Interview mit Assaf Gavron „Wir verletzen uns selbst“ - 50 Jahre Besatzung

Assaf Gavron
Foto: Fana Feng

In diesen Wochen blickt Israel ein halbes Jahrhundert zurück. Der Sieg im Sechs-Tage-Krieg 1967, er veränderte das Land und die gesamte Region, bis heute. Im Interview erklärt der israelische Bestsellerautor Assaf Gavron, wie sich die seit 50 Jahren andauernde Besatzung der „Palästinensischen Gebiete“ durch Israel auf die eigene Gesellschaft auswirkt.
 
 

Herr Gavron, für viele in Israel ist der Sieg im Sechs-Tage-Krieg ein Grund zu feiern. Auch für Sie?

Auch ich denke: Dieser Krieg war unvermeidbar, Israel musste ihn gewinnen, um seine Existenz zu sichern. Trotzdem, es gibt keinen Anlass zu feiern. Denn das größte Problem, das dieser Sieg geschaffen hat, ist bis heute ungelöst: Israel kontrolliert ein Gebiet mit rund drei Millionen Menschen, die nicht die gleichen Menschenrechte haben wie israelische Staatsbürger. Diese Besatzung, sie ist gefährlich und destruktiv, natürlich vor allem für die Palästinenser, aber nicht nur für sie.
 
Es wirkt sich auf die eigene Gesellschaft aus.

Selbstverständlich. Die Palästinenser, sie leiden täglich unter der Besatzung. Ich weiß das, ich sehe das, und es schmerzt mich, dass dies geschieht. Es widerspricht allem, an das ich glaube: Humanität und Liberalität, Respekt und Empathie. Aus genau diesen Gründen bin ich auch betroffen, was es mit uns, mit den Besatzern macht. Wir schaden, wir verletzen uns selbst.
 
Inwiefern?

Besatzung, die Kontrolle von Menschen, sie fördert ein Denken, das andere als nicht gleich ansieht, sie macht uns selbst aggressiver, gewalttätiger, sie verstärkt Gefühle wie Misstrauen und Hass. All das wirkt zurück auch in unsere Gesellschaft, in unsere eigenen Beziehungen, es spiegelt sich in der Sprache von Politikern und in den Medien. Hinzu kommt die Gefahr, dass Israel sich selbst in der Rolle gefällt, ein Opfer von Hass und Ablehnung zu sein. All das führt dazu, dass eine Gesellschaft sich verschließt, sich nicht mehr gegenseitig zuhört, andere Meinungen nicht gelten lässt, auf Kritik gleich konfrontativ reagiert.
 
Anfang des Jahres sorgte hier in Israel ein Prozess für Aufsehen: Elor Azaria, ein in Hebron stationierter Soldat, hatte einen Palästinenser, der schon am Boden lag, mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe getötet.

Dieser Fall zeigt, wo wir heute stehen: Es ist normal geworden, dass der Finger ständig am Abzug der Waffe ist.
 
Sie leben hier in Tel Aviv in einer ruhigen Straße. Was wissen die Menschen in dieser Stadt und im Rest des Landes eigentlich über das Leben in den besetzten Gebieten?

Wir haben zwar die Wehrpflicht für Frauen und Männer, aber die Mehrheit leistet sie nicht in den besetzten Gebieten ab. Auch deshalb ist es so: Viele in unserem Land haben keine konkrete und realistische Vorstellung davon, wie sehr die Besatzung den Alltag und das Leben der Palästinenser beschränkt. Man will es lieber nicht so genau wissen. Wir sehen lieber den Erfolg unserer High-Tech-Industrie, wir sehen, wie bei uns Straßen und Wohnungen gebaut werden. Wer uns aber als eine insgesamt fröhliche Gesellschaft darstellen will, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sich blind zu stellen.
 
Vor einigen Wochen wollte sich der neue deutsche Außenminister Sigmar Gabriel bei seiner Antrittsreise unter anderem mit der Nicht-Regierungsorganisation „Breaking the silence“ treffen, woraufhin sich Israels Premierminister Netanyahu nicht mehr mit ihm treffen wollte. Einigen Medien werteten dies als einen Eklat.

