Haaretz Kommt ein Pferd in die Bar - David Grossman erhält den internationalen Man Booker-Preis

Foto: Tomer Appelbaum ©Haaretz Daily Newspaper Ltd. All Rights Reserved
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Auf der Festveranstaltung im Londoner Victoria and Albert Museum ist der israelische Autor David Grossman mit dem britischen Man Booker International Prize ausgezeichnet worden. Grossman, der für Kommt ein Pferd in die Bar gewürdigt worden ist, teilt sich den mit 50.000 Pfund dotierten Preis mit Jessica Cohen, der Übersetzerin seines Romans ins Englische. Wie Cohen erklärt, wird sie die Hälfte ihres Preises der Menschenrechtsorganisation B'Tselem spenden.

Als Grossman die Tränen in den Augen seiner Übersetzer sieht, weiß er, dass das Buch auch international funktionieren wird.


Jessica Cohen, die Übersetzerin von Horse Walks Into Bar, teilt sich den Preis mit David Grossman. Wie sie bei der Preisverleihung bekannt gegeben hat, wird sie die Hälfte ihres Anteils der NGO B'Tselem spenden. „Die moralischen Einbußen und die Apathie in weiten Teilen der israelischen Gesellschaft empfinde ich als sehr schmerzhaft“, begründet sie ihre Entscheidung.
         
Die Auszeichnung von David Grossmans Kommt ein Pferd in die Bar mit dem Man Booker-Preis mutet schon eigenartig an. Das Buch ist gespickt mit israelischen Witzen und lokalem Humor. Grossmans Protagonisten sprechen Hebräisch und Israelisch. Alles deutet darauf hin, dass sich dieses Buch nur schwer in andere Kulturen und Mentalitäten übertragen lassen wird. In einem Gespräch mit der israelischen Tageszeitung Haaretz kann Grossman den internationalen Erfolg des Buches selbst schwer nachvollziehen.

„Ich habe keine Ahnung, wie ich das erklären soll. Wenn ich allerdings an die Bücher denke, die ich als Kind und auch später gelesen und geliebt habe, so haben deren Handlungen auch an anderen Orten gespielt und sind einer mir fremden Kultur entsprungen. Sie hatten etwas Bekanntes, etwas Vertrautes, gleichzeitig aber auch Dinge, die mir fremd und exotisch waren. Es ist wohl die Kombination beider Elemente, die Bücher interessant macht. Die Anziehungskraft von Büchern liegt in dieser Verknüpfung begründet. Sie führt dazu, dass sich der Leser trotz distanzierender Umstände dem Lauf der Fantasie hingibt.

Um die kulturelle Übertragbarkeit des Buches zu garantieren, hat Grossman einen Workshop für 15 seiner Übersetzer abgehalten (das Buch ist mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt worden).  Grossman liest das gesamte Buch laut vor, es kommt zu Diskussionen darüber, ob und inwieweit das Buch beim Übertragen in unterschiedliche Sprachen bearbeitet werden muss. „Ich sitze in dem Raum und lese, bin kurz vor Ende des Buches, auf den letzten Seiten. Mein Blick ist auf das Papier gerichtet“, erzählt Grossman. „Plötzlich höre ich Schnauben und Rascheln von Papiertaschentüchern. Ich blicke auf und sehe wie fast alle Übersetzer Tränen in den Augen haben. In diesem Moment habe ich gewußt, dass das Buch übertragbar ist und auch anderorts funktionieren kann.“

Woher stammt die Idee zu so einer Geschichte über eine Stand-up Comedy die zum Harakiri ausartet? Woher nehmen sie einen so extremen Protagonisten?

„Wenn ich das wüßte, würde ich den ganzen Tag an guten Ideen arbeiten. Es überkommt mich ganz einfach, ohne dass ich es merke. Das spüre ich am ganzen Körper, dann weiss ich, dass es sich um eine gute Idee handelt. Unfertige Figuren mit inneren Widersprüchen, bei denen sich die Risse durch die gesamte Person ziehen, gefallen mir am besten. Die Arbeit an ihnen macht viel Spass. Solche Figuren ziehen dann auch in mir, dem Schreiber, Risse.“ – „Heute bin ich am Anfang einer anderen Geschichte“, setzt Grossman hinzu. „Mein neuer Protagonist und und ich, wir nähern uns einander mit gegenseitigem Argwohn an.“

Der internationale Man Booker-Preis gehört zu den wichtigsten jährlichen Auszeichnungen internationaler Literatur und wird zusammen mit dem Man Booker-Preis für den besten britischen Roman verliehen. Grossman ist der erste israelische Man Booker-Preisträger. In diesem Jahr waren, und das ist beispiellos, mit Amos Oz und David Grossman gleich zwei israelische Autoren nominiert - Oz für seinen 2014 beim israelischen Keter Verlag erschienenen und von Nicholas de Lange ins Englische übertragenen Roman Judas. Noch am Abend der Bekanntgabe der Preisträger hat Grossman seinen Freund und Mentor Amos Oz angerufen.  

