Nuphar Barkol über das Theatertreffen Berlin 2017 „Das Neue muss immer wieder erschaffen werden.“

Theatertreffen Berlin_ artist talks
Foto: Sylvana Seddig

„Das Neue muss immer wieder erschaffen werden.“ Mit diesen Worten hat Marthaler wohl den Gegenwartsbezug der Inszenierungen, in dem Gesellschaft, Politik und Kunst zusammen kommen, bestens eingefangen und junge wie alte Theaterschaffende, Theoretiker, Forscher, Journalisten und Fans in den Sog der riesigen Endlosschlaufe der Berliner Festspiele gezogen. In diesem Gewartsbezug laufen vorübergehend sowohl das Jetzt, wie auch der kommende Moment und der sich ständig wiederholende Augenblick zusammen.

Zum diesjährigen Theatertreffen sind Vertreter der deutschsprachigen Theaterwelt aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum 54. Male zu einem Wettbewerb von zehn bemerkenswerten Inszenierungen der vergangenen Theatersaison (2016) zusammengekommen. Die Entscheidung über die Preisträger wird von einer siebenköpfigen Jury aus vier Frauen und drei Männern getroffen, die sich im Laufe des letzten Jahres jeweils 60 bis 100 Produktionen angesehen haben. Der Jury gehören auch Dr. Thomas Oberender, der Leiter der Berliner Festspiele, die das Theatertreffen alljährlich beherbergen, sowie Yvonne Büdenhölzer, die künstlerische Leiterin des Theatertreffens an. Um in die nähere Auswahl des Wettbewerbs zu gelangen, es wird eine Vorauswahl von zehn Inszenierungen getroffen, müssen die Stücke vor allem „bemerkenswert“ sein. Es werden also keineswegs die „schönsten“ oder die „besten“, sondern eben die bemerkenswertesten Aufführungen preisgekrönt. Das Theatertreffen will keine qualitative Hierachie schaffen, sondern seinem Namen gerecht werden und im wahrsten Sinne des Wortes ein künstlerisches Treffen und Diskussionen sein. Das Festival versteht Theaterstücke als Kapsel aktueller Geistesströmungen und möchte der künstlerischen Reaktion auf aktuelle Ereignisse, auf sich radikal verändernde, neue politische Konstellationen Rechnung tragen, die auf eine ungewisse Realität und die Situation des Menschen in der Gesellschaft eingehen.

Der zweiwöchige Wettbewerb wird von internationalen Koproduktionen, Performances, szenischen Lesungen, Diskussionsrunden, Konferenzen, Konzerten und Parties flankiert. Die Beschäftigung mit dem Zeitgeist hat schon immer zu den Grundzügen des Berliner Theatertreffens gehört, doch ist es beim diesjährigen Festival mehr als sonst um politische Aussagen, um die Reaktion von Künstlern auf aktuelle internationale Entwicklungen und um die Fragen gegangen, die sie daraus abgeleitet haben. Haben sie versucht, die Dinge widerzuspiegeln, zukünftige Veränderungen vorherzusagen, auf das verwiesen, was bereits verloren gegangen ist oder vom Menschen eigenhändig zerschlagen wird.

Es scheint mir nahezu unmöglich, den Geist des Berliner Theatertreffens und seiner Stücke anhand von geschriebenen Worten zu vermitteln und doch werde ich es zumindest versuchen.

Die Stücke des Wettbewerbs

Aus Basel kommt Simon Stones Adaption von Anton Tschechows Drei Schwestern. Ein auf der Bühne rotierendes Haus Prosorow vermittelt, Drehung um Drehung, einen Einblick von der Leere des weißen, priviligierten Bürgertums, welches die von ihm süchtig konsumierten Fernseh-Serien nachlebt.
Aus Dortmund kommt Die Borderline Prozession – ein Loop um das, was uns trennt. Diese die Grenzen des Theaters sprengende dreidimensionale Bühneninstallation von Regisseur Kay Voges ist im ehemaligen VGB Transformatorenwerk am Stadtrand von Berlin in Oberschöneweide aufgebaut worden. Die an zwei Seiten der Bühne sitzenden Zuschauer sind von einer Schiene umgeben, auf der eine während der gesamten Aufführung filmende Kamera fährt, deren Bilder auf drei große Leinwände an den verbleibenden zwei Seiten der Bühne geworfen werden. Die Kamera wird von einem Kameramann und dem Regisseur des Stückes begleitet, der die Kamera lenkt und während der Aufführung Texte, Lieder und Sound-Medleys aus einem Repertoire wählt, das er und sein Dramaturgenteam für die Aufführung zusammengestellt hat; es wird auch zu relevanten Tagesmeldungen Stellung bezogen. Sie werden auf eine Leinwand über die von der Kamera ausgespiehenen Aufnahmen gestülpt; so beispielsweise die Ergebnisse der französischen Wahlen, die während der Aufführung bekannt gegeben wurden. Die redigierten, in einer Endlosschlaufe auf der großen Leinwand verhafteten Lebensausschnitte Anderer korrespondieren mit dem Ruhm und Glanz von Hollywood Filmen. Die Zuschauer können sich bedienen und sich ihr eigenes, meditatives Erlebnis schaffen. In den von ihnen konsumierten Medienereignissen begegnen die Zuschauer dem Leben anderer Menschen, mit denen sie über Medien und soziale Netzwerke streiten.

