler sprechen mit ihren Arbeiten teilweise heikle gesellschaftliche oder politische Probleme an. Ziel ist es dabei die Menschen auf Missstände aufmerksam zu machen und sie zum Nachdenken anzuregen.

Einer der bekanntesten Tel Aviver Street Artist-Künstler ist Dioz, auf dessen Werke man immer wieder in der Stadt stößt. Sie zeichnen sich meist durch bunte, kräftige Farben aus. Dioz malt überdimensional große Figuren oder Köpfe, abstrahiert diese und lässt so die Gesichter maskenhaft wirken. Aus einer kunsthistorischen Perspektive erinnern einen diese an lateinamerikanische Kunst und das Schaffen Picassos. Schaut man einmal an den Hauswänden nach oben, so entdeckt man mit Glück ein Werk Jonathan Kis-Levs. Immer wieder greift dieser Figuren aus Märchen und Erzählungen auf, wie etwa Alice im Wunderland oder eine Hexe, die beide eine Spraydose in der Hand halten. Kis-Lev arbeitet mit Schablonen, um seine Werke anzubringen. Entdeckt man die Figuren, die sich oft in hoher Höhe an Gebäudewänden befinden, dann erkennt der Betrachter bekannte Figuren mit veränderten Details wieder. Bei Street Art ist es daraufhin die Aufgabe des Betrachters, selbst zu überlegen, welche Bedeutung hinter der Motivik der Werke und Positionierung im Stadtraum steckt. Denn anders als in Museen wird einem die Kunst hier nicht durch Begleittexte oder Kataloge vermittelt. Auch nach Werktiteln sucht man meist vergeblich und die Signatur des Künstlers muss selbst entziffert werden. Doch dies ist zugleich die große Chance der Urban Art, denn sie fordert den Stadtbewohner oder -besucher zum eigenständigen Nachdenken und Reflektieren auf.

Die anonymität der künstler

Ebenso politische Themen werden von den Künstlern immer wieder aufgegriffen. An einer unscheinbaren Mauer zwischen geschlossenen Läden wurde mit einer Schablone Theodor Herzls Kopf aufgesprayt, der Gründer des politischen Zionismus. Darunter steht „Wenn ihr nicht wollt, ist es nicht notwendig.“ Der Sprayer verweist hier auf den berühmten Ausspruch Herzls „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“, mit welcher dieser sich 1900 auf die Gründung eines Judenstaates bezog. Möglicherweise will der Künstler Kritik an der israelischen Gesellschaft ausüben, im Sinne, dass es Israel langfristig nicht geben wird, wenn die Bürger den Staat selbst nicht wollen. Einige Straßenzüge entfernt in schmalen Durchgangsweg zwischen Autowerkstätten und Künstlerateliers sind auf einer schwarzen Tür die Umrisse eines betenden ultraorthodoxen Judens auszumachen. Neben ihm sind zwei Straßenschilder aufgesprüht, die Richtung Jerusalem und Tel Aviv weisen und auf den Unterschied zwischen der ‚heiligen‘ und der ‚sündigen‘ Stadt verweisen. Neben diesem Schablonenwerk des französischen Sprühers mit dem Künstlernamen C215 wurden hölzerne Scrabblesteine mit hebräischen Buchstaben aufgeklebt. Auf ihnen liest man: „es steht geschrieben“. Der Künstler ist unbekannt, man weiß nur, dass er jüdisch-orthodoxer Israeli ist. Da er heikle Themen der orthodoxen Szene anspricht muss er seine wahre Identität tatsächlich verbergen. So erinnern die Worte an Phrasen in der Bibel, nach denen beispielsweise Gesetze beschrieben werden. Indem der Künstler Scrabblesteine verwendet – welche im Spiel beliebig tauschbar sind – und explizit auf die Texthaftigkeit verweist, könnte er den Wahrheitsanspruch der Bibel in Frage stellen. Denn er macht aufmerksam darauf, dass ein religiöses Gesetz, welches das Leben vieler beeinflusst, alleine auf Wort und Text beruht.

Beschäftigt man sich mit Tel Aviver Street Art, so trifft man immer wieder auf Kunstwerke von bekannten Szenekünstlern wie Dede, Klone, Know Hope oder Nitzan Mintz. Letztere schreibt in großer Schrift selbstverfasste hebräische Gedichte auf Wände. Die großformatigen Werke des Künstlers Dede wiederum sind beim näheren Hinschauen oft aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt. So auch die zwei kämpfenden Steinböcke, die sich in einer abgelegenen Straße in Florentin über eine gesamte Hauswand ziehen. Sie scheinen aus lauter gesprühten Holzteilen zu bestehen. Diese Motive sind immer wieder Tierwesen, die jedoch nicht realgetreu aussehen. Ein weiteres Motiv, das sich durch sein Schaffen zieht sind Pflaster.

Bei einem Gang durch Tel Aviv zeigt sich, wie vielfältig die Urban Art-Szene der Stadt ist, was beispielsweise durch verwendete Materialien, Motive aber auch stilistischen Merkmale zum Ausdruck kommt. Neben Einheimischen arbeiten auch ausländische Künstler in Israel. Es lohnt sich in verlassene Straßen und Winkel zu schauen oder einmal den Blick zu heben, denn Kunst findet man in der Mittelmeerstadt an den ungewöhnlichsten Plätzen. Man kann entweder alleine durch die Straßen der Stadt ziehen, um die Kunstwerke nach und nach zu entdecken oder man schließt sich einer geführten Tour an, die beispielsweise von „Alternative Tel Aviv“ angeboten wird.
 
  • Jonathan Kis-Lev3 Goethe-Institut Israel
    Jonathan Kis-Lev
  • Anton Avramov Goethe-Institut Israel
    Anton Avramov
  • C215 Goethe-Institut Israel
    C215
  • Dede3 Goethe-Institut Israel
    Dede
  • Dioz3 Goethe-Institut Israel
    Dioz
  • Guy Pitchon Goethe-Institut Israel
    Guy Pitchon
  • Jonathan Kis-Lev Goethe-Institut Israel
    Jonathan Kis-Lev2
  • Unbekannt Goethe-Institut Israel
    Künstler unbekannt


*Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt, nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.