Interview „Ihr seid eine Oase!“

Oda Kissinger
Foto: Cedric Dorin © Goethe-Institut Israel

Sie kommt noch immer selbst vorbei: Oda Kissinger, mit bald 97 Jahren eine der ältesten Nutzerinnen unserer Bibliothek überhaupt. Es war Zeit, ihr den Weg einmal zu ersparen, Zeit für einen Hausbesuch – mit Blumenstrauß und, selbstverständlich, Nachschub an Lektüre. Die Gelegenheit für einige Fragen bei Kaffee und Käsekuchen, wir haben sie genutzt.

Frau Kissinger, warum eigentlich nehmen Sie den Weg zu uns noch immer auf sich?

Man muss raus dem Haus! Ich gehe ja auch weiterhin ins Theater, selbst, wenn ich es manchmal nur bis zur Pause aushalte. Und es ist einfach so: Sobald man das Goethe-Institut betritt, fühlt es sich an, als sei man an einem ganz anderen Ort, ein wenig wie in Europa.

Was meinen Sie? 

Ich kann Deutsch reden! Außer meinen beiden Söhnen spricht es ja niemand mehr in meiner Familie, und viele Freunde, die wie ich Ende der 30er Jahre aus Deutschland geflohen sind, leben leider auch nicht mehr. Warum sich der Weg aber vor allem lohnt, ist das, was ihr mit eurer Bibliothek zu bieten habt: Aktuelle, neue Bücher in Deutsch, in einer Fülle und Vielfalt, wie ich sie sonst nirgends in Tel Aviv bekommen würde. Eine Oase! Jedes Mal finde ich etwas, was ich noch nicht kenne, und lese dann zuhause, bis meine Augen am Abend nicht mehr können.

Bis vor wenigen Jahren waren Sie sogar Teil des Teams…

Jetzt übertreibt mal nicht!

Sie waren mindestens einmal in der Woche am Institut, haben in der Bibliothek geholfen, Bücher einzuschlagen oder jenen einen Abgang-Stempel aufgedrückt, die schon lange niemand mehr angefasst hat …

Nach dem Tod meines Mannes vor mehr als 20 Jahren hatte mir Gad, mein ältester Sohn, gesagt: Du musst unter Menschen, geh zum Goethe-Institut! Das hat mir tatsächlich gut getan. Auch, weil ich die Bibliothek dadurch für mich erst entdeckt, ich wieder angefangen habe, Bücher auf Deutsch zu lesen. Bis dahin waren sie meist auf Englisch, eben das, was hier erhältlich war. Außer den deutschen Klassikern natürlich, an die kam man früher ja relativ leicht heran, wenn man die richtigen Leute kannte…

Die richtigen Leute?

Die Jeckes, also jene, die wie ich aus Deutschland stammten und noch rechtzeitig vor dem Holocaust nach Israel fliehen konnten. Für viel Geld hatten sie damals neben ihren eigenen Möbeln oft auch all ihre Bücher hierher verschicken lassen. Und die tauschte man damals gelegentlich unter sich aus. Aber an aktuellen Büchern fehlte es natürlich. Erst recht, weil Deutsch über Jahrzehnte hier in Israel einen sehr schweren Stand hatte.

Was lesen Sie heute am liebsten?

Manche meiner Generation verschlingen ja geradezu, was sich mit dem Holocaust auseinandersetzt, seien es Sachbücher oder Biografien, andere meiden dieses Thema komplett. Ich selbst entscheide von Buch zu Buch. Mittlerweile freue ich mich aber mehr über gute, leichte Unterhaltung. Die täglichen Nachrichten, die sind ja schon deprimierend genug.

Ein Tipp für ein gutes Hörbuch?

Hörbücher?

Ja.

Damit fange ich erst an, wenn ich 100 bin.

 
 
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