Texte für die Zukunft Tom Segev: Die letzte Zigarre

"Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Arnold Zweig 1927-1939"
"Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Arnold Zweig 1927-1939" | Resling Verlag

Arnold Zweig konnte ganz genau festlegen, wann er seine Verbindung zu Europa verloren hat. Es war der Moment, in dem er seine letzte, von dort mitgebrachte Zigarre geraucht hat. Beim Lesen dieses Satzes habe ich unweigerlich an meinen Großvater denken müssen.

Arnold Zweig erinnert mich an meinen Großvater Emil, der im Alter von 65 Jahren zusammen mit meiner Großmutter Edith ins vorstaatliche Israel ausgewandert ist. In einem schäbigen Lederkoffer, Teil des mitgebrachten Habes, werden bis heute die Dokumente der Beiden aufbewahrt. Hier liegt auch ein vier Seiten langer Passierschein, ausgestellt vom portugiesischen Innenministerium, voller offizieller Stempel und Gebührenmarken. Mindestens sechs Konsulate haben von der Überfahrt meiner Großeltern nach Palästina auf die eine oder andere Weise profitiert. Neben Stempeln von Marokko und Ägypten schmücken, aus einem mir unersichtlichen Grund, auch die Stempel von Südafrika und Indien dieses Dokument. Großvater und Großmutter sind in Haifa von Bord gegangen. Auf der letzten Seite des Schriftstücks wird meinen Großeltern von der staatlichen Einwanderungsbehörde im Palästina per Stempel ein ständiges Aufenthaltsrecht verbrieft.

Für all die Stempel werden meine Großeltern von einem Amt zum nächsten gehetzt sein. Wer weiß, wie viele Angestellte sie bestechen mußten. Doch das Frappierendste an dem Papier ist sein Datum: der Passierschein wurde am 4. Oktober 1943 ausgestellt! Zu diesem Zeitpunkt war Deutschlands militärische Niederlage längst abzusehen. Berlin hat unter heftigem Bombenbeschuß gestanden, was die Vernichtungsmaschinerie der Nazis jedoch keineswegs stoppen konnte. Die wenigen in Maidanek verbliebenen Juden und eine halbe Million ungarischer Juden sollten noch vernichtet werden. In dieser Zeit durchkreuzt ein Passagierschiff das Mittelmeer von Westen nach Osten und bringt meinen Großvater und meine Großmutter, als sei die Welt nicht aus den Angeln geraten, in sichere Gefilde. Um dieses Klischee führt kein Weg herum.

Gewiß sind die Beiden nicht aus Jux und Tollerei nach Palästina gekommen. Solange sie konnten, sind sie in Berlin geblieben. Als das nicht mehr möglich war, haben sie sich in Lissabon niedergelassen. Ich weiß nicht, weshalb sie nicht dort geblieben sind, aber Palästina ist mit Sicherheit ihre letzte Präferenz gewesen. Ein kleiner Trost war, dass sie bei ihrer Ankunft in Palästina nicht allein gewesen sind: In Jerusalem haben mein Vater, meine Mutter und meine Schwester, damals noch ein Baby, auf sie gewartet. Mich hat es damals noch nicht gegeben. Wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag hat mein Großvater seinen Sohn, meinen Vater, im Unabhängigkeitskrieg verloren. Einige Zeit später ist Großmutter Edith gestorben. Ich habe meinen Großvater als einen sehr bestimmenden, leicht tyrannischen Menschen in dreiteiligem Anzug in Erinnerung, der das Haus nie ohne Hut und Gehstock, ein Überbleibsel aus besseren Berliner Zeiten, verlassen hat. In Palästina haben sich meine Großeltern in Jerusalem niedergelassen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Großvater mit mir im Arlosorov Park spazieren gegangen ist. Vielleicht hat er mich auch auf meinem ersten Schulweg in die erste Klasse begleitet. Ich werde meine kleine Hand in seine geschoben haben und froh gewesen sein, dass es ihn gab. Großvater und ich haben uns auf Deutsch unterhalten. Er konnte gar kein Hebräisch. Noch heute spüre ich die tiefe Schwermut, die ihn umgab. In Israel ist er unglücklich gewesen. Einst, in Berlin, war er ein wohlhabender Mann gewesen. In Jerusalem war Großvater mittellos, hat oft einen über den Durst getrunken und ist 1952 gestorben.

In dem Koffer mit den portugiesischen Reisedokumenten liegt auch ein Briefbündel von alten Bekannten, die es in andere Länder verschlagen hat. In ihren Briefen haben sie Großvater berichtet, wie es ihnen ergangen ist und bei nostalgischen Erinnerungen an ihr einstiges Berlin Zuflucht genommen. Über 50 Jahre später habe ich aus diesen Dokumenten etwas über die Tragödie des Universums gelernt: Es gibt keine fröhlichen, glücklichen Migranten. Neueinwanderer haben es in Israel durch die Bank schwer gehabt, wenngleich nicht wenige Jekkes in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen in Israel sehr erfolgreich gewesen sind. Natürlich hat es auch einige wenige gegeben, die hier ihr Glück gefunden haben. Und doch ist es den Jekkes in Israel besonders schwer gefallen. In den zweihundert Jahren vor dem Machtantritt der Nazis haben sie begonnen, sich als Teil der deutschen Gesellschaft zu verstehen. Sie haben alles getan, um sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Mein Großvater ist für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg, er hat in der Armee des deutschen Kaisers gekämpft, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Die Mehrheit der deutschen Juden sind keine Zionisten gewesen; sie hatten in ihrem Land, in Deutschland, bleiben wollen. Viele von ihnen, vielleicht sogar alle, haben sich in Israel wie Flüchtlinge, wie entwurzelte Menschen gefühlt. So haben sie sich übrigens nicht bloß in Israel, sondern überall auf der Welt gefühlt – ob Stefan Zweig im New Yorker Washington Heights oder Arnold Zweig auf dem Carmelberg in Palästina. In dieser Hinsicht hat es keinen Unterschied gegeben.

