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Interview mit Amit Dolberg
„Jetzt ist nicht die Zeit traurig zu sein. Dies ist die Zeit wütend zu sein.”

Amit Dolberg
© Yoel Levy

Das internationale CEME-Festival für Neue Musik fand in diesem Jahr ausschließlich im digitalen Raum statt. Wir haben mit Amit Dolberg, Leiter des Meitar-Ensembles und Gründer des Festivals, über die Herausforderungen gesprochen mit denen sein Ensemble wie alle israelischen Kulturschaffenden in diesen Zeiten konfrontiert ist. 

Von Hadassa Levy

Amit, Sie haben gerade mit Meitar das CEME-Festival veranstaltet, das in diesem Jahr ausschließlich im digitalen Raum stattfand. Wie ist es gelaufen?

Wir waren uns eigentlich seit Beginn der Corona-Krise einig, dass wir aktiv bleiben wollen. Aber da Tontechnik und Konzertübertragungen nicht zu unserem Repertoire gehören, hat es eine Weile gedauert, bis wir für uns herausgefunden hatten, wie wir das Meitar-Ensemble präsentieren wollen. Während des CEME-Festivals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir es geschafft haben – die echte Meitar-Energie kam endlich richtig zum Vorschein. Einfach alles passte zusammen: Die einzelnen Stücke, von denen wir die meisten zum ersten Mal hörten, das Tempo, die Atmosphäre und unser neues „Speak up!“-Projekt. Für das Abschlusskonzert wagten wir uns an ein ganz neues Format und zeigten den ersten Teil einer Gemeinschaftskomposition für Klang und Licht des israelischen Komponisten Yair Klartag und des Licht-Designers Yoav Barel. Das setzte einen wundervollen Schlusspunkt.

Wie viele nahmen an den Workshops dieser ersten Digitalausgabe des Festivals teil?  

Wir hatten vierzehn Studentinnen und Studenten aus aller Welt, das heißt wir mussten für verschiedene Zeitzonen planen. So traf sich unser neuer Composer-in-Residence Mauro Lanza, der selbst aktuell in Berlin ist, vormittags mit Studierenden aus Shanghai und Südkorea, mittags mit israelischen und europäischen und am Nachmittag mit nordamerikanischen Teilnehmenden. Selbst einige Mitglieder unseres Ensembles und unser Dirigent sind aktuell aufgrund der Situation nicht in Israel, wir mussten also Lösungen für eine Vielzahl von Problemen finden, die wir so noch nie hatten. Letztlich hat es aber funktioniert, weil alle die Situation akzeptiert haben und richtig hungrig nach ernsthafter Arbeit waren.

Ursprünglich waren ja einige Konzerte als Livestreams geplant, doch der dritte Lockdown zwang Sie dazu, alles unter großem Zeitdruck im Vorfeld aufzunehmen – wie haben Sie das geschafft?

Wir haben die Konzerte ohne Publikum aufgezeichnet, und da wir gemeinsam mit dem Tremolo-Ensemble vom Percussion Center in Netanya das neue „Raash“-Tonstudio betreiben, können wir alle Aufnahmen selbst machen. Dadurch sind wir in der Lage, kurzfristig und flexibel auf die sich ständig verändernden Rahmenbedingungen zu reagieren.

Nun hätten Sie einfach Ihr übliches Festivalprogramm zum Online-Abruf bereitstellen können. Stattdessen sind Sie bewusst neue Wege gegangen und haben dem Festival mit der „Speak up!“-Reihe sogar eine klar politische Note gegeben. Warum? 

Wie Sie wissen, hatten und haben wir in Israel einige harte Lockdowns, von denen die israelische Kulturszene besonders betroffen war und ist. Wie gesagt hatten wir uns schon früh entschieden, aktiv zu bleiben, komme was wolle. Gleichzeitig wollten wir uns klar positionieren und unsere Meinung äußern. Wir haben also Fotos von Demos, an denen wir als Ensemble teilnahmen, auf unserer Facebook-Seite veröffentlicht und dazu unsere Meinung geschrieben, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Ich habe in dieser Zeit mit vielen aus der Kulturszene gesprochen und ihnen gesagt, jetzt ist nicht die Zeit traurig zu sein. Dies ist die Zeit wütend zu sein.
Vielleicht werde ich nächstes Jahr traurig sein, wer weiß das schon, aber jetzt ist meine Stimmung eine ganz andere, und das Ensemble empfindet genauso. Für „Speak up!“ nutzen wir unsere Expertise dazu, Komponist*innen und Schriftsteller*innen zusammenzubringen. Wir haben verschiedene Menschen gebeten, ein Protest-Statement über ein Thema ihrer Wahl zu schreiben und aufzuzeichnen. Kurz, wütend, ohne Einleitung und ohne Lösungsansatz. Diese unbearbeiteten emotionalen Statements schickten wir dann unseren Komponist*innen und baten sie, innerhalb kürzester Zeit dazu etwas zu komponieren. Das Ergebnis haben wir dann mit unseren Solist*innen aufgezeichnet, um zur Not überall, sogar von zu Hause aus, aufzeichnen zu können. Das Festival war ideal dazu geeignet, dieses Projekt zum ersten Mal einem Publikum vorzustellen. 
 



