Michael MYSH Rozanov „Plumpe Provokation – das berührt nicht.“

Respect
Foto:Cedric Dorin_Goethe-Institut Israel

Der „Visual Artist“ Michael MYSH Rozanov war der künstlerische Leiter des RESPECT-Comic-Projekts in Israel. Was war ihm bei diesem Projekt besonders wichtig, und was fasziniert ihn selbst am Medium „Comic“? Im Interview verrät er es.   

 
Warum wollten Sie Teil dieses Projektes sein?
 
Mysh: Nun, was wir als Künstler hier machen dürfen, ist schon ziemlich einmalig. Wir gestalten Comics, die im Schulunterricht einsetzbar sein sollen, aber wir sind eben nicht Teil des Schulsystems, sondern können etwas sehr Persönliches entwickeln, wir sind frei darin, das Thema zu wählen, und wie wir es umsetzen. Meiner Meinung nach werden Schüler und junge Menschen viel zu wenig mit Themen wie Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit konfrontiert, auch in unserem Land. Initiative und Engagement von außerhalb der Schule ist da definitiv notwendig. Doch nicht nur deshalb wollte ich dabei sein.
 
Weshalb noch?
 
Mysh: Mir macht es wirklich Freude, Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammenzubringen. Das war auch der Fall bei unseren Workshops hier in Israel. Die teilnehmenden Künstler kamen aus Israel und aus Deutschland, und jeder von ihnen hat natürlich nicht nur seinen eigenen Stil, sondern auch seine eigene Herangehensweise an ein Thema. Die Resultate des ersten Workshops waren großartig, jetzt bin ich gespannt, was bei der zweiten Runde herauskommt.
 
Wie haben Sie Ihre Rolle als „künstlerischer Leiter“ des Projekts verstanden?
 
Mysh: Sicherzustellen, dass alles zusammenkommt. Für die besten Ergebnisse müssen die Künstler das Gefühl haben, sich frei entfalten zu können, gleichzeitig dürfen wir aber das Ziel nicht aus den Augen verlieren: diese komplexen und wichtigen Themen in die Schulen zu bekommen, so dass die Comics tatsächlich eine Chance haben, die Schüler zu erreichen, sie also nicht schon vorher vom Schulsystem abgelehnt werden. So etwas muss man sehr durchdacht angehen.
 
Wie schafft man das?
 
Mysh: Oberstes Ziel war, Kunst mit einer klaren und klugen Botschaft zu schaffen. Aber auf dem Weg dorthin sollte man zwei Dinge unbedingt vermeiden: Sich zum einen nicht mit Dingen beschäftigen, die zu unspezifisch und sowieso unstrittig sind, und zum anderen auch keine plumpen Provokationen produzieren, hinter denen keine starke Idee steckt. Das berührt nicht, weder emotional noch intellektuell. Meine Erfahrung während der Workshops war, dass die Ideen anfangs zu allgemein, zu konsensfähig waren. Sie gingen den Themen, die wir ansprechen wollten, nicht ausreichend auf den Grund, hatten nicht genug Tiefe.
 
Zum Beispiel?
 
Mysh: Nehmen wie die Thematik „Frieden“. Nur wenige in Israel und in den palästinensischen Gebieten werden sagen: Wir wollen keinen Frieden. Sie würden sagen: „Wir wollen Frieden, aber …“ Interessant wird es aber erst mit dem „Aber“. Denn dann muss man sich fragen, wie man den anderen, in dem man keinen Partner für Frieden sieht, wahrnimmt und auch, wie man ihn behandelt. Die große Herausforderung war: Wie können wir bei einem Comic von nur zehn Seiten so viel Tiefe wie möglich schaffen? Krieg ist schlecht, Frieden ist gut – das reicht nicht. Es muss mindestens einen Gedanken geben, der Nachdenken provoziert. Und ich wollte dabei helfen, die Geschichten so zuzuspitzen, dass das gelingt, und ohne, dass die Künstler das Gefühl haben, es sei nicht mehr ihr Werk. Ich finde, das ist uns gelungen. Herausgekommen sind Comics, die jeden einzelnen repräsentieren und die gleichzeitig für das Gesamtprojekt nutzbar sind. Für einen Künstler ist es manchmal auch eine gute Übung, sein Talent in den Dienst einer Sache zu stellen, sein eigenes künstlerisches Ego unter Kontrolle zu haben. Zumindest habe ich das bei diesem Projekt gelernt.
 
