30 Jahre Mauerfall Berlin „Mein Land war weg“

1962 in Ostdeutschland geboren, hat Alexander Osang den Fall der Berliner Mauer und die gesellschaftlichen Umwälzungen der Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung bewusst miterlebt. Im Interview erzählt der mehrfach ausgezeichnete SPIEGEL-Journalist und Autor über seine persönlichen Gefühle von Heimatlosigkeit und Reisedrang und die Enttäuschung darüber, dass hinter der Mauer rein gar nichts von New York zu finden war.

Alexander Osang
Foto: Felix Rettberg © Goethe-Institut Israel

Sie haben einmal gesagt: Als Deutscher wollen Sie nicht unbedingt erkannt werden.

Stimmt. Ich wäre oft lieber jemand anderes gewesen. Ein sympathischer Norweger vielleicht, gern auch ein Holländer.
 
Warum?
 
Der Deutsche war für mich immer ein bisschen blass, ungehobelt, laut, schnurrbärtig. Schwere Möbel, schweres Essen. Pünktlichkeit. Zuverlässigkeit. Die Fußballer spielten am besten, wenn es regnete und der Boden schwer war. Sie bauen die besten Panzer, Autos und essen halt viel Wurst. Das meiste stimmt gar nicht mehr, steckt aber in meinem Kopf.
 
Inwieweit hat diese Abwehr, als Deutscher erkannt zu werden, auch mit Ihrer Biografie zu tun? Aufgewachsen sind Sie in der DDR.
 
Ich bin kein Psychologe, aber ich bilde mir ein, dass ich in einem undeutschen Land groß geworden bin.

„Ich bin in einem undeutschen Land groß geworden“

Die DDR war undeutsch?
 
Ich sah sie vor allem als Teil einer sozialistischen Welt. Klar, wir haben Deutsch gesprochen. Aber von ihrem Wesen waren mir die Polen, die Tschechen und die Russen näher als die Westdeutschen. Das habe ich nach dem Mauerfall gemerkt, als ich mich im Westen vollkommen fremd fühlte. Geradezu heimatlos.
 
Heimatlos?
 
Mein Land war weg. Meine Fußballmannschaft. Die Nationalhymne. Die Arbeitsstelle meines Vaters. Die Armee. Das Fernsehen, und viele andere Sachen, von denen ich nicht angenommen hatte, das ich sie einmal vermissen könnte. Im Einzelnen habe ich sie natürlich auch nicht vermisst, aber wenn alles zusammen weg ist, fühlt man sich doch ganz schön fremd. Ich habe das erst gar nicht gemerkt, weil ich zugleich so froh war, endlich rauszukommen in die Welt. Es gab Heimatlosigkeit und die Sehnsucht nach der Fremde. Seltsame Mischung, ich weiß.
 
Die Sehnsucht nach Fremde, der große Drang rauszukommen – das kommt wohl durch die massiv eingeschränkte Reisefreiheit für die meisten Bürger der DDR  ...
 
Ja. Vor allem New York war für mich immer ein Sehnsuchtsort. Ich habe viel Musik, viele Filme und Literatur aus den USA gehört, gesehen und gelesen. Mit den Büchern, den Songs und dem Kino bin ich, wenigstens in meinen Gedanken, nach New York gereist – eine Stadt, von der ich als Junge nie annahm, dass ich sie einmal sehen würde. Ich dachte: Vielleicht sehe ich London oder Paris als Rentner, aber eine Reise nach Amerika lag jenseits meiner Vorstellungskraft.
 
Nach der ersten Grenzöffnung im November 1989 konnten auch Sie rüber nach Westberlin.
 
Ich war ziemlich enttäuscht. Ich hatte New York erwartet, aber da war Kreuzberg und Charlottenburg. Westberlin sah für mich aus wie Ostberlin, vielleicht ein bisschen sauberer.


„in New York entdeckte ich, was Deutsch an mir ist“

Wozu führte all das bei Ihnen: Dieses Aufwachsen, ohne das Bewusstsein, Deutscher zu sein, das Gefühl von Heimatlosigkeit und die Sehnsucht nach einem ikonischen Westen wie New York?
 
Dass ich gar nicht mehr wusste, wer ich bin. Erst als ich 1999 für den Spiegel für acht Jahre nach New York gegangen bin, habe ich begriffen, was an mir wohl Deutsch ist. Eine Schwermut, eine Liebe zu deutschen Landschaften. Komischerweise: Viele unserer Freunde in Brooklyn waren Juden, die zweite und dritte Generation osteuropäischer oder deutscher Juden, und wir waren uns irgendwie nahe in unserer Schwermut oder der Vorliebe für bestimmtes Essen. Der Deutsche, den ich da in mir entdeckte, vermisste Laubwälder, Regen, Zugfahrten durch den November, dunkles Brot und dunkle Musik. Und ja, er war ein bisschen schwerfällig und sentimental.
 
30 Jahre liegt der Mauerfall in diesem November zurück: Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland?

 
Angemessen fremd würde ich sagen, nach all dem, was in den letzten dreißig Jahren passiert ist und in den vierzig Jahren davor. Ich hatte nie diesen Anspruch, dass wir ganz schnell zusammenwachsen. Ich habe mich immer gefragt, woher dieser Integrationsdruck kommt. Bei Ostlern und bei Ausländern. Wir sollen uns alle an den Händen halten und lustige Tänze aufführen. Wenn man sich jemandem zwei Jahre nach dem Mauerfall noch als Ostler vorstellte, hieß es: Das wollen wir gar nicht mehr hören, wir sind doch jetzt ein Volk. Von Karl Marx wissen wir doch: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Bei meinen Kindern, die eigentlich in New York groß geworden sind, wird das deshalb schon anders sein. Die kennen den Osten vor allem dadurch, dass es für uns noch so ein großes Thema ist – für mich, meine Frau und unsere Eltern.
 