Handelt es sich dabei um spontane Aufnahmen, die kaum nachbearbeitet wurden?
 

Ja, sie haben definitiv einen spontanen Charakter, aber wir haben trotzdem einige Monate gebraucht, das richtige Format für dieses Projekt zu finden. Am Ende sind aber alle Stücke, die im Festival vorgestellt wurden, politisch auf die eine oder andere Art. Bei einigen ist das offensichtlich. Batya Frenklach hat zum Beispiel unsere Protestgesänge von den Demos verarbeitet, was erst gegen Ende des Stückes durch das ansteigende Tempo deutlich wird. Eli Korman hat ein Stück über seine Zeit in der israelischen Armee komponiert, fast alles hängt irgendwie mit unserer Realität hier zusammen.

Wie haben Sie die Sprecher und Sprecherinnen ausgewählt?
 
Ich wollte eine gute Mischung von Leuten, nicht nur aus dem Kulturbereich, und habe daher sehr viele verschiedene Menschen angesprochen, deren Gedanken und Meinungen mich persönlich interessierten. Dabei habe ich festgestellt, dass es nicht für alle selbstverständlich ist, sich so offen und persönlich zu zeigen. Als Pianist bin ich ja immer von diesem massiven Instrument abgeschirmt, aber für unsere Sprecher*innen war das Erlebnis ein ganz anderes. Die meisten haben sich selbst zuhause gefilmt und sehr persönlich direkt in die Kamera gesprochen was sie bewegt. Das allein erzeugt eine sehr intime Situation, es braucht Mut, aber es spiegelt auch die aktuelle Situation in Israel: Alles ist persönlich, es gibt viel Schmerz und ich finde, die Musikszene sollte das aufgreifen.

Musiker*innen sollten ihrer Meinung nach politisch aktiv werden?

Ich glaube, im Moment ist leider alles politisch. Dabei habe ich es ja noch gut. Ich beschwere mich darüber, dass ich aufgrund politischer Entscheidungen keine Konzerte geben kann, aber das ist doch gar nichts! Menschen sterben aufgrund von Entscheidungen, die nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen basieren. Menschen leiden aus den gleichen Gründen, die es mir verbieten, Konzerte zu geben. Das ist die aktuelle Situation und ich glaube, wir sollten unsere Position dazu nutzen, unsere Meinung zu sagen. Und das scheint einen Nerv zu treffen: Wir hatten im letzten Monat über 30.000 Zugriffe auf unsere Facebook-Seite – mehr als jemals zuvor. Das gibt uns ein gutes Gefühl.

Als Ensemble für zeitgenössische Musik in Israel sind wir wie Kakerlaken. Was immer auch passiert, wir werden überleben.


Sprechen Sie mit Ihren Kolleg*innen in anderen Ländern über die Situation? Empfinden die eine ähnliche Wut?

Wahrscheinlich unterscheiden sich die Reaktionen von Land zu Land, aber hier in Israel ist alles immer ein bisschen dramatischer, alles hat eine politische Note. Corona ist nur noch eine weitere Plage zu all den übrigen Problemen, wie dem Nahostkonflikt, der Streitfrage um Jerusalem, Korruption und so weiter.
Wir sind im Austausch mit Frankreich, Deutschland und Italien und die Situation ist dort ebenfalls sehr schwierig. Insbesondere in Frankreich und Deutschland, wo Kunst und Kultur von jeher so viel Unterstützung erfährt, sind sie plötzlich mit einer Realität konfrontiert, die sie so noch nie erlebt haben.