Aus Mainz kommt Der traurige Zauberer des jungen Regisseurs Thom Luz, der bereits 2014 von der bekannten Zeitschrift Theater heute als Nachwuchs-Regisseur des Jahres gefeiert worden ist und im Juni mit einer Produktion aus dem Jahr 2015 auf dem Israel Festival zu Gast gewesen ist. Sein Debüt als Regisseur eines etablierten Theaters basiert auf dem musikalischen Theater, womit keinesfalls Musicals oder musikalische Theaterabende mit Klavierbegleitung gemeint sind, sondern ein ‚Sprachmusikabend‘ mit strukturbestimmendem Sound, der das Tempo der Worte und die kreisförmigen Bewegungen der Schauspieler im Raum vorgibt, die sich wie Spiegelungen multiplizieren. Dabei sitzen die Zuschauer in Podien auf der Bühne, von der aus sie die Schauspieler im vor ihnen liegenden Geister-Auditorium beobachten.   

Vom Schauspiel Leipzig ist Claudia Bauers Bühnenadaption von Peter Richters gleichnamigem Roman 89/90 eingeladen worden. Das Stück berührt einen noch heute hoch sensiblen und emotionsgeladenen Moment in der deutschen Gegenwartsgeschichte. Bauers Inszenierung übernimmt die Erzählperspektive des Romans: In einem Gespräch mit einem guten Freund, erinnert sich ein Mann an seine Jugend im kritischen Jahr der Wende 1989/90. Mutig nähert er sich diesem Teil der deutschen Geschichte. Das Ensemble agiert als Punkband und wird von einem klassischen Knabenchor ergänzt, der die deutsche Wiedervereinigung in ein exzessiv repitatives und mitreißendes, schrilles Chorstück integriert und einen Spannungsbogen von Schulchören, zu den Chören der komunistischen Partei und der Kirche schlägt. Bauers Verfremdung braucht zweifellos viel abgründigen Humor, um einen Grad der Integrität zu erreichen, bei dem junge Männer im Deutschland der 90er Jahre auf der großen Bühne einstimmig gröhlen: „Ich bin ein Nazi“.

Die Kooperation von Theatern und Festivals aus Deutschland, Belgien, der Schweiz, England, Singapur und Frankreich zusammen mit dem von Milo Rau gegründeten künstlerischem Zentrum The International Institute of Political Murder hat die Teilnahme von Five Easy Pieces ermöglicht. Das Stück befasst sich mit verstörendem dokumentarischem Material. Es bringt die Geschichte eines Entführungsskandals und der Verurteilung des Kindermörders Marc Dutroux, einer Kindheit der Folterungen und des sexuellen Mißbrauches auf die Bühne. Dutrouxs Verbrechen haben Belgien gespalten und Ende 1990 die Regierung zum Fall gebracht. Raus Inszenierung blickt jedoch weit über die 90er Jahre zurück und stellt einen Bezug zwischen Dutrouxs Sexualverbrechen und Belgiens Kolonialgeschichte im Kongo her. Bei Beginn des Stückes sind alle Schauspieler Kinder, die einen Regisseur, Trainer oder Showmaster haben, der ihr Spiel anleitet. Dieser Regisseur wählt seine Schauspieler nach deren Kindheitserlebnissen aus und erteilt ihnen dann vor jeder Szene neue Anweisungen. Durch Nahaufnahmen der Kindergesichter erreicht es der Regisseur, dass die Kinder ihre Monologe wie gewünscht aufsagen. Die jungen Gesichter werden auf die Leinwand an der Rückwand geworfen. In den Intervallen zwischen den Szenen erscheint eine Videorekonstruktion der Vorfälle auf der Leinwand, die von erwachsenen Schauspielern gespielt werden. Im Mittelpunkt des Stückes steht allerdings nicht das Reenactment vergangener Verbrechen, die wir uns erzählen, die wir rekonstruieren, sondern der Rahmen, den die Bühne dem Überlebenden, der Ohnmacht, der absoluten Aufgabe und der Machtausübung steckt. Diese Fragen, die potentiell bei jedem menschlichen Zusammentreffen aufkommen,  stellen den eigentlichen Stoff der Inszenierung dar.