Es war richtig und wichtig, dass sich Gabriel unbedingt auch mit dieser Organisation treffen wollte, dass ihre Arbeit von jemandem wie dem deutschen Außenminister anerkannt wird. Das ist auch ein Signal an all jene bei uns, die dafür kämpfen, dass die Besatzung endlich beendet wird. Es bestärkt, es zeigt uns, dass wir mit unserer Position nicht allein sind.  
 
„Breaking the Silence“ veröffentlicht Berichte von Soldaten, die Fehlverhalten des israelischen Militärs in den besetzten Gebieten dokumentieren. Hier in Israel wird die Organisation dafür teils scharf kritisiert.

Das stimmt. Manche nennen sie anti-israelisch, sogar anti-patriotisch. Ihre Gegner argumentieren: Interne Angelegenheiten muss man intern klären und sie nicht auch außerhalb des Landes publizieren, das schade dem Ansehen von Israel. Ich sage: Patriotisch sind die Menschen von „Breaking the Silence“. Sie zeigen, was diese Besatzung anrichtet. Aus Liebe zu diesem Land wollen sie, dass es sich zum Besseren verändert.
 
Momentan scheint der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern allerdings ziemlich erlahmt. Was ist zu tun?

Es ist und bleibt das Drängendste: Die Besatzung, die Kontrolle von Menschen, sie muss endlich ein Ende haben.
 
Eine Mehrheit der Israelis würde sicher sagen: Das wollen wir auch. Aber aus Sicherheitsgründen ist das nicht möglich.

Es ist eine moralische Pflicht. Und es ist nicht nur ein Traum von Linken, zu denen ich auch mich zähle. Mehrere hochrangige Vertreter der Armee haben sich in den vergangenen Jahren ebenso dafür ausgesprochen. Israel ist militärisch so stark, dass es Angriffe von außen auch ohne den geografischen Puffer der besetzten Gebiete abwehren kann. Gerade weil wir über diese militärische Kraft verfügen, haben wir auch die Verantwortung, mutig zu sein. Auf beiden Seiten gibt es Ängste, aber wir müssen raus aus diesem Teufelskreis der Angst.
 
Der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten gilt als einer Hauptgründe, warum Friedensverhandlungen derzeit nicht einmal stattfinden.

Das stimmt. Aber ich glaube, selbst für die Siedlungen werden sich bei einem Abkommen Lösungen finden.
 
US-Präsident Donald Trump hat ein Friedensabkommen als den „ultimativen Deal“ bezeichnet. Wird Trump hilfreich sein?


Von ihm erwarte ich keinen Durchbruch. Aber zumindest hat seine notorische Unberechenbarkeit eine gute Seite: Die Rechten in unserem Land haben keinen Grund mehr zum Feiern. Sie dachten, dass er sie gewähren lässt, zum Beispiel bei dem Bau weiterer Siedlungen. Jetzt müssen sie feststellen: Auch sie können sich nicht auf ihn verlassen.
 

Assaf Gavron, 49, aufgewachsen nahe Jerusalem, gehört zu den erfolgreichsten israelischen Autoren seiner Generation. Als Soldat war er Ende der 80er Jahre während der ersten Intifada selbst einige Monate im Gazastreifen stationiert. Zusammen mit anderen hat er 2007 das Computerspiel „Peacemaker“ entwickelt, das den Nahost-Konflikt simuliert und damit dessen Komplexität begreiflicher machen soll. Für sein Werk, das neben sechs Romanen auch Sammlungen an Kurzgeschichten und Essays und Publikationen in Zeitungen und Magazinen außerhalb Israels umfasst, ist Gavron bereits mehrfach ausgezeichnet worden, national und international. Seine Romane wurden bisher in zwölf Sprachen übersetzt, in Israel auch für Fernsehen, Film und Bühne adaptiert. Zudem ist Gavron Übersetzer englischsprachiger Literatur ins Hebräische, unter anderem von Autoren wie Jonathan Safran Foer und J.D. Salinger. Auf Deutsch erschienen sind seine Bücher „Ein schönes Attentat“, „Hydromania“, „Alles paletti“ und „Auf fremdem Land“. Mit seiner Familie lebt Gavron in Tel Aviv.