Interview mit Nitzchona Gilad „Wenn mich ein Film berührt, muss ich ihn einfach haben“

Nitzchona Gilad
Foto: Cedric Dorin© Goethe-Institut Israel

Sie gehört zu den erfolgreichsten Filmverleiherinnen in Israel: Nitzchona Gilad. Immer wieder holte sie auch deutsche Filme auf die Leinwände, darunter „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“, der im April im Kino zu sehen sein wird.

Wie kamen Sie dazu, Ihren eigenen Filmverleih zu gründen?
 
Eigentlich bin ich Geschichtslehrerin, doch als ich 1977 für ein Jahr eine Auszeit genommen habe, arbeitete ich in der Firma meines Mannes mit. Er hatte sich gerade selbständig gemacht, war ein Agent für die Studios von Warner und Disney. Die Arbeit machte mir Spaß, deshalb entschied ich mich, selbst eine Firma zu gründen: Nachshon Films. Mit ihr wollte ich künstlerisch besonders gelungene, gute israelische Filme zeigen, aber auch europäisches Kino. Und dazu gehören natürlich auch deutsche Filme.
 
Einige Menschen in Israel haben zu dieser Zeit, knapp 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, verständlicherweise noch Vorbehalte gegen Deutschland, gegen die deutsche Sprache gehabt. Hat das Ihre Arbeit erschwert?
 
Im Gegensatz zu Freunden, die Teile ihrer Familie im Holocaust verloren haben, habe ich Deutschland nie gemieden, hatte als Geschichtslehrerin vielleicht ohnehin einen anderen Blick auf alles, was geschehen ist. Und ich fand, dass auch Filme von deutschen Filmemachern hier in Israel gesehen werden sollten. Ganz einfach deshalb, weil mir viele persönlich sehr gefallen haben.
 
Zum Beispiel?
 
Einer von ihnen war die „Die Weiße Rose“ von Michael Verhoeven.
 
Ein Film über die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die zu einer Gruppe von Studenten gehörten, die für ihren Widerstand gegen die Nazis hingerichtet wurden.
 
Genau. Mich hat der Film sehr beeindruckt. Allerdings wurde er vom Publikum zu dieser Zeit nicht besonders angenommen. Andere Filme glücklicherweise dafür umso mehr. „Die Ehe der Maria Braun“ von Rainer Werner Fassbinder zum Beispiel war ein großer Erfolg. Auch die Trilogie „Heimat“ von Edgar Reitz bekam eine unglaubliche gute Resonanz und hat mich selbst bis heute so beeindruckt, dass ich mit dem Gedanken spiele, diese Filme für die Menschen in der Seniorenresidenz zu zeigen, in der mein Mann und ich jetzt leben. Diese Filme verdienen einfach ein großes Publikum.
 
Erinnern Sie sich an manche Reaktionen auf Filme?
 
Nun, wichtig für den Erfolg eines Films war natürlich auch immer, dass er in der Presse gute Kritiken bekam. Bei dem Kritiker einer sehr wichtigen und einflussreichen Zeitung hier in Israel war das allerdings immer sehr schwierig. Er mochte grundsätzlich keine deutschen Filme. Ebenso ein anderer Kritiker, der Familienmitglieder im Holocaust verloren hatte. Sie gaben deutschen Filmen prinzipiell keine Chance.
 
Wie ist die Akzeptanz heute?
 
Deutlich höher. Vor zehn Jahren gab es den Film „Die Fälscher“, eine deutsch-österreichische Koproduktion. Der Film basierte auf der realen Geschichte von Juden, die im Konzentrationslager Sachsenhausen für die Nazis Geld fälschen sollten. Im gleichen Jahr war auch ein israelischer Film für einen Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert, der schon auf der Berlinale einen silbernen Bären gewonnen hatte: „Beaufort“. Daher waren auch die Filmkritiker besonders neugierig, gegen welche anderen Filme „Beaufort“ antrat. Schließlich gewann „Die Fälscher“. Das war eine enorme Werbung, die das Publikum ins Kino lockte.
 
Und das Interesse des Publikums an deutschen Filmen hielt an?
 
Ja, es folgten einige weitere Erfolge, wie „Im Labyrinth des Schweigens“. Sobald ich den allerersten Trailer gesehen hatte, war mir klar: Den musst du haben.
 
Wie wählen Sie Filme aus? Bauchgefühl?
 
Bauchgefühl reicht nicht aus. Man muss wohl einen besonderen Sinn haben, was dem Publikum in der momentanen Stimmungslage gefallen könnte. Außerdem ist es, gerade in meinem Alter, unerlässlich, auf das Urteil der nächsten Generation zu hören. Mir helfen mittlerweile meine Tochter, die in unsere Firma eingestiegen ist, und mein Sohn. Er ist Kinderarzt, hat aber einen guten Geschmack und sicheren Instinkt, welcher Film ein Publikum in Israel finden könnte. Zu Festivals wie der Berlinale reisen wir manchmal zusammen an. Manchmal begeistern wir uns alle für einen Film, manchmal gehen unsere Meinungen weit auseinander. In diesen Fällen setzen mal sie sich durch, mal gebe ich nicht auf, gerade wenn mich ein Film wirklich berührt.
 
Gibt es Themen, Geschichten, die das israelische Publikum als Film nicht annimmt?
 
Pauschal lässt sich das nicht sagen. Auch für das Publikum hier bei uns gilt: Ein Film muss Eindruck hinterlassen, einem als Zuschauer das Gefühl geben, dass man etwas gelernt, für seinen eigenen Horizont profitiert hat. „Der Kuchenmacher“, ein deutsch-israelischer Film über einen deutschen Bäcker, der einen israelischen Mann liebt und nach dessen Unfalltod nach Israel reist, um dessen Familie und seine Ehefrau kennenzulernen, ohne ihnen von ihrer Beziehung, vom Doppelleben des Ehemannes zu erzählen, ist hier derzeit ein großer Erfolg. Die Fluggesellschaft EL AL überlegt sogar, ihn im Bordprogramm zu zeigen, wenn eine Sex-Szene herausgenommen wird. In Deutschland hingegen hat dieser Film meines Wissens noch keinen Verleih gefunden.
 
Was wird der nächste Film sein, den Sie nach Israel holen?
 
Das wird „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ sein, ein Doku-Drama, das auf wahren Ereignissen beruht. Es geht um das Untertauchen von jüdischen Flüchtlingen in Berlin während des Zweiten Weltkriegs. Was wirklich gelungen ist: Die Zeitzeugen-Interviews sind gekonnt mit Spielszenen verknüpft. Zum Holocaust-Gedenktag kommt er hier in die Kinos.
 

Schon gewusst? Viele der genannten Filme können für nichtkommerzielle Vorführungen als 16mm Kopie oder DVD in unserem Filmarchiv ausgeliehen werden. Insgesamt umfasst der Katalog über 450 Titel von Fassbinder bis Fatih Akin. Privatpersonen steht in unserer Bibliothek eine große Auswahl deutscher Filme auf DVD zur Verfügung.