3 Fragen an Barbara Yelin „Unsere Wohlstandsgesellschaft ist so ignorant und hilflos“

Bildausschnitt-Barbara Yelin
© Martin Friedrich

Die preisgekrönte Comiczeichnerin Barabar Yelin lebt und arbeitet in München.

 
Barbara, seit du für uns die biographischen Skizzen zu Channa Maron gezeichnet hast, sind schon mehr als drei Jahre vergangen. Womit bist du heute beschäftigt?

Ich schließe gerade einige kleinere Projekte ab, unter anderem male ich die letzten Seiten eines Bilderbuchs für Kinder zu einem Gedicht von Alex Rühle. Außerdem habe ich die letzten Monate das Online-Projekt „Dichtung ist Revolution“  zeichnerisch begleitet, das die Geschichte der Münchner Räterepublik und ihrer Literaten nachgezeichnet hat. Nun steht ein umfangreicheres Projekt an, das sich biographisch und historisch mit der Shoah beschäftigen wird: Ich werde die Erinnerungen einer Überlebenden des KZ Ravensbrück aufzeichnen. Ihr Name ist Emmie Arbel und sie lebt heute 85-jährig in Israel. Das Projekt ist eingebunden in das kanadisch-israelisch-deutsche Universitätsprojekt “Narrative Art and Visual Storytelling in Holocaust and Human Rights Education”. Ich durfte Emmie Arbel kürzlich zum ersten Mal persönlich treffen und mit ihr sprechen. Ich bin nun dabei, die ersten Skizzen zu machen. Wie umfangreich das Buch werden wird, wird sich erst im weiteren herausstellen, aber es wird mich sicher die nächsten zwei Jahre begleiten.
 
„Vor Kurzem war in München eine große doppelseitige Installation von dir zu sehen. Was hatte es damit auf sich?“

Am Lenbachplatz mitten in München gibt es eine Fläche für Kunst im öffentlichen Raum, die „Kunstinsel“, ein Billboard mit 5x5 m Fläche, vom Verkehr umtost und beidseitig bespielbar. Hier wurde ich um einen Beitrag gebeten. Zuvor bereits hatte ich den Comic „Es passiert“  in der FAZ veröffentlicht, der zeichnerisch die Ignoranz und Hilflosigkeit unserer Wohlstandsgesellschaft dem Leid der Menschen, die auf dem Mittelmeer um ihr Leben kämpfen, gegenüberstellt. Nun begann wieder ein Sommer und die Situation für die Hilfesuchenden auf dem Meer würde sich sogar noch verschlimmern. Basierend auf meinem vorigen Comic habe ich zwei große Bilder gemalt. Die Gleichzeitigkeit der beiden unterschiedlichen Seiten, die jeweils einen Erwachsenen mit einem kleinen Kind zeigen, erschrecken und berühren und stellen uns Fragen. Letztlich geht es mir darum zu zeigen, wie untrennbar beide Seiten verbunden sind – und wie dringend wir aufgefordert sind, zu helfen.
 
Die Ausstellung „Channa Maron – dir selbst sei treu“, die deine Bilder und die von David Polonsky enthält, ist in Deutschland ja unglaublich erfolgreich und tourt auch nach drei Jahren immer noch durch Schulen und kulturelle Einrichtungen. Bekommst du noch etwas davon mit, verfolgst du sie noch?

Natürlich! Ich bin ungeheuer froh, dass die Ausstellung weiterhin so starkes Interesse erfährt. Wann immer es mir möglich ist, reise ich zu den Eröffnungsveranstaltungen und spreche mit den Schüler*innen. Die Geschichten und Plakate wollen durch die Zeichnungen einen Weg finden, jungen Leuten etwas über Channa Marons Leben zu erzählen. Die Themen, die Channa Marons Leben mitbestimmten, sind Flucht aus Nazi-Deutschland, Antisemitismus, Kriege, ein Terroranschlag – doch dann ist da gleichzeitig Channa Marons persönlicher Weg, ihre künstlerische Kraft und ihr Einstehen für den Frieden, die Geschichte einer Frau, die immer für den Frieden und die Kunst aufgestanden ist. Und gerade in einem Jahr, in dem hier die rechtsradikalen Parteien immer mehr Zulauf bekommen und der Antisemitismus in Deutschland erschreckend zunimmt, halte ich die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und dem zerstörten jüdischen Leben in Deutschland für so wichtig wie nie.