Denken Sie, dass es für Sie leichter ist, sich auf die neue Realität einzustellen und Ihre kreative Arbeit fortzusetzen, weil Sie auch in normalen Zeiten mit wenig staatlicher Unterstützung zurechtkommen müssen?

Als Ensemble für zeitgenössische Musik in Israel sind wir wie Kakerlaken. Was immer auch passiert, wir werden überleben. Wir sind auf alles vorbereitet. Ich war tatsächlich nie um den Fortbestand des Meitar Ensembles besorgt. Ja, es ist nicht einfach, aber es ist auch sehr romantisch. Dramatisch und romantisch.

Romantisch?

Klar, der Schaffensprozess hinter den Kulissen ist wahnsinnig romantisch. Wenn Sie ein Stück in Auftrag geben, wenn Sie neue Ideen ausprobieren, die vielleicht niemand zuvor umgesetzt hat – das ist sehr romantisch. Wir sind sehr emotionale Menschen, selbst wenn wir manchmal Musik machen, die nicht in allen Ohren gefühlvoll klingt.

Doch, ich habe die Wut deutlich gespürt. Es gab Momente in denen ich mich gefragt habe „was machen die da?“ bevor mir klar wurde „wow, die sind wirklich wütend“, die Musik hat das für mich sehr nachvollziehbar gemacht.

Wir haben tolle Reaktionen aus aller Welt bekommen. Einige haben sogar geschrieben, dass sie beim Abschlusskonzert geweint haben und nicht nur wegen der Musik, sondern wegen der Gesamtsituation: So viele Menschen weltweit leben aktuell unter Einschränkungen und erleben Musik digital. Es war die richtige Zeit für diese Art von Festival. As wir zum ersten Mal auf die Bühne gingen um uns selbst zu filmen, fühlte sich das sehr merkwürdig an. Wir hatten das Gefühl, dass wir irgendwie schauspielern müssen und haben das Publikum vermisst. Aber während der letzten Woche, in denen wir fast täglich für das Festival geprobt oder aufgezeichnet haben, fühlte es sich mit der Zeit immer richtiger an. Niemand war mehr peinlich berührt, wir wollten einfach nur diese Musik für diese Zeit und für unser Publikum machen, egal wie. Das war die Energie, die wir brauchten.
Doch, es gibt auch viele positive Dinge in diesen verrückten Zeiten. Die Unterstützung unserer Freunde spielt dabei eine große Rolle: Das Tremolo Percussion Center, Levontin 7, das Netanya Conservatory und das Felicja Blumental Music Center wo wir proben und aufzeichnen durften. Nicht zu vergessen die freundliche Unterstützung von und Zusammenarbeit mit dem italienischen Kulturinstitut und unseren Freunden am Goethe-Institut Israel.

Zu allen CEME 2021 - Konzerten


 
Über CEME
Seit seiner Gründung vor 10 Jahren ist das Contemporary Encounters by Meitar Ensemble (CEME)-Festival zu einer einzigartigen Plattform für die Vermittlung von zeitgenössischer Musik geworden. Es hat das Ziel, jungen Musiker*innen und Komponist*innen aktuelle Entwicklungen in der Neuen Musik durch Meisterklassen und Konzerte nahezubringen. Über die Jahre waren weltbekannte Komponisten wie Helmut Lachenmann und Philip Leroux, sowie zeitgenössische Ensembles wie das Modern Ensemble aus Deutschland und das Hashtag Ensemble aus Polen zu Gast.
 


Der Pianist Amit Dolberg gehört zu den führenden Musiker*innen für Neue Musik in Israel. Viele namhafte Komponist*innen haben Werke für ihn geschrieben, die er mit Dirigenten wie Matthias Pintscher, Ilan Volkov, Avner Biron, Pierre-André Valade, Zsolt Nagy, Fabián Panisello und anderen aufgeführt und aufgezeichnet hat. Amit hat bereits mit Orchestern und Ensembles aus Israel, Asien und Europa zusammengearbeitet und ist in zahlreichen Konzertsälen und Musikfestival auf der ganzen Welt aufgetreten. Er ist Gründer und Leiter des internationalen Meitar Ensembles für Kammermusik, des Matan Givol Kompositionswettbewerbs, des Masterstudiengangs Tedarim an der Jerusalem Academy for Music and Dance, wo er selbst auch lehrt, das CEME-Festival für junge Komponist*innen und das CEME International Festival für Neue Musik und Meisterklassen. Er ist Gründungsmitglied des Dada Ensembles.



Das Interview führten Hadassa Levy und Carola Dürr.

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