1940 – 2018 Mirjam Pressler

Lizzi Doron mit Mirjam Pressler
© privat

Ich beginne mit dem Ende – auf dem christlichen Friedhof in Landshut.
Viele Menschen sind gekommen, um von Mirjam Pressler Abschied zu nehmen. Ich bin eine von ihnen.
Im Hintergrund sind die Klänge eines hebräischen Liedes zu hören. Hey, hey, Galia. Bat harim jafefia…. Galia, wunderschöne Tochter der Berge. Simi jadech al jadi. Leg deine Hand auf meine. Ani shelach ve at sheli…. Ich bin Dein und Du bist mein.
Es ist eine jüdische Bestattungszeremonie. Mirjams Töchter sagen das Kaddisch. Ihre Enkelin liest Auszüge aus Mirjams Werken.
Die Honoren der Stadt verabschieden Mirjam mit lobenden Dankesworten.
 
Es ist eiskalt. Schneeflocken fallen. Schweigend folgt die Trauergesellschaft dem Sarg auf dem Weg zur letzten Ruhestätte. Wir verabschieden uns von einer Übersetzerin und beliebten Autorin, die über 40 Bücher verfasst und mehr als 500 Bücher übersetzt hat.
 
Mirjam war Jüdin. Sie wurde in Deutschland in den Zweiten Weltkrieg hinein geboren.
Einen Teil ihres Lebens hat sie in einem Heim für Waisenkinder verbracht. In den späten Jugendjahren kam sie nach Israel. Dort heiratete sie und brachte ihre drei Töchter zur Welt. Später kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie zu schreiben und zu übersetzen begann.
Mirjam wurde mit einer seltenen Begabung fürs Übersetzen geboren. Sie arbeitete aus dem Hebräischen, dem Niederländischen, dem Englischen und dem Afrikaans.
Die hebräische Literatur und viele israelische Schriftsteller schulden dieser genialen Übersetzerin großen Dank. Mirjam hat Werke von Amos Oz, Yoram Kaniuk, Eshkol Nevo, Zeruya Shalev, Sayed Kashua, Sami Michael, Orly Castel-Bloom, Aharon Appelfeld und vielen anderen übersetzt.
 

Beginn einer Freundschaft

Erlauben Sie mir nun, von dem großen Privileg zu sprechen, Mirjam gekannt zu haben.
1998 haben Mirjam und ich uns zum ersten Mal getroffen. Mirjam hatte gerade die Übersetzung meines ersten Buches, Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen? abgeschlossen.
In der Lobby eines Züricher Hotels kam sie mir entgegen. Leichtfüßig wie eine Katze. Eine schlanke Frau mit strahlenden Augen, warmem Lächeln und einer Zigarette in der Hand.
„Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Wissen Sie was.....?“ Noch bevor ich reagieren konnte, beantwortete Mirjam die eigene Frage.
„Anfangs gefiel mir Ihr Buch nämlich nicht. Das hat sich erst auf Seite neun geändert.“ Mirjam zündete ihre Zigarette an. „Nach der Zigarette machen wir uns auf den Weg zur Lesung.“
An diesem Abend begann unsere Freundschaft.
In den kommenden fünfzehn Jahren sollte Mirjam sieben meiner Bücher ins Deutsche übersetzen. Aber in Mirjam hatte ich nicht nur eine exzellente Übersetzerin, sondern auch eine Partnerin für meine Lesereisen durch Deutschland, die Schweiz und Österreich.
Dabei habe ich auch Mirjam, die Autofahrerin, kennengelernt. Das Auto war Mirjams zweites Zuhause. Auf dem Rücksitz stapelten sich Bücher und Kleidung. Mirjam fuhr einen heißen Reifen. Nicht selten schnappte ich nach Luft. „Das macht einen Heidenspaß!“, lachte sie mich mit dem verschmitzten Blick einer Teenagerin an. Unterwegs im Auto hörten wir israelische Musik, jiddische Lieder oder deutsche Schriftsteller, die aus ihren Werken lasen. Und Mirjam übersetzte simultan.
„Das Übersetzen fällt mir nicht schwer. Es macht mir Spaß“, meinte sie damals.
Bei unseren Leseabenden war Mirjam für die Einleitung und das Verlesen von Textpassagen aus meinen Büchern zuständig, was sie mit großem Geschick, Anmut, viel Feingefühl und enormer Begabung tat.
Sobald wir im Hotel eintrafen, nahm Mirjam ein Bad.
„Mein Körper liebt das“, meinte sie. Nach den Lesungen rauchte sie eine Zigarette und trank ein Glas Weißwein. Es war immer Weißwein. Mirjams Morgende begannen mit einem Telefongespräch. Sie rief Jinio, ihren Mann, an. Es war ein kurzes Gespräch. Mirjam wünschte ihm einen Guten Morgen. Ohne dieses Telefonat ging es nicht.
 
Fünfzehn Jahre. Sieben Bücher. Zwei Monate, manchmal mehr, manchmal weniger, waren wir einmal im Jahr zusammen auf Tour.
Dabei erzählte mir Mirjam von ihrem Mann, von ihren Töchtern und Kindheitserlebnissen. Mirjam, die elternlose Waisin, war ständig präsent. Auch die Mutter, die sie nie hatte und ihr Zuhause, das Waisenhaus. Aber sie erzählte auch von großem Glück – von Büchern.
Im eigenen Hause war Mirjam von Familie, Katzen, Hunden und 15.000 Büchern umgeben.
„Hast Du die alle gelesen?“, staunte ich.
„Die allermeisten“, entgegnete sie verschämt.
 
In gewissen Abständen kam Mirjam nach Israel zu Besuch.
Dort fühlte sie sich Zuhause.
 
Während ihrer langen Krankheit hörte ich sie nie klagen.
„Es tut ja nicht weh“, meinte sie. „Sobald es weh tut, gehe ich.“
Und sie ging.
Uns hat sie mit ihren Werken zurück gelassen. Mit Malka Mai und Wenn das Glück kommt, muß man ihm einen Stuhl hinstellen und vielen anderen, vor allem Jugendbüchern und all ihren wunderbaren Übersetzungen.
Und mit der Sehnsucht nach ihr.
Meine Sehnsucht nach ihr schmerzt.
Mirjam wird mir für immer fehlen.