Demonstrationen für Klimaschutz "Wofür lernen, wenn es keine Zukunft gibt?"

Fronttransparent der FridaysForFuture Demonstration am 25. Januar 2018 in Berlin
© cc Creative Commons_ Foto: Leonhard Lenz

Jakob Blasel, 18, ist Mitorganisator der "Fridays for Future"-Proteste. Ein Gespräch über Klimaschutz, Abiturnoten und was seine Eltern vom Schulstreik halten.
 

Vergangenen Freitag gingen deutschlandweit etwa 30 000 Schülerinnen und Schüler nicht in den Unterricht, sondern protestierten unter dem Motto #FridaysForFuture für den Klimaschutz. Auch für diesen Freitag sind Demonstrationen angekündigt, hauptsächlich in Berlin, wo die Kohlekommission erneut tagt. Einer der Organisatoren der Proteste ist Jakob Blasel. Der 18-Jährige besucht ein Gymnasium nahe Kiel und macht in diesem Jahr Abitur.

SZ: Herr Blasel, warum gehen Sie freitags für den Klimaschutz auf die Straße statt zur Schule?

Jakob Blasel: Mich beschäftigt das Thema Klimawandel schon länger und ich habe mein Leben in den vergangenen Jahren verändert: Fleischkonsum reduziert, auf Flugreisen verzichtet, meine Eltern dazu gedrängt, auf Ökostrom umzustellen. Irgendwann habe ich gedacht: Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Lösung im Kampf gegen den Klimawandel, und diese Botschaft muss hinaus in die Welt.

Dafür bestreiken Sie den Unterricht seit Ende 2018. Warum demonstrieren Sie nicht einfach am Freitagnachmittag, wenn die Schule nicht davon betroffen wäre?

Wenn nachmittags ein paar Jugendliche auf die Straße gehen und für Klimaschutz demonstrieren, interessiert das doch niemanden. Maximal ein kleiner Artikel in der Lokalpresse wäre das. Mit dem Schulstreik brechen wir bewusst Regeln, um auf unser Ziel aufmerksam zu machen. Allerdings haben wir nichts gegen unsere Schulen und Lehrkräfte. Wir setzen uns nur über eine Regel hinweg, um zu zeigen: Klimaschutz, Kohleausstieg und Kampf gegen den Klimawandel sind uns wichtiger als unsere Bildung. Denn wofür sollen wir lernen, wenn es für uns gar keine Zukunft gibt?

Sehen das Ihre Lehrkräfte auch so?

Natürlich dürfen sie mich und andere Teilnehmer der Demos nicht offen unterstützen. Aber wir bekommen auch aus unseren Schulen viel Zuspruch.

Manche Schulleitungen drohen aber bereits mit Strafen, wenn weiterhin freitags gestreikt werden sollte.

Die dürfen das natürlich nicht still hinnehmen. Es ist ja deren Aufgabe, sicherzustellen, dass wir zur Schule gehen. Einige Schulen greifen dabei aber zu pädagogisch sinnvollen Mitteln. Demo-Teilnehmer müssen etwa vor ihrer Klasse erläutern, worum es bei "Fridays for Future" geht und sich kritisch mit dem Streik auseinandersetzen. Wirklich weitreichende Konsequenzen seitens der Schulen fürchten wir nicht. Ähnlich hat sich sogar die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien geäußert - aber natürlich betont, das Fehlstunden notiert werden müssen.

Mit ihr hatten Sie schon die ein oder andere Auseinandersetzung.

Ich habe ihr vorgeworfen, dass die CDU den Erhalt des Zweitwagens über den der christlichen Schöpfung stellt. Dem hat sie natürlich widersprochen und wir hatten einen kurzen Dialog via Twitter. Aber ich bin ja froh, wenn wir Politiker überhaupt dazu bekommen, sich mit unseren Zielen zu beschäftigen und mit uns ins Gespräch zu kommen. Vielleicht schaffen wir es ja auch noch, die Politik zum Handeln zu bewegen.


Die Eltern würden sich mehr Konzentration aufs Abitur wünschen


Das wollen Sie auch diesen Freitag versuchen, wenn die Kohlekommission wieder tagt. Wie sehen die weiteren Pläne von "Fridays for Future" aus?

Unser Motto bleibt: Wir streiken, bis ihr handelt. Es gibt also kein fixes Datum, wann wir nicht mehr demonstrieren wollen. Nun findet ein zentraler Protest in Berlin statt, wo die Kohlekommission tagt. Da werden wir wohl eher nicht, wie am vergangenen Freitag, 30 000 Menschen auf die Straße bringen, weil die Anreise nach Berlin nicht für alle möglich ist. Aber ich bin trotzdem sicher, dass wieder viele Schülerinnen und Schüler zusammenkommen werden, die den Entscheidern in der Kommission deutlich machen: Wir sind nicht einverstanden, dass sich beim Kohleausstieg so wenig bewegt und dass alles so lange dauert.

Wie lauten Ihre konkreten Forderungen?

Wir fordern, das 1,5-Grad-Ziel von Paris einzuhalten, anders werden wir keine lebenswerte Zukunft haben. Ich verlange deshalb, sofort mit der Abschaltung der Kohlekraftwerke zu beginnen sowie ein Ende der Kohleverstromung bis spätestens 2030 zu erreichen. So könnte Deutschland weltweite Klimaziele einhalten.

Und es könnten Zehntausende Arbeitsplätze wegfallen.

Natürlich wünsche ich mir einen sozialverträglichen Kohleausstieg. Dann muss eben der Bund zugunsten des Klimaschutzes die betroffenen Regionen und Menschen finanziell unterstützen. Ganz ehrlich: Am Geld darf der Kampf gegen den Klimawandel nicht scheitern!

Sie machen in diesem Jahr Abitur und verpassen im Moment durch die Demos und die damit verbundene Arbeit viel Unterricht. Machen Sie sich manchmal Sorgen um Ihre ganz persönliche Zukunft?

Nein. Bisher passen meine Noten und was ich in der Schule versäume, hole ich nach. Und wenn ich wirklich einmal in einem Bewerbungsgespräch gefragt werde, warum meine Abiturnote ein paar Zehntel über dem Durschnitt liegt, werde ich stolz erklären, dass mir in der Zeit andere Dinge wichtiger waren. Davon abgesehen, lerne ich gerade so vieles: Pressemitteilungen formulieren, Demonstrationen organisieren, Interviews geben, vor vielen Menschen sprechen. Ich bin sicher, dass mich das mehr vorwärtsbringen wird, als es die ein oder andere versäumte Unterrichtsstunde könnte.

Und wie sehen das Ihre Eltern?

Die würden sich schon wünschen, dass ich mich mehr auf mein Abitur konzentriere. Aber sie erkennen zum Glück manchmal auch an, dass mir der Kampf ums Klima wichtiger ist als eine maximal gute Abschlussnote.