Aus Bern kommt das von Ersan Mondtag und Olga Bach inszenierte Stücke Die Vernichtung, welches Schauspieler und Bühne in ein paradiesisches Scheinidyll hüllen, als handle es sich um einen Wandteppich von Marc Chagall. Die Texte, ihre Rendition und das Atmen der Darsteller sind sprunghaft, polarisiert und ertönen aus einem deutschen Nachtclub voller Drogen, Einsamkeit und politischem Überdruss. Die Menschen sind motivationslos und wollen die Politik der Alten weder verstehen noch ändern.

Die Zusammenarbeit von Forced Entertainment und englischen, deutschen und US-amerikanischen Theatern und Kulturzentren hat die Teilnahme von Real Magic der Performance Gruppe aus Sheffield ermöglicht. Die künstlerische Leitung des Stücks liegt bei Tim Etchells. Die drei Darsteller des Stücks treten im Format von Unterhaltungssendungen auf die Bühne. Ein Moderator fordert den Kandidaten auf, die drei Worte zu erraten, die der denkende Richard gerade im Kopf hat. Es sind immer dieselben Worte: Strom, Loch, Geld. Die Darsteller wechseln ihre Rollen, sie tauschen Hühnerkostüme aus, aber sagen immer denselben Text auf. Es ist eine permanente Wiederholung einer immer gleichen Szene. 85 Minuten lang und bestimmt 50 mal wiederholt sich das vergebliche Erraten von Zauber-Schande-Welt.

Wegen technischer Schwierigkeiten konnten Friedrich Schillers Die Räuber vom Residenztheater München unter der Regie von Ulrich Rasche und Theodor Storms Der Schimmelreiter vom Hamburger Thalia Theater, inszeniert von Johan Simons, leider nicht auf dem Theatertreffen aufgeführt werden. Die Münchner Produktion wurde stattdessen als Film gezeigt, die Hamburger szenisch gelesen.

Auch Herbert Fritschens Pfusch einer kurz vor dem Intendantenwechsel stehenden Berliner Volksbühne ist in die nähere Auswahl gelangt. Ein Abschiedsakkord. Es ist das siebente Mal, dass eine Fritsch-Inszenierung in die nähere Auswahl des Theatertreffens kommt. Neben der exakten Ästhetik, die an das triadische Ballett Oskar Schlemmers erinnert, zeigt Pfusch deutlich wie nah die Wurzeln des deutschen Theaters bei der Zirkuskunst liegen. Ein entsetzter Blick in die Zukunft des Theaters hat sich zu  dem unendlichen Akkord der vielen Klaviere geweitet, die Fritsch am Bühnenrand plaziert hat. All dies wird von dem abstürzenden, wohlgefälligen Lachen einer Drague Queen begleitet. Dieses Mysterium, welches die Verflechtung des Gegenständlichen verschärft, zu dem der Mensch wird, je weiter er treibt, je mehr er sich bemüht, je öfter er versucht, je mehr er versagt, schließt mit dem Zufallen des schweren Vorhangs. Zwei Sekunden später dann die Explosion.

Shifting Perspectives

Erstmals in diesem Jahr eröffnet das Theatertreffen unter der Überschrift Shifting Perspectives ein vom Dramaturg des Festivals und dem Leiter des Internationalen Forums, Daniel Richter, ins Leben gerufenes kollektives, hybrides Forschungs- und Erlebnislabor an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaftspolitik. Diese Plattform umfasst vielfältige Formate wie Paneldiskussionen, Werkstatt-Gespräche, performative Installationen, Artist Talks und Vorträge, die sich mit Gegenwartsthemen und dem Einfluss von Politik auf die Theaterwelt und Performancekunst befassen.