Grossmans Kommt ein Pferd in die Bar ist 2014 beim israelischen Verlag HaSifria HeChadasha erschienen und seither in 22 Sprachen übersetzt worden. Die gesamte Handlung des Romans spielt während eines Stand-up Auftritts des Komikers Dovele G., dem einzigen Sohn Jerusalemer Holocaust-Überlebender. Doveles Comedy-Show verwandelt sich im Laufe des Abends zur Biografie des jungen Dovele G. und führt seine Zuhörer zu dem Moment zurück, an dem der Junge vom Gadna-Camp (Vorbereitung auf den Militärdienst) zur Beerdigung seiner Eltern abgeholt wird. Der Stand-up Club befindet sich im Industriegebiet von Netanja. Die Erzählperspektive ist die des Zuschauers Avischai Lasar, einem pensionierten Bezirksrichter. Lasar und Stand-up Komiker Dovele G. kennen sich von früher.

Grossman beginnt seine Dankesrede mit dem hebräischen Schalom. „Zwei der Autoren auf der kurzen Nominierungsliste sind Israelis“, fährt er fort. „Die hebräische Sprache ist ein Phänomen. In den letzten 180 Jahren hat sie sich aus der Asche erhoben und ist wieder zu einer lebendigen Sprache geworden. Die israelische Literatur floriert, es gibt viele hervorragende hebräischsprachige Autoren....“, sagt Grossman weiter. Dann bedankt er sich bei Dovele. „Dovele hat auf der Bühne gestanden und sein Publikum so lange provoziert, bis etwas passiert ist, bis die Geschichte seiner Kindheit unkontrolliert aus ihm herausbricht und er völlig fremden Menschen seine Lebensgeschichte zu erzählen versucht.... Es hat mir viel Spass gemacht, diesen Charakter zu schreiben. Mit Dovele habe ich mich ein bißchen wie der Reiter eines wilden Rodeo-Pferdes gefühlt. Es ist nie wirklich klar gewesen, wer wen lenkt.“

„Ich glaube, der Roman funktioniert in allen Ländern“,

meint Grossman.  Der israelische Literaturkritiker Omri Herzog hält den Inhalt des Buches für „puren Sprengstoff“. Der Roman verursacht einen lauten, lange nachhallenden Knall. Es ist ein mutiges und schockierendes Buch. In einer bemerkenswerten Rezension der New York Times hat Gary Shteyngart die erstaunlichen, sprachlichen Fertigkeiten des Romans gepriesen und Grossman mit Meistern wie Stand-up-Comedian und Satiriker Lenny Bruce oder auch Franz Kafka verglichen. Nach Bekanntgabe der engeren Auswahlliste des Man Booker-Preises erzählt Grossman in einem Gespräch gegenüber der israelischen Tageszeitung Haaretz von dem Übersetzungsprozess seiner Bücher. Für Kommt ein Pferd in die Bar hat er 15 Übersetzer seiner Werke zu einem Workshop eingeladen, in dem Versuch kulturelle, sprachliche und humoristische Unterschiede gemeinsam zu überbrücken.

„Das Buch gehört zu den großen Werken der Weltliteratur. Das haben wir gewusst, als wir Kommt ein Pferd in die Bar in der Hand hielten“, sagt Prof. Menachem Peri, Chefredakteur von HaSifria HaChadasha, nach Verkündung der Jury-Entscheidung. „Die Jury des Booker-Preises gehört zu den renommiertesten Entscheidungsgremien für Literaturpreise. Ich freue mich, dass die Juroren unsere Meinung teilen.“ Peri hat Grossmans gesamte Erwachsenenliteratur redigiert.

Grossman und Oz sind zwei von insgesamt sechs Autoren der Endauswahl. In die nähere Auswahl sind auch die Argentinierin Samanta Schweblin und ihr Erstlingswerk Das Gift, der französische Schriftsteller Mathias Enard mit seinem Roman Kompass, der Norweger Roy Jacobsen und Die Unsichtbaren sowie die dänische Schriftstellerin Dorthe Nors mit Rechts blinken links abbiegen gezogen worden. In diesem Jahr hat sich die Jury aus dem Leiter der Edinburgh internationalen Buchmesse Nick Barley (Vorsitz), dem Übersetzer Daniel Hahn, der Lyrikerin Helen Mort, der türkischen Autorin Elif Safak und der nigerianischen Schriftstellerin Chika Unigwe zusammengesetzt.