 „Die große Masse der Ostler war grau“

Was haben denn die Ostler und Westler Ihrer Wahrnehmung nach noch heute für ein Bild voneinander?
 
Das hängt natürlich sehr von den Erfahrungen ab, die der Einzelne gemacht hat. Grundsätzlich aber glaube ich, dass die Westler die Ostler als undankbar empfinden, und die Ostler die Westler als arrogant und ignorant.
 
Und wie sehen Sie das persönlich?

 
Ich glaube für den Westler ist der Ostler ein fremdes Wesen. Es ist nur schwer für ihn, das zuzugeben. Also sagt der eine: Bei euch war alles scheiße. Der andere: Bei uns war es auch nicht besser. Und der dritte: Wenn ich da gewesen wäre, wäre ich viel schlimmer gewesen. Ich glaube, es ist nicht einfach, das alltägliche Leben in einer Diktatur von außen nachzuempfinden. Bei der Suche nach den Schuldigen an der Misere im Osten wurden die Rollen grob verteilt: Als die Guten macht man die Bürgerrechtler aus, die Bösen waren bei der Stasi. Das Bedürfnis, an den Pranger zu stellen, ist verständlich, aber Schuld ist individuell und lässt sich nicht an Mitgliedschaften festmachen. Ich glaube, die große Masse der Ostler war grau.
 
Welche persönlichen Erfahrungen hat dieses Verhältnis zwischen Ost und West nach der Wiedervereinigung denn derart belastet?
 
Eine riesige Arbeitslosigkeit im Osten, die selbst jene traf, die hochqualifiziert und in ihrem Beruf sehr gut waren – wie mein Vater, ein Ingenieur, und der Vater meiner Frau, der Wissenschaftler war. Sie sahen zu, wie ihre Betriebe, Abteilungen, Institute verschwanden, gleichzeitig aber Westler in den Osten kamen. Leute, die sie nicht als besser, sondern nur als gerissener und karrierebewusster empfanden.
 

„Das Leben der Anderen, dieser Film ist ein Märchen“

Das führte wohl zu einem Gefühl von Deklassierung bei den Ostdeutschen ...
 
Ja. Zusammen mit der eigenen Arbeitslosigkeit wirkte das wie ein Gift, das in viele ostdeutsche Familien eingesickert ist, erst recht, wenn sie noch patriarchalisch geprägt waren. Die Familienväter verloren ihre Stärke. Manche Familien sind daran zerbrochen. Per Dekret ist das nicht zu lösen. Es hilft nichts, dass Politiker sich heute hinstellen und sagen: Wir müssen ostdeutsche Lebensleistungen anerkennen. Das empfinden die Leute als Witz und als Demütigung.

 
„Das Leben der Anderen“ ist, auch hier in Israel, einer der bekanntesten Filme über die DDR, speziell die Überwachung ihrer Bürger durch die Staatssicherheit. Wie stehen Sie zu diesem Film?
 
Als er rauskam, lebte ich in New York und schrieb für den „Spiegel“ eine Geschichte über den Regisseur und den Hauptdarsteller bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles. Ich mochte den Film. Gute Schauspieler, gute Story, gute Bilder. Ich habe ihn als Unterhaltungs-Film gesehen, ein Märchen von Gut und Böse. Der Regisseur hat mir damals erzählt, dass er die warmen Farben aus dem Film gefiltert und Tristesse geschaffen hat: mit Kneipen, in denen nur vereinzelt jemand saß, mit einzelnen Autos und Menschen auf der Straße. Mit der konkreten ostdeutschen Realität hatte das wenig zu tun. Aber “The Sound of Music” erzählt auch nicht die Nazi-Zeit und “Doktor Schiwago” auch nicht die Geschichte der stalinistischen Diktatur. Vielleicht war das meine amerikanische Perspektive. Viele Ostler sahen das anders.
 
Sie standen dem Film kritischer gegenüber?

 
Ja. Ihre Kritik war, dass vieles, was gezeigt wurde, in Wirklichkeit so gar nicht möglich gewesen sei, führten Details an, dass ein Stasi-Überwacher nicht auf einem Berliner Dachboden habe sitzen können, weil dort ja die Wäsche zum Trocknen aufgehängt wurde. Ich fand das seltsam kleinkariert. Kino ist Überwältigung. Zum anderen verstand ich den Unwillen der Ostler, dass ausgerechnet ein westdeutscher Regisseur ihre Geschichte erzählt: Wieder mal sind wir selbst nicht die Autoren unseres Lebens. Deswegen erzähle ich auch immer weiter unsere Geschichten. Oder wenigstens meine.
 
 
Zur Person
Geboren 1962 in Berlin, arbeitete Alexander Osang nach seinem Journalistik-Studium in Leipzig bei der “Berliner Zeitung”, zunächst als Wirtschaftsjournalist, dann als Chefreporter. Ab November 1999 ist er als Reporter für das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” acht Jahre in New York, derzeit schreibt er von Tel Aviv aus. Mehrfach wurde Osang für seine Texte ausgezeichnet, den Egon-Erwin-Kisch-Preis erhielt er 1993, 1999 und 2001, 1995 den Theodor-Wolff-Preis. Neben seiner Arbeit als Reporter ist Osang Autor mehrerer Romane, u.a. “die nachrichten”, “Comeback”, “Königstorkinder”, “John Lennon ist tot”. Osangs Kolumnen über seine Zeit in New York und in Israel und seine Reportagen  und Portaits sind in Sammelbänden erschienen. Sein neuster Roman wurde vor wenigen Wochen erst veröffentlicht: “Die Leben der Elena Silber”.