Was fasziniert Sie persönlich am Medium „Comic“?
 
Mysh: Das Erzählen von Geschichten mit Worten und Bildern ist einfach etwas ganz Spezielles. Die Stärke dieses Mediums liegt in den Lücken zwischen den einzelnen Bildern, wie bei einem guten Film. Es geht darum, eben nicht alles zu zeigen, sondern das Gehirn des Lesers ständig damit zu beschäftigen, dass es selbst ergänzt, was fehlt. Comics verlangen das sogar noch mehr. Darüber hinaus verwischen Comics diese starren Abgrenzungen von Hochkultur und angeblich weniger anspruchsvoller Kultur, von Unterhaltung, Literatur und Illustration, sie trotzen diesen Definitionen. Manchmal setzen sie mehr aufs Visuelle, manchmal mehr auf Worte, teils mit sehr dramatischen Texten. Es ist ein sehr flexibles Medium.
 
Warum haben Sie sich entschieden, ein „Visual Artist“ zu werden?
 
Mysh: Seitdem ich denken kann, hat es mich fasziniert, mit Bildern und Texten Geschichten zu erzählen. Als ich aufgewachsen bin, habe ich allerdings immer zu hören bekommen: Davon kann man nicht leben. Aber dann habe ich gesehen, dass es andere zu ihrem Beruf gemacht haben, dass es tatsächlich ein „respektabler Job“ sein kann, und so habe ich schließlich selbst den Mut gehabt. Neben Comics beschäftige ich mich mittlerweile auch mit anderen Medien wie Animation, Illustration und Film. Gerade arbeite ich an meinem ersten Feature-Film. Mich reizt es, zu entdecken, in welcher Weise diese Medien sich ähneln und worin sie sich unterscheiden, wo ihre Stärken und Grenzen liegen. Neugierig bleiben – darum geht es im Leben.  
 
Gibt es ein Thema bei diesem Projekt, das Ihnen besonders wichtig ist?
 
Michael MYSH Rozanov Foto:Cedric Dorin_Goethe-Institut Israel Mysh: Eines hat mich wirklich berührt. Für den zweiten Workshop haben die Künstler und ich Flüchtlinge besucht, die hier in Tel Aviv in der Gegend des Levinsky Parks leben. Es hat uns die Augen geöffnet, auch den heimischen, israelischen Künstlern. Wir haben gesehen, wie diese Menschen, die aus afrikanischen Ländern wie Eritrea geflüchtet sind, beinahe wie eine Pest behandelt werden. Für mich, der Teil dieser Gesellschaft ist, ist es ein unerträglicher Gedanke, dass eben diese Gesellschaft, die entstanden ist aus Flüchtlingen, die schrecklichen Katastrophen entkommen sind, so wenig Empathie für jene hat, die vor ähnlichen Dingen fliehen wollten. Gerade Israel sollte ein Ort sein, wohin Flüchtlinge kommen können, wir haben die moralische Pflicht, Verständnis für ihre Situation zu zeigen, uns dazu zu verhalten. Deshalb finde ich es großartig, dass eine Künstlerin sich diesem Thema annimmt. Und ich hoffe, dass diejenigen, die ihr Comic lesen werden, und dann den Levinsky Park durchqueren oder daran vorbeikommen, die Flüchtlinge dort nicht mehr als Gefahr sehen, sondern als das, was sie sind: Menschen. Menschen mit Schwierigkeiten und mit Gefühlen. Ich glaube daran: Kunst kann wachrütteln.