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Theater
Omer Kriegers Amphi – Impressionen

Amphi (1953/2020)
Omer Krieger, Amphi (Ghettokämpfer, 2020), ein Stück für Freilichtbühnen. Video-Standbild. Mit der freundlichen Genehmigung des Künstlers | © Omer Krieger

​Erwartung liegt in der Luft. Ein Gefühl, das das Publikum auch dann noch begleiten wird, wenn die Tänzer längst auf der steinernen Bühne stehen, denn die gespannte Erwartung ist eine zentrale Komponente von Omer Kriegers Neu-Inszenierung "Amphi", schreibt Gabi Eldor.

Von Gabi Eldor

Abenddämmerung – eine Stunde des Insichkehrens. Die Wolken scheinen langsamer vorbei zu ziehen, Stille hat sich über die Felder gelegt. Die Menschen sind bereits in ihren Häusern, die Straßen verlassen. Auch das zu Füßen des kargen Hügelhangs gelegene Amphitheater ist leer, doch die Leere unterstreicht seine würdige Schönheit.

In Zeiten von Corona sind Massenveranstaltungen verboten und so finden sich nur wenige Zuschauer auf dem Vorplatz des Ghettokämpfer-Museums ein. Im Publikum sind eingeschworene Noa-Eshkol-Fans: Dozentinnen, Wegbegleiterinnen, Choreografinnen, Studentinnen der Musikakademie und  des Kibbutzim College und einige Kunstverrückte, die sich keine außergewöhnliche Aufführung entgehen lassen wollen.
Eshkols Tanz, auf der Omer Kriegers Neuinszenierung basiert, ist nur ein einziges Mal aufgeführt worden: 1953 in einer Zeremonie zum zehnjährigen Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto. Die Aufführung ist seither in Vergessenheit geraten und selbst die Tänzerinnen aus Eshkols Ensemble erinnern sich nicht mehr so genau.

Heute, 67 Jahre später, sind Wassermelonen, Gebäck und Wein auf einem Tisch unter freiem Himmel angerichtet und laden die Zuschauer zum Umtrunk ein. Es geht ein laues Lüftchen, alte Bekannte freuen sich über ein Wiedersehen.
Erwartung liegt in der Luft. Dieses Gefühl wird das Publikum selbst dann noch begleiten, wenn die Tänzer längst auf der steinernen Bühne stehen, denn die gespannte Erwartung gehört zu den Grundbausteinen dieser eigensinnigen Arbeit. Sie beharrt auf Schlichtheit, auf Gesetzmäßigkeit, auf ordnungsgemäßen Zeit- und Raumintervallen.

In rosa Hemden und rosa Hosen betreten fünf Tänzer die Bühne. Dort stehen sie. Und stehen. Ein „reguläres“ Publikum hätte längst die Geduld verloren, sie ausgepfiffen, sie ausgebuht, aber dieses Publikum ist anders. Neue Kunst bezieht das Publikum aktiv mit ein. Dieses Stück lässt seine Zuschauer wach und angespannt warten. Sie lauschen konzentriert. Über weite Strecken der Aufführung stehen die Tänzer auf der Stelle und führen repetitive, gemäßigte, phrasenhafte Bewegungen aus.
Schauspieler Amphi © Omer Krieger

In rosa Arbeitskleidung stehen sie auf der Bühne. Und stehen.

Die Choreografie scheint abstrakt und einfach zu sein, doch man sieht deutlich, dass sie Körpern und Verstand viel abverlangt. Im Hintergrund ist eigens für diese Performance komponierte Musik zu hören, die die tänzerischen Bewegungen mit Klopf- und Trommelgeräuschen begleitet.
Fünf Köpfe strecken sich nach oben, neigen sich zurück. Im Hintergrund ist nun ein Klavier zu hören. Der Verlagerung des Körpergewichts folgend bewegen sich die Köpfe nach rechts und nach hinten, nach rechts und nach unten. Eine nach vorn gestreckte Hand, zieht den Körper in die Knie, den Kopf nach unten geneigt. Das Becken sinkt herunter. Der Rücken richtet sich auf und kehrt mit hängenden Armen zurück in den Stand. Ich bin mir nicht sicher, ob die Musik den Bewegungsrhythmus vorgibt. Falls sie das tut, dann gewiss nicht metrisch. Vielleicht sind die wechselnden Instrumente ja ein Signal.