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Im Gegensatz zum berühmten Zweig hat es Arnold Zweig zu Lebzeiten nicht zu den großem literarischen Ruhm gebracht. Nur in deutschsprachigen Kreisen hat er einen gewißen Bekanntheitsgrad gehabt. Immerhin sind seine Romane in viele Sprachen, darunter auch Hebräisch, übersetzt worden. Arnold Zweig hat Palästina bereits vor seiner Emigration besucht und das, was er sah, geliebt. Als Besucher, der nur vorübergehend im Land war, ist ihm die Bewunderung für das zionistische Siedlungswerk leicht gefallen, zumal es damals noch einen Ort gegeben hat, an den er zurückkehren konnte. Wie mein Großvater hat auch Arnold Zweig andere Anlauforte gesucht, bevor er sich 1934 im vorstaatlichen Israel niedergelassen hat. Die Tatsache, dass er keine andere Wahl hatte, als in Israel zu bleiben, wird ihm mehr als die Auswanderung an sich zugesetzt haben. Er litt unter seinem Unvermögen, sich einen Platz in der hebräischen Kultur zu erobern. Als Schriftsteller war er auf Leser angewiesen. Die Intendanten des Habima Theaters haben ihm nicht einmal geantwortet, als er ihnen seine Dramen zuschickte. Arnold Zweig hat einmal, zweimal, dreimal nachgehakt, ohne auch nur eine Reaktion zu erhalten, was ihm das Gefühl vermittelt hat, nicht dazu zu gehören. Arnold Zweig konnte ganz genau festlegen, wann er seine Verbindung zu Europa verloren hat. Es war der Moment, in dem er seine letzte, von dort mitgebrachte Zigarre geraucht hat. Beim Lesen dieses Satzes habe ich unweigerlich an meinen Großvater denken müssen. In hohem Alter hat er Arnold Zweig sogar ein bißchen ähnlich gesehen. Wie Zweig hat mein Großvater seine Jugend in Kattowitz verbracht. Auch er hat Israel, bevor er sich endgültig in Palästina niedergelassen hat, besucht. In Berlin ist mein Großvater Mitinhaber einer Fabrik für Damenhüte gewesen und ist nach seinem ersten Besuch in Palästina zu der Schlußfolgerung gekommen, dass es in Israel nicht genug Frauen gibt, um eine Hutfabrik zu gründen.

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Arnold Zweig hat Sigmund Freud verehrt; auch Freud hat Zweig sehr geschätzt. Der Briefwechsel der Beiden wirft neues Licht auf einen Teil ihrer Arbeiten und ihres Gedankenguts. Mich hat ihr Briefwechsel vor allem interessiert, weil er zumindest einen teilweisen Einblick in die internen Schwierigkeiten zuläßt, mit denen sich zionistische Ideologen auseinander zu setzen hatten. Wer diese Briefe heute auf Hebräisch liest, wird in Beiden vor allem Außenseiter sehen, deren Einwände fürs heutige Ohr wie Nörgeleien klingen. Doch verkörperten Menschen wie Arnold Zweig und Sigmund Freud die eigentliche Herausforderung des Zionismus. Die meisten Juden waren keine Zionisten. Der Kampf um die Gunst dieser Menschen war oft schwieriger als die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Arabern. Die meisten ‚Zionisten‘, die sich in Israel niederließen, haben das nicht aus freien Stücken getan. Sie sind Flüchtlinge gewesen. Das waren nicht die Juden, die sich die Zionisten gewünscht hatten. Diese Menschen kamen, weil sie keine andere Wahl hatten und sind in Israel genauso nolens volens aufgenommen worden. Dieses Dilemma, das auch in den Briefen von Arnold Zweig und Sigmund Freud anklingt, hat den Zionismus seit eh und je begleitet.

Die Erfahrungen der Vergangenheit haben Juden nicht besser auf einen eigenen Staat vorbereitet, sinnierte Freud, was ihn anschließend nicht daran hindert, Zweig von der Rückkehr nach Europa abzuraten. In Palästina sei zumindest für sein physisches Überleben gesorgt. Dort habe er Bürgerrechte. Freud hätte sich genau wie Zweig in Palästina niederlassen können, doch hat er die Emigration nach England vorgezogen, obgleich er auch dort jeden Tag gehaßt hat. Arnold Zweig hat in Israel harte Zeiten durchmachen müssen. Terror und Krieg haben an seinen Nerven gezehrt und ihn schwer depressiv gestimmt. Allein Freuds Theorie, so Zweig, könne erklären, was in Israel vor sich geht.

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Dieser Ausspruch trifft auch für Zweigs eigenes Verhalten nach dem Zweiten Weltkrieg zu, als er beschloß, nach Ostdeutschland zu ziehen. Auch das läßt sich wohl nur anhand Freudscher Theorien erklären. Das kommunistische Willkür-Regime hat Arnold Zweig mit offenen Armen empfangen. In Ostdeutschland ist Zweig dann endlich zum Kulturhelden avanciert. Heute nimmt ein geeintes, freies Berlin Tausende Israelis mit offenen Armen auf. Viele von ihnen, vielleicht sogar die Mehrheit, sind gebürtige Israelis. Arnold Zweig und mein Großvater hätten sie bestens verstanden.