Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Interview mit Noa Rothman
„Wer seiner gedenken will, muss einfordern, wofür er stand“

Noa Rothman
Foto: Cedric Dorin © Goethe-Institut Israel

Vor 25 Jahren wurde der israelische Premierminister und Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin von einem fanatischen Gegner seiner Politik ermordet. Im Interview erinnert sich seine Enkelin Noa Rothman, 43, an ihren Großvater und erklärt, was ihn als Mensch und Politiker ausgezeichnet hat.

Von Cedric Dorin

Wie erinnern Sie den 4. November 1995, die Nacht, als Ihr Großvater ermordet wurde?
 
Manches ist heute wie verschwommen, beinahe surreale Szenen wiederum sind ganz klar: Wir, die Familie, wartend auf dem Flur, geschockt, nervös, voller Angst um ihn, und jeder von uns raucht – und das in einem Krankenhaus! Später habe ich dann zum ersten Mal einen toten Menschen gesehen. Wenn ich daran denke, ist der Schmerz sofort wieder da.
 
Wie erzählen Sie Ihren eigenen Kindern von dem, was geschehen ist?
 
Wir konzentrieren uns anfangs darauf, nur darüber zu sprechen, was für ein Mensch er war. Aber natürlich werden sie spätestens im Kindergarten mehr oder weniger direkt damit konfrontiert. Wenn zum Beispiel manche Mitarbeiter, vor allem die älteren, die meinen Großvater über Jahre als Politiker erlebt haben, finden, sie würden Ähnlichkeiten in den Gesichtszügen erkennen. Auf anderen Wegen erfuhren meine Kinder dann relativ früh auch alles. Im Alter von fünf Jahren bekam mein Sohn plötzlich Angst, dass man auch ihn töten wird. Wir haben ihm dann erklärt: Dieses Attentat geschah nur, weil dein Urgroßvater zu diesem Zeitpunkt die Macht hatte. Er war kein König, dessen Nachfahren verfolgt werden. Jahre später bin ich dann selbst mit meinem Sohn ins Kino gegangen, um “Incitement” zu sehen. Ein Film von Yaron Zilberman, der zeigt, wie es durch politische Radikalisierung und Aufstachelung Mitte der 90er Jahre, im Vorfeld der Oslo-Abkommen, überhaupt dazu kommen konnte, dass der Attentäter diesen Mord beging. 
 
Wie ist Ihre Familie mit diesem plötzlichen Verlust Ihres Großvaters umgegangen, zu was sah sie sich verpflichtet?
 
In den Jahren, als mein Großvater Premierminister war, hat meine Großmutter ihre Rolle schon immer darin gesehen, sich wie eine First Lady öffentlich zu engagieren – für Kultur und für Kinder, speziell jene mit Autismus. Nach dem Attentat war es ihr wichtig, sein politisches Erbe und seinen Namen zu verteidigen, sich selbst für Frieden und Hoffnung einzusetzen. Für uns war es selbstverständlich, dass wir sie begleiteten, wo immer sie uns dabei haben wollte, bis zu ihrem eigenen Tod fünf Jahre später. Erst dann eigentlich hat sich in unserer Familie dieses Kapitel geschlossen. Meine Mutter setzt das Erbe von beiden heute fort, indem sie das Rabin-Center leitet.
 
Sie haben Ihren Großvater später oft als “spektakulär” bezeichnet. Was hat ihn für Sie so besonders gemacht?
 
Er war nicht nur der beste Großvater, den man haben kann, für mich war er  auch der beste Anführer. Als in der Trauerwoche alte Wegbegleiter und Freunde meines Großvaters zu uns nach Hause kamen, ist meinem Bruder und mir der Unterschied zwischen ihnen und ihm wieder deutlich geworden: Sie unterhielten sich über vergangene Zeiten, über Kriege, und welche Rolle sie darin gespielt haben. Unser Großvater hingegen war jemand, der immer über die Gegenwart sprach, und die Zukunft im Blick hatte. Nur er hatte damals das Ansehen, die Kraft und den Mut, einen Prozess der Versöhnung mit den Palästinensern zu beginnen, und er tat es.
 
Die jährliche Gedenkveranstaltung haben Sie in der Vergangenheit gelegentlich dazu genutzt, führende Politiker in Israel zu kritisieren.
 