Die Tänzer bewegen sich gemeinsam, laufen auf die Felder zu, tauchen in der Ferne auf, warten ab, verschwinden aus dem Blick, nur um dann abermals auf den Stufen des Amphitheaters zu erscheinen. Sie laufen auseinander, finden auf der Bühne wieder zusammen, stellen sich in einer Reihe auf, gehen, kehren um, verlagern ihr Gewicht, machen mehrmals eine Vierteldrehung. Die Ereignisse verdichten sich, als sich die Tänzer mit der rechten Hand über die Brust streichen, innehalten und die Hand auf dem Herzen ruhen lassen. 
Auf einem der Fotos von der Originalaufführung, die im Archiv des Museums aufbewahrt werden, ist eine eng zum Kreis gedrängte Gruppe von Tänzern zu sehen. Die meisten von ihnen schauen nach unten. Nur ein Kopf ist erhoben, hat den Blick gen Himmel gerichtet. Diese Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gruppe wiederholt sich in weiteren Standbildern des Originals, allerdings ist dieser Kontrast bei dem kleinen Ensemble von Amphi kaum spürbar.

Abwesenheit und Warten sind die Hauptdarsteller des Stücks

Unerwartet zerstreuen sich die Tänzer in alle Richtungen. Panik scheint ausgebrochen zu sein. Das Auge wandert bis hinter das Amphitheater und sucht in den Weiten der Felder. Auf einmal entdeckt es in der Ferne die Tänzer, so als seien sie, während wir noch dasitzen und warten, längst aufgebrochen. Sie steigen die Stufen herab und sammeln sich mit dem Rücken zu uns, als wollten sie gleich abermals verschwinden.
Abwesenheit und Erwartung sind die Helden des Stücks. Wir verstehen uns darauf, diese Leerstellen zu füllen. Gemeint ist die in uns lebende Abwesenheit als Zeugen einer Geschichte, die nichts als Vernichtung und Überleben ist. Dies sind Dinge, die weder gesungen, noch gedichtet oder getanzt werden können. Es genügt diejenigen zu betrachten, die Fortbestehen symbolisieren und sie beim Kommen und Gehen zu begleiten. Diese eine Armbewegung, die einen Kreis in der Luft skizziert, vom Brustkorb bis über den Kopf und zurück, ist das Ereignis, welches einen Reichtum symbolisiert, der kein Ende nimmt in einer Armbewegung, die sich vom Oberkörper löst,  nach oben zieht, sich abermals löst, um den Kreis zu schließen. In dieser Bewegung steckt das Gros der Handlung, Veränderung, Ereignis. In diesem Geschehen ist der sich schnell bewegende Einzelne die wilde Gestalt, die von einer Seite des Amphitheaters zur anderen rast.
Und plötzlich, eine Veränderung: Orientalische Musik. Die Gruppe kehrt zurück, tanzt eine Art rhythmische, sprunghafte Hora. Auch in der Originalaufführung wurde Hora getanzt, erinnert sich die Musikerin und Choreografin Naomi Polani.
Es wird dunkel, ein Scheinwerfer wirft rosa Licht unter die Bögen des Aquädukts.

Faszinierende Zusammenhänge zum Original

Das ursprüngliche Stück war Teil einer Aufführung namens „Ein Jahrzehnt: rekonstruiert in Klang, Lesung, Tanz, Feuer – anlässlich des zehnjährigen Jahrestags von Shoah und Aufstand“. Die Choreografin Noa Eshkol war beauftragt worden, den Tanz zu einem Text des Schriftstellers Haim Gouri zu entwickeln.
Zwischen den Grundzügen des Originals und der Neuinterpretation Amphi bestehen faszinierende Zusammenhänge. Streng genommen würde man es als „Masechet“ bezeichnen, ein Genre, das in Israel ab den 1930er Jahren weit verbreitet war. Diese Form des Bewegungstheaters verband Text, Tanz und Musik miteinander und geht ursprünglich auf Rudolf von Laban zurück, der zu den Begründern des deutschen Ausdruckstanzes gehört, auch bekannt als moderner oder expressionistischer Tanz. Laban schuf Choreographien für Bewegungschöre, insbesondere für Laien.
Sie waren der ideale Rahmen für die neuen Feiertage im Kibbutz. Landwirtschaftliche Zeremonien mit jüdischen Wurzeln mussten aus dem Nichts erfunden werden, mit Choreografien, die von Laien getanzt werden konnten und Gestaltungsfreiheit im Hinblick auf Teilnehmer- und Zuschauerzahlen.
Nachdem Noa Eshkol ihr Studium in Israel abgeschlossen hatte, fuhr sie nach England, wo sie sich dem Studio von Sigurd Leeder anschloss, der Ende der 1930er Jahre mit Laban zusammengearbeitet hatte. In dieser Zeit begann Eshkol gemeinsam mit Prof. Abraham Wachmann die Bewegungsnotation zu entwickeln, die sie stilistisch auf neue Wege, heraus aus kulturellen Gewohnheiten, führte.
Eshkols Choreografie für die Zeremonie im Ghettokämpfer-Kibbutz war ein einzigartiges, facettenreiches Ereignis, das so noch nie dagewesen war. Auf der Bühne standen viele Tänzer, Jugendliche aus den Kibbutzim der Umgebung in khakifarbener Kleidung.
Ganz ohne Pathos kam das Stück aus, ohne dramatische Höhepunkte, mit Ausnahme von einem Moment: den an eine Hora erinnernden Tanz voll rhythmischer Bewegungsdetails, komplex wie die Wandteppiche, die Eshkol im Laufe der Jahre mit Hilfe ihrer Tanztruppe nähte.
  
