Späte Ehrung Ernst Grube erhält den Georg-Elser-Preis

Ernst Gruber
Bayerischer Rundfunk

Ernst Grube erlitt als Kind einer jüdischen Mutter unter dem NS-Regime Verfolgung und Deportation. Auch nach dem Krieg wurde er als Kommunist verhaftet und stigmatisiert. Jetzt ehrt ihn die Stadt München. Von Thies Marsen

Am 8. November 1939 verübt Georg Elser sein Attentat auf Adolf Hitler – im Bürgerbräukeller im Münchner Stadtteil Haidhausen.  Es mißlingt, weil Hitler Minuten vor der Detonation von Elsers selbstgebauter Zeitzünderbombe den Saal verlässt. Ernst Grube befindet sich zu diesem Zeitpunk keine fünf Kilometer entfernt in Schwabing – im jüdischen Kinderheim an der Antonienstraße. Er ist sechs Jahre alt und seit genau einem Jahr im Heim. Seine Eltern haben sich nicht mehr anders zu helfen gewusst, nachdem die Nazis ihnen die Wohnung gekündigt, Strom, Wasser und Gas abgedreht haben.

Angsterfüllte Kindheit im jüdischen Kinderheim

"Dieses Spüren, dass ich Jude bin, das erste Mal, das war in der Antonienstraße in dem jüdischen Kinderheim. Vorher habe ich so vielleicht atmosphärisch Dinge wahrgenommen, die Mutter zum Beispiel wenn sie gebetet hat, wenn sie ihre Kerzen angezündet hat in der Wohnung." (Ernst Grube)

Dabei ist Ernst Grube sozusagen im Zentrum des jüdischen Lebens in München aufgewachsen – in den jüdischen Gemeindehäusern in der Herzog-Max-Straße, direkt neben der Synagoge. Seine Eltern sind Kommunisten, die Mutter Jüdin. Ernst Grube sieht mit eigenen Augen, wie die Synagoge 1938 auf persönlichen Befehl Hitlers zerstört wird, und er erlebt die Diskriminierung am eigenen Leib.

"Und dann mussten wir diesen gelben Stern tragen. Eine Situation, die für uns (…) immer zu Konflikten mit Nachbarskindern und Passanten geführt hat. Entweder wurden wir angepöbelt oder als Judensau bezeichnet. Oder man hat halt gespürt, dass Passanten einfach die Straßenseite gewechselt haben und so." (Ernst Grube)


Deportation und Hinrichtung von Kindern

Dass Ernst Grube überlebt, ist vor allem seinem nichtjüdischen Vater zu verdanken, der sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden lässt. So werden Mutter und Kinder erst spät deportiert, im Februar 1945 ins KZ Theresienstadt, das wenige Wochen später von der Roten Armee befreit wird.

"Und auf einmal hieß es, die Russen sind da, und ich bin dann raus. Das habe ich noch vor mir, wie ich da auf so einen Wagen raufhüpfe und dann hockt da so ein Sowjetsoldat, so ein Rotarmist mit seinem Schifferkappi, den Roten Stern drauf. Das hat natürlich meine ganze spätere Entwicklung mitbeeinflusst, mitbestimmt (...)" (Ernst Grube)

1955 erneute Verhaftung bei einer Gewerkschafts-Demonstration

Die Familie kehrt zurück nach München. Ernst Grube engagiert sich in Gewerkschaft und Friedensbewegung, wird Mitglied der Kommunistischen Partei, die jedoch bald verboten wird. Immer wieder gerät er in Konflikt mit Polizei und Justiz, in der nach wie vor  viele Nationalsozialisten mit ihren alten Feindbildern aktiv sind. So etwa Anfang 1955 bei einer Gewerkschafts-Demonstration:

"Und bei einer dieser Demonstrationen haben sie mich verhaftet und auf mich eingeschlagen und ich hab mich gewehrt, also abgeschützt – und das war dann der Widerstand gegen die Staatsgewalt. Und gerufen soll ich haben: Hauts’ doch die blauen Säue...Dann habe ich 7 Monate – in Stadelheim war ich. (…)" (Ernst Grube)

Berufsverbot und Verurteilung wegen kommunistischer Aktivitäten

Drei Jahre später wird Grube wegen einer Flugblattaktion erneut angeklagt und verurteilt - vor dem Bundesgerichtshof, als Hochverräter. Auf der Anklagebank Kommunisten und ehemalige KZ-Häftlinge, am Richtertisch einstige Nazi-Juristen. Immerhin billigt das höchste deutsche Gericht Grube mildernde Umstände zu – schließlich sei er ja „Halbjude“, wie es in bestem Nazijargon im Urteil heißt.

Im Dritten Reich ist Ernst Grube wegen seiner jüdischen Abstammung verfolgt worden, in der Bundesrepublik als Kommunist: Anfang der 1970er Jahre erhält er Berufsverbot, doch er geht ins Münchner Rathaus und knallt dem Sachbearbeiter den Judenstern auf den Tisch, den ihm einst die Nazis verpassten – das Berufsverbot wird zurückgenommen. Noch 2000? , fast 40 Jahre später diffamiert die bayerische Staatsregierung Grube im Verfassungsschutzbericht als Linksextremisten.

Später Respekt für den engagierten Zeitzeugen

Inzwischen ist Ernst Grube hoch geachtet, ist Präsident des Kuratoriums bayerischer Gedenkstätten, tritt regelmäßig als Zeitzeuge bei Gedenkveranstaltungen und in Schulen auf. Mit seinen 84 Jahren ist er unermüdlich aktiv – und seit kurzem auch – in der Nachfolge des verstorbenen Max Mannheimer – Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, der Organisation der Häftlinge des einstigen KZ Dachau. Also jenes Lagers, in dem die Nazis am 9. April 1945 den Hitler-Attentäter Georg Elser ermordeten.