Rückblick Die „Verschwindende Wand“

  • Verschwindende Wand in Beer Sheva Foto: Antje C. Naujeks
  • Verschwindende Wand in Jerusalem Foto: Noa Ben Shalom
  • Verschwindende Wand in Haifa - Paar Foto: Felix Rettberg
  • Verschwindende Wand in Haifa- Familie Foto: Felix Rettberg
  • Verschwindende Wand in Tel Aviv Foto: Felix Rettberg
  • Verschwindende Wand in Tel Aviv - Rabin Square Foto: Felix Rettberg
  • Verschwindende Wand in Tel Aviv - Jugendliche Foto: Felix Rettberg
  • chwindende Wand in Tel Aviv- jung und alt Foto: Felix Rettberg

82 Zitate, in drei Sprachen, auf 5664 Klötzen – das war die „Verschwindende Wand“, eines der größten Projekte des deutsch-israelischen Jahres 2015 anlässlich von 50 Jahren seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen beider Länder.

In den sozialen Medien hatten wir dazu gerufen, uns Zitate von deutschsprachigen Intellektuellen zu nennen, die einem persönlich etwas bedeuten: seien es Zitate aus Büchern, Filmen, Liedtexten oder auch Interviews. Darunter waren schließlich Weisheiten von Dichtern und Popsängern, Philosophen, Autoren und Wissenschaftlern, von Goethe wie von Grönemeyer, von Adorno, Arendt und Einstein ebenso wie von Tocotronic, Udo Lindenberg und den „Toten Hosen“. 
 
Dreisprachig – auf Deutsch, Hebräisch und Arabisch, auf denselben Holzklotz graviert – haben wir damit die Fächer der über viereinhalb Meter breiten und zwei Meter hohen Wand bestückt. Über Wochen hinweg hatte Oded Bileski, Mitarbeiter unseres Instituts, zuvor diese Wand aus Eisen, Holz und Plexiglas geplant und selbst gebaut.
 
Premiere war bei der Eröffnung der Internationalen Buchmesse in Jerusalem, dann wurde die Wand während der „Woche des Buches“ auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv aufgebaut, danach in Haifa vor dem Beit HaGefen, dem arabisch-jüdischen Kulturzentrum, und schließlich noch ein viertes Mal zwei Jahre später beim „Fringe-Festival“ in Beer Sheva.
 
Egal an welchem Ort, es geschah, was wir uns erhofft hatten: Die Menschen löcherten die Wand. Sie ließen sie nach und nach verschwinden, weil sie Zitate fanden, die sie berührten, die sie unbedingt mit nach Hause nehmen oder später jemand anderem schenken wollten. Viele schrieben oder zeigten uns später per Foto auf Facebook, wo die Holzklötze, wo ihre Lieblingszitate, nun ein neues Zuhause fanden: im Bücherregal, auf dem Schreibtisch oder sogar stets dabei in der Handtasche.
 

„Mir erschien die „Verschwindende Wand“ in Haifa anfangs wir eine große Skulptur, mit all den Klötzen, die wie eine Landschaft so verschieden weit herausragten, weil sie immer wieder herausgezogen und zurückgeschoben wurden. Wir, meine ganze Familie und ich, haben ihr Geheimnis dann erst nach und nach entdeckt: Dass es sehr viele verschiedene Zitate gibt. Eifrig haben wir sie gesammelt, uns zusammengesetzt und sie uns vorgelesen und darüber diskutiert, um für jeden von uns mindestens eines zu finden. Das war einfach schön. Die Klötze haben wir immer noch, manche sogar auf dem Nachttisch. Den Klotz mit dem Hermann Hesse-Zitat „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden“ trage ich täglich bei mir in der Handtasche.“
Shai Ayal, Besucherin
 
„Viele Wochenenden habe ich damit verbracht, das Gestell aus Eisen und Holz für  unsere „Verschwindende Wand“ zu planen und es dann auch selbst zu bauen. Als wir die Wand dann zum ersten Mal bei der Internationalen Buchmesse in Jerusalem aufbauten und das alles ziemlich glatt lief und bei der Eröffnung die Besucher schließlich anfingen, eifrig und aufgeregt die Klötze aus der Wand zu ziehen, war ich erleichtert. Ein tolles Gefühl!“
Oded Bileski, Mitarbeiter des Goethe-Instituts Israel

„Wir hatten das Glück, dass die „Verschwindende Wand“ Teil unseres jährlichen Festivals „ChagHaChagim“ war, Tausende haben sie somit gesehen und sich neugierig auf sie eingelassen: unsere Jugendgruppen, Menschen aus Haifa, Besucher aus dem ganzen Land und auch Touristen. Manche Besucher kamen sogar mehrmals und immer wieder entstand durch die Auseinandersetzung mit den Zitaten Nähe zwischen den Besuchern, entwickelte sich spontan ein Dialog über die jeweils eigene Interpretation. Es war ein echtes einander Zuhören. An einem der letzten Tage, als die Wand schon halb leer war, kamen zwei Touristen. Sie blieben viele Stunden. Nachdem sie gegangen waren, sahen wir, dass sie die Holzklötze so in den Fächern der Wand arrangiert hatten, dass die komplette Weltkarte mit allen Kontinenten entstanden war – für mich ein aufregender und berührender Moment zum Ende dieses wundervollen Projekts.“
Hila Goshen, Beit HaGefen, Haifa

„Über viele Stunden hinweg habe ich beobachtet, wie die Menschen auf die „Verschwindende Wand” in Beer Sheva reagieren, und war beeindruckt: Vom Dreijährigen über deren Eltern bis zur älteren Dame mit Gehhilfe – Generationen haben sich intensiv mit ihr beschäftigt. Durchweg haben die Besucher positiv reagiert. Selbst wenn manchen die ersten Zitate nicht zusagten, suchten sie neugierig weiter und fanden früher oder später doch eines und zeigten es Freunden oder der Familie. Eine Gruppe junger Mädchen setzte sich im Schneidersitz auf die Wiese und sah sich fast eine Stunde ihre erste Auswahl an Klötzen durch. Ein junger Mann verbrachte ebenso viel Zeit an der Wand. Am Ende gefielen ihm so viele Zitate, dass er seine Beute an Klötzen kaum tragen konnte. Diese Wand, sie hat zwischen den Menschen tatsächlich Kommunikation geschaffen, auch über die Zeit in Beer Sheva hinaus. Ich habe einige Klötze einer Freundin mitgebracht, die in Ashkelon einen deutschen Konversationskreis für ältere Menschen leitet. Das gesamte letzte Treffen drehte sich schließlich um diese Klötze. Mir selbst habe ich natürlich auch einige für Zuhause mitgenommen. Einer liegt gleich neben meinem Computer, weil dieses Zitat von Herbert Grönemeyer derart auf mein Leben zutrifft: ‘Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl’.”
Antje C. Naujoks, Besucherin