Im Folgenden ein Auszug des Textes von Haim Gouri aus Notizen, die ich mir im Zuge von Recherchen zur Wiederentdeckung des Genres gemacht habe:

Sprecher:
1.1 Klagelied über die Ruinen
2.2 Die Stimmen des Aufstands
3.3 Psalm zum Wiederaufbau
       Sprecher: Das Jahr 1943 liegt zehn Jahre zurück
       Das Publikum erhebt sich, um Blut und Kampf zu würdigen.
       (Das Publikum steht auf)
       Sprecher: Das Jahr 1943 liegt 10 Jahre zurück.
       Das Publikum erhebt sich, um Trauer und Tragödie zu würdigen.
       Sprecher: Das Publikum erhebt sich, um seine Söhne und
       Töchter zu würdigen ... die nie wieder atmen werden.
       Die unzähligen von den Deutschen Ermordeten
       die schrien, doch deren Schreie nie erhört wurden
       die schwiegen, doch deren Schweigen von der Welt nicht gehört wurde.
       Das Publikum wird gebeten, sich zu setzen.


 
Im Gegensatz zur Dramatik des Textes war die Bewegung sachlich, formell und auf einfache Elemente beschränkt: Eine Hand ist und bleibt zum Himmel gestreckt, während eine Gruppe mit kleinen Schritten schnell voranschreitet und dann in eine andere Richtung geht.

Die Aufführung wurde auf Bühnen neben und entlang des römischen Aquädukts gezeigt. Gruppen von Männern und Frauen, die in langen Reihen schreiten, sich plötzlich niederlassen, in die Knie gehen, zum Teil mit aufrechtem Rücken, zum Teil mit steifem, nach vorn gebeugten Rücken, bildeten eine Art Kontrapunkt.

Der Tanz auf der hohen Bühne zeigte den plötzlichen Ausbruch kleiner Schritte mit gebeugten Knien, während die Tänzer auf Zehenspitzen gehen und in einen breiten, tiefen Vorwärtsschritt sinken. Sie wiederholen diese schnellen Schritte, stehen wieder auf Zehenspitzen und sinken erneut in einen tiefen Vorwärtsschritt. Eshkol hat diesen Abschnitt „Volkstanz“ genannt, dessen Geschwindigkeit einem Windzug im langsamen Marsch gleicht.
 
* * *
 
Gekürzte Übersetzung des hebräischen Originalartikels von Gabi Eldor, der am 8. September 2020 im Magazin Erev Rav erstmalig erschien. 
 
 
Amphi (1953/2020) von Omer Krieger

Erstaufführung am 1.7.2020 im Amphitheater des Ghettokämpfer-Museums

Produzentin: Yael Cohen
Tänzer: Tamar Even-Chen, Dror Birger, Hila Berkman, Sheer Sivan, Nunzia Piccialo, Mishel Shalha
Originalmusik: Shushan.
Kostüm und künstlerische Gestaltung: Netta Dror.
Dramaturg: Florian Malzacher (Berlin).
Probenleiterin: Karmit Burian.
Rekonstruktion der Tanzbewegungen Eshkols von 1953: Ruti Sela und Mor Bashan. In Zusammenarbeit mit der Noa Eshkol Stiftung für Choreografie.

Produziert von MARCEL art projects mit Unterstützung des Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts und der israelischen Lotterie (Mifal Hapais), in Zusammenarbeit mit der Noa Eshkol Stiftung für Choreografie, dem Ghettokämpfer-Museum und 1:1 Zentrum für Kunst und Politik.

 
 
  

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