Wichtig ist nicht, dass man Straßen, Plätze und Schulen nach meinen Großvater benannt hat. Wer seiner wirklich gedenken will, der muss einfordern, wofür er stand: für verantwortungsvolle und ernsthafte politische Führung, für Demokratie, für Dialog und Debatte. Das sind Werte, mit denen man in der Politik nicht zynisch spielt. Seit Jahren beobachten wir aber das Gegenteil. Das Niveau des politischen Diskurses ist erschreckend niedrig, immer wieder zeigen sich auch Züge einer politischen Radikalisierung, die gefährlich werden kann. Das muss man ansprechen, erst recht, wenn man wie ich das Forum dazu hat.
 
Haben Sie Angst, dass Ihr Großvater in den kommenden Jahren in Vergessenheit gerät?

 
Nein. Dieses Attentat hat in unserer Gesellschaft eine Wunde hinterlassen. Und ich glaube daran, dass das Charisma eines Mannes, eines Anführers wie mein Großvater es war, den Tod überdauert, unabhängig davon, wie sich die Bewertungen seiner Politik mit der Zeit ändern werden. Ich mag es nicht, wenn man ihn zu einem Heiligen stilisiert, er war ein Mensch mit Stärken und mit Schwächen, aber er war immer authentisch, seine guten Absichten waren echt. Für ihn, das hat er auch am Abend des 4. November bekräftigt, hatte seine Generation die Pflicht, sich für ein Ende des Konflikts mit den Palästinensern einzusetzen.
 
Ihre Mutter wurde Politikerin, war Abgeordnete der Knesset und stellvertretende Verteidigungsministerin. Und auch Sie haben im vergangenen Jahr versucht, ins Parlament zu kommen. Ist es Pflicht in Ihrer Familie, sich politisch zu engagieren?
 
Nein. Ich weiß, dass ich der Aufgabe als Abgeordnete gewachsen wäre – als Juristin und mit meiner Fähigkeit, Menschen zu erreichen. Ich bin mir auch bewusst, dass immer noch sehr viele Menschen etwas von meinem Großvater in mir sehen. Damit gehe ich aber sehr vorsichtig um. Meine Absicht im vergangenen Jahr war vor allem, linke Parteien zu einem Bündnis zu bewegen, sie damit insgesamt zu stärken, mehr Sitze zu gewinnen. Das Projekt ist schließlich am Ego eines Parteivorsitzenden gescheitert.
 
Werden Sie erneut kandidieren?
 
Ich habe längst einen Job, der mich glücklich macht.
 
Sie sind Drehbuchautorin.

 
Ja. Auf diese Weise kann ich viele gesellschaftliche Themen und Missstände ansprechen, Menschen erreichen. Erst durch Kultur, durch Bücher, Filme und auch Serien, entsteht Dialog über Werte, die uns wichtig sind, die uns wichtig sein sollten. Und das führt hoffentlich dazu, Demokratie als etwas zu begreifen, die man nicht nur passiv konsumieren kann, sondern für die man sich aktiv engagieren muss.




Zur Person
Noa Rothman, 43, ist die Enkelin des am 4. November 1995  ermordeten israelischen Premierministers und Friedensnobelpreisträgers Yithzak Rabin, der sich Mitte der 90er Jahre mit den Oslo-Abkommen für eine Lösung des Nahostkonfliktes einsetzte. Rothman sprach am Grab für die Familie neben Trauerrednern wie US-Präsident Bill Clinton. Sie schrieb ein Buch (“Trauer und Hoffnung”), studierte Jura, arbeitete für die Staatsanwaltschaft und wurde schließlich Drehbuchautorin. Ihre erste fiktionale Serie 2011 handelte vom Leben der Familie des israelischen Premierministers (“Yaldey Rosh Ha-Memshala”), ihre aktuelle von der Arbeit in der Bezirksstaatsanwaltschaft von Tel Aviv (“PMTA”). 2019 kandidierte sie für die israelische Knesset.

 
Am Mittwoch, den 4. November 2020, veranstaltet die Bibliothek des Goethe-Instituts Israel ein Salontreffen zum 25. Jahrestag des Attentats auf Yitzhak Rabin: “Als Frieden noch möglich schien”
 

 

Top