Emma Braslavsky „Zukunft als solche gibt es nicht“

Emma Braslavsky
Emma Braslavsky©Stefan Klüter

Sie war eine von acht Autoren bei den letzten deutsch-israelischen Literaturtagen. Zwei Tage lang diskutieren vier Autoren aus Israel und vier Autoren aus Deutschland in Jerusalem über Utopien und Dystopien. Im Interview blickt Emma Braslavsky zurück und verrät, wie sie diese Tage erlebt hat.
 

Mit welchen Erwartungen sind Sie hergekommen?

Es sollte um Utopie und Dystopie gehen, da hatte ich zuerst die Befürchtung, der Workshop könnte zu nah an unseren Texten geführt werden, es würde zu literaturtheoretisch zugehen oder gar wie ein Schreibseminar werden. Darin bin ich immer sehr schlecht. Auf die Frage „Wie sind Sie auf so eine Geschichte gekommen?" möchte ich am liebsten antworten: „Wie ist so eine Geschichte eigentlich auf mich gekommen?"

Und, haben sich die Befürchtungen bestätigt?

Glücklicherweise nicht. Die beiden Workshop-Tage waren alles andere als das.

Nämlich?

Es waren groß angelegte, interkulturelle Denkübungen zum Wesen und Nutzen von Utopien und Dystopien – in Bezug auf die spezifischen Umstände in jeder unserer Gesellschaften und Gesellschaften als solche. Bei den eigenen Texten kann man sich als Autor ja jedes Wort im stillen Kämmerlein gut überlegen, aber meine deutschen und israelischen Kollegen lernte ich bei unserem Zusammentreffen zunächst durch die unterschiedliche Flexibilität ihrer Linsen kennen, durch die sie die Welt sehen. Auf der Bühne, da mussten wir alle spekulieren und unsere Panoramen aufziehen. Und ich rannte offene Türen ein.

Offene Türen?

Ja. Ich kam mit einer, wenn auch schmächtigen, Hoffnung nach Jerusalem, vielleicht mein neues Zeit-Empfinden weitergeben zu können. Dass ich diesen kleinen Kreis ausgewählter Schriftsteller anstecken kann von der Wiederentdeckung, dass es keine Zukunft als solche gibt. Dass wir nichts einfach hinter uns lassen können, weil alles kreist und sich kreisend weiterbewegt, auch die Zeit. Deshalb müssen wir uns auch nicht wundern, warum Gandhi immer Recht behält, wenn er sagt: Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt. Probleme, die wir heute nicht lösen, tauchen früher oder später so oder anders wieder auf, denn auch Probleme entwickeln sich im Karussell der Zeit. Von diesem fast prätheologischen, mythologischen Gefühl für unser Dasein brauchte ich allerdings niemanden mehr zu überzeugen. Jerusalem ist zudem kein Ort, an dem man mit halboriginellen Missionen aufkreuzen sollte.

Was für Einsichten haben Sie in diesen Tagen gewonnen?

Gleich mehrere. Eine Einsicht, die für mich wichtig ist und bleiben wird, gewann ich gleich am ersten Workshop-Tag mit Thomas Sparr, am zweiten Tag mit Avraham Burg hat sie sich noch einmal bestätigt: Auch der Nationalsozialismus war eine Utopie, ein großspuriger Traum von einer besseren, gereinigten Welt, bevölkert mit einer Herrenrasse, und die neue technologische Waffe hieß damals Genetik. 

Was noch?

Am zweiten Tag redeten wir darüber, aus welchen Utopien heraus Staaten gegründet wurden. Für Eretz Israel war es der Zionismus, für das Deutsche Reich der Nationalismus. Und wie anfällig Utopien auch dafür sind, radikalisiert zu werden, und wie sie dann eben auch zerstörerisch wirken können. In Deutschland folgten in der Moderne mehrere Utopien aufeinander: der Nationalismus, der Nationalsozialismus und der Sozialismus. Wir wissen, dass keine dieser bisher versuchten Utopien ein gutes Ende genommen hat. Dafür wurde mir klar, warum das Deutschland von heute solche holistischen Utopien wohl überwunden hat: Weil es versucht, weil es bereit sein will, bunt zu sein, Einigkeit in der Vielfalt zu suchen.

Sind Literaturtage, gerade deutsch-israelische, wichtig?

Ja. Für mich sind sie so wichtig und normal wie deutsch-französische Veranstaltungen dieser Art. Literatur, das Erfinden von Geschichten sind die Matrix, durch die wir erst Bedeutung generieren, auf der wir uns bewegen: Wir sind ja nicht mehr als wir über uns erzählen können. Für mich ist das einer der wichtigsten Wesensunterschiede zu Tieren. Bei anderen Dingen, sei es Essen, Schlafen Sex, sind wir Menschen zum Teil ungleich umständlicher, betreiben mehr Aufwand. Bedenken Sie nur, was wir alles brauchen, um zu schlafen oder zu essen. Und für alles haben wir eine Industrie. Ich weiß nicht, wie es mit den Besucherzahlen auf der Schlaf-, der Nahrungsmittel- oder Sex-Messe aussieht, aber Menschen, die sich nicht für Literatur interessieren, interessieren sich nicht für sich selbst.

Sind durch diese Literaturtage Ideen zu neuen Projekten entstanden, haben Sie selbst schon Pläne?

Shalev Moran hat mich für sein Projekt begeistert: „Speculative Tourism“ …

… das sind Audio-Touren, für die an ausgewählten Orten literarisch spekuliert wird, wie es dort in der Zukunft aussehen und zugehen könnte.

Genau. Shalev hat das für Jerusalem bereits gemacht. Er würde gern versuchen, dieses Projekt jetzt auch woanders in der Welt zu verwirklichen, eventuell in Berlin. Da habe ich ihm spontan zugesagt: Ich bin dabei. 

Was gefällt Ihnen so daran?

Wenn man sich einem Ort aus der Zukunft nähert, wirkt er lebendiger, bekommt gleich eine größere Bedeutung. Denn im Vordergrund steht sein Potential und nicht nur die Fakten. Eine solche Stadtbegehung ist dann nicht nur Lehrstunde, sie gleicht eher einem Abenteuer.