Vergessene Filme Anders als die Andern

Anders als die Andern
Filmmuseum München - Edition

Über den Film:
ANDERS ALS DIE ANDERN
von Richard Oswald

mit Anita Berber, Magnus Hirschfeld.
Deutschland, 1919, 48’

 
Es gab eine kurze Zeit in Deutschland, in der nicht nur alles möglich schien, sondern vieles möglich war. Ende des 1. Weltkrieges, Revolution, Ausrufung der Räterepublik, Wahlen im Frühjahr 1919 und der  Ausrufung der Deutschen Republik durch Scheidemann.  

1912 war in Preußen die erste Landesstelle für Filmzensur in Berlin eingerichtet worden, um so zentral zu entscheiden, was vorher Länderhoheit und dementsprechend divers gehandhabt wurde. Der Rat der Volksbeauftragten, als ausführendes Organ der Räte, verkündete am 12. November 1918, daß eine Zensur nicht stattfindet, die Theaterzensur aufgehoben wird. ANDERS ALS DIE ANDERN, 1919 gedreht - in diesem Klima der künstlerischen Freiheit - ist anders als alle anderen Filme. Zum ersten Mal wird offen Homosexualität inszeniert und mit einer Erpressungsgeschichte in einen erzählerischen Bogen gebracht. Ein berühmter Violinist nimmt einen einen jungen Geigenspieler als Schüler an und bald schon sind ihre Gefühle für einander nicht mehr zu übersehen. Die Protagonisten des FIlms agieren offen schwul - jeder kann es sehen. Ein Skandal! ANDERS ALS DIE ANDERN tritt in der Weimarer Republik eine heftige Debatte los. Von einer breiten konservativen Front wird die Wiedereinführung der Zensur gefordert. Am 12. Mai 1920 tritt das 1. Reichslichtspielgesetzt in Kraft und ANDERS ALS DIE ANDERN wird verboten, die Kopien werden vernichtet. 

 
2016 wird bei der Berlinale eine neu restaurierte Fassung gezeigt. Die Restauration des Films hat sich über mehrere Jahrzehnte, verschiedene Fassungen, die ab den 1980ern Jahren zur Aufführung kamen, einige Gücksfälle, Archive in der Ukraine, hingezogen. Von einfach kann keine Rede sein. Das Verschwinden des Films kann aber nicht alleine auf das Wiedererstarken der Zensurbehörde und die Weimarer Republik geschoben werden. Im Gegenteil:  Der §175 existierte im deutschen Strafgesetzbuch seit 1872 und wurde von den Nationalisozialisten noch verschärft. Diese Verschärfung, wie auch der ganze Paragraph, wurde in der Bundesrepublik beibehalten. Erst 1994, nach der Wiedervereinigung,  wurde der Paragraph ersatzlos gestrichen. Ein Streichen bedeutet aber noch keine automatische Bewußtseinsänderung. Erst 2017 wird  denjenigen Männern, die in der Bundesrepublik unter den Repressalien des §175, u.a. empfindlichen Gefängnisstrafen, gelitten haben, eine Entschädigung zugesprochen. Fast 100 Jahre später. 

Es geht um das Selbstverständnis, den Einzelnen zu lassen und Liebe, Begehren walten zu lassen wie es ihnen gefällt, wie es dem Einzelnen gefällt. Weltweit ist dieses Selbstverständnis noch vielerortens nicht erreicht.