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Tourismus und Umwelt
Keine Naturkatastrophe, sondern menschliches Versagen

Toter Kranich, Emek Hahula
Foto: Shlomit Shavit / Reshut HaTeva

5.000 Kraniche verenden innerhalb weniger Wochen in Israels Hula-Agamon