Stückemarkt

In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für Politische Bildung werden im Rahmen des Stückemarktes fünf neue Theaterstücke von jungen europäischen Autoren als szenische Lesungen oder einer Performance gezeigt; die Stücke werden auch im deutschsprachigen Begleitheft des Festivals vorgestellt. Im Rahmen dieses Formats werden zudem fünf Filme präsentiert, die sich aktuellen politischen Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven stellen. Im Rahmen einer begleitenden Konferenz mit dem Titel The Art of Democracy werden in sieben Panels Meinungsfreiheit, Objektifizierung der politischen Debatte und künstlerische Aktionen diskutiert, die eine Grundlage für Veränderungen darstellen sowie Vergleiche zwischen der deutschen und anderen Demokratien angestellt.
Internationaler Koproduktionsfonds

In Kooperation mit dem Goethe-Institut präsentiert das Theatertreffen fünf interdisziplinäre Projekte des neuen Internationalen Koproduktionsfonds. Kulturschaffende aus aller Welt arbeiten mit deutschen Künstlern an einzigartigen hybriden Werken, in die viele künstlerische Elemente einfließen und deren komplexe Inhalte aus  ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden. Künstler und Wissenschaftler sind eingeladen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen zur Verfügung zu stellen, um neue Perspektiven und Kommunikationsräume zu eröffnen. Dabei werden Distanzen, Identitäten und Sprachen nicht einfach überrollt. Sie treffen vielmehr zusammen und stellen sich den Herausforderungen.
An dieser Stelle möchte ich von einer schmerzhaft schönen Erfahrung mit dem Stück Music for Unstageable Theatre in der Regie des Ägypters Adel Abdel Wahab in Zusammenarbeit mit dem deutschen Musiker Alexander Paulick erzählen. Das Stück thematisiert die Unmöglichkeit, all das, was Wahab sagt und zeigt, an dem Ort zu präsentieren, an dem er lebt.

Internationales Forum

Seit nunmehr 37 Jahren wird das Internationale Forum in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut durchgeführt. Auch in diesem Jahr sind 39 junge Künstler aus aller Welt aufgrund ihrer Theaterarbeit ausgewählt worden. Drei Wochen lang haben sie sich gemeinsam Aufführungen ansehen, diskutiert, andere Künstler getroffen, an vier Workshops bemerkenswerter Künstler teilgenommen und eigene Stoffe weiter entwickelt. Über die zahlreichen Begegnungen hinaus, haben die Teilnehmenden auch Gelegenheit gehabt, sich über den internationalen Stand der Kunst zu informieren. Neue gesellschaftliche und politische Trends sind in Arbeit und Gestaltung eingeflossen.

Das Forum versteht sich als Labor, welches der Rolle des Theaters im öffentlichen und politischen Raum nachgeht. Zum diesjährigen Forum sind Künstler aus angrenzenden Ländern wie der Schweiz, aus Belgien oder Frankreich aber auch aus weiter entfernten Ländern wie dem Libanon, aus Chile, Taiwan oder Tel Aviv zusammen gekommen. Die Künstler dieses interkulturellen Zusammentreffens sprechen zwar ganz unterschiedliche Sprachen, doch gehen sie bei ihrer Arbeit alle von der Grundannahme aus, dass Theater politisch ist. Regisseure befassen sich mit provokanten Inhalten und hinterfragen aktuelle Entwicklungen ihrer Region. Andere Regisseure arbeiten mit dokumentarischen Materialien. Eine Regisseurin erforscht das Protestpotential von Theateraktionen. Eine Bühnenbildnerin arbeitet an einer Exkursion. Eine Dramaturgin befasst sich mit Projekten, die Wissenschaft, Ökologie und Theater verbinden. Eine Performerin, die als Teil eines Kollektivs mit Aktionen im öffentlichen Raum provoziert. Ein Stückeschreiber, der an einem Projekt über ländliche Gebiete und Theaterunterricht arbeitet. Ein Forscher, der den Auswirkungen von Massenschocks auf Werke nachgeht, die sich mit Dystopie befassen. Die Debatten kreisen um die Politik der Repräsentanz von Aufführungen, um Sprache (soll im Plenum Englisch  oder Deutsch gesprochen werden und mit Hilfe der Dolmetscher im Theaterstudio kommuniziert werden). Es hat auch eigene Initiativen von Diskussionsteilnehmern gegeben, bei denen es um Theatererziehung in den Ländern gegangen ist, aus denen die Teilnehmer des Forums kamen oder um die Position der Regierung zu künstlerischer Ausdrucksfreiheit.

In den Räumen einer alten Lkw-Werkstatt im Norden Berlins, deren Räume in die wunderschönen Uffer Studios umgewandelt worden sind, sind die Teilnehmer des Forums auf vier Workshops verteilt worden. Ole Frahm und Torsten Michaelsen vom deutschen LIGNA Kollektiv verstehen ihr Publikum als freies Kollektiv von Produzenten, das die Kontrollmechanismen öffentlicher Orte unterläuft und diese durch kraftvolle Effekte für sich einnimmt. Über Kopfhörer eingespielte faschistische Inhalte führen zu einem chorischen Tanz.

In seinem einführenden Workshop konzentriert sich der bulgarische Performance Künstler Ivo Dimchev auf die Vermittlung seiner Techniken. Anhand von autobiografischen fixierten oder improvisierten Texten prüft er die dramaturgische Umsetzung dieser Texte in Körperlichkeiten, in Gesten und Körperskulpturen. Mit einer Performance zur eigenen Identität geht er soziokulturellen Zuschreibungen nach und deckt subtile Verflechtungen von Machtverhältnissen auf.

Der belgische Künstler Kris Verdonck und der Dramaturg Kristof van Baarle arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Auf der Grundlage von J.G. Ballards Science-Fiction-Text The Secret History of World War 3 setzen sie sich mit Transformationen von Text in verschiedene Kunstformen auseinander. Der Workshop ist den einzelnen Phasen von Verdoncks Theaterarbeit (in Gruppen- und Einzelarbeit) Schritt für Schritt nachgegangen. Der Ausgangstext wird in eine ganz und gar visuelle Welt übertragen und transformiert. Die Teilnehmer haben Vedoncks Instrumente aus nächster Nähe kennengelernt und sie in eigenen Arbeitsprozessen angewandt und letztlich mit unterschiedlichen künstlerischen und visuellen Mittel etwas von besonderer Qualität geschaffen, das im einzigartigen Zusammentreffen zwischen einem bestimmten Künstler, seinen Partnern und den Rohmaterialien, die er im Text ausmacht, zum Ausdruck kommt.
Und zum Schluss noch das dänische Choreografenkollektiv Ida Elisabeth Larsen und Marie Luise Stentebejrg mit Two-Women-Machine-Show. Zusammen mit dem Schauspieler Jonathan Bonnici werden tibetische Meditationspraktiken vermittelt, die in ihre praktische Arbeit eingeflossen sind. Der von live-Musik begleitete Workshop erforscht physiologische Repräsentanz und virtuelle Dimensionen und das nicht Fassbare.

Am Ufer des Wannsees, hoch oben dringt die Sonne auf der anderen Seite durch Baumkronen, lese ich auf meinem Handy von der Preisverleihung des Theaterpreises in Tel Aviv. „Am linken Ufer hat Kleist sich erschossen.“ Ich blicke auf. Florian fängt an zu erzählen. „Kleist-Kleist?“, „Ja, genau dort“, er baut sich auf. „Und auf dieser Seite befindet sich die Villa Wannsee. Hast du das gewusst?“ Die Sonnenstrahlen, die auf der Wasseroberfläche tänzeln, erinnern mich an Marthalers Worte: „Das Neue immer wieder....“ All die Loops, all die fürchterlichen Endlosschlaufen aus Damals und Heute und Danach. All das Vervielfachte, all das Visuelle. Ich habe die kurze, aber intensive Zeit Revue passieren lassen, an die kleine Gemeinschaft gedacht, die da plötzlich entstanden ist. Eine Gemeinschaft aus grundverschiedenen Menschen die von Orten kommen, die ihnen vieles ermöglichen oder Orten, die ihnen eher weniger ermöglichen. Ich habe an die Sprachen und all Blickwinkel gedacht, die nicht weggewischt worden sind, um ein „Zusammen“ zu schaffen, sondern sich in einer kleinen Welt der Unterschiede und Andersartigkeiten begegnet sind.

Dieses kleine Zusammentreffen, bloße drei Wochen sind es gewesen, ist das Ergebnis eines Events, der viel mehr verspricht als nur einen Blick auf einen Loop, den wir uns immer wieder erzählen, in dem wir uns gleichzeitig aber auch verfangen.

Das Theatertreffen ist eine bedeutungsvolle Aufforderung zur Auflösung der Grenzen zwischen Theater, Performance und visueller Kunst, ein Aufruf zum Beibehalten der in Zeit, Identität und Sprache erlebten Vielfalt, um einander letztlich zu treffen und die nächsten künstlerischen Räume – gemeinsam - zu erschließen, die Dir, lieber Zuschauer, dieses „Immer-Wieder“ ermöglichen werden. Dann kannst Du Dich in den Strudel zu begeben und Dich mitreißen lassen.

„Die Paradies ist verriegelt.... wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“ Heinrich von Kleist:  Über das Marionettentheater, 1810
 

Nuphar Barkol Foto: Ilan Besor Nuphar Barkol
Selbstständige Theater und Performance Direktorin. Stellvertretende Direktorin in der interdisziplinären performativen Kunst, Kultur und Disourse Venue „3“ - Be’er Sheva Theater. BA in Theater, Hauptfach in Theaterführung, Tel Aviv Universität. Schauspielabsolventin an der Bei Zvi, School of the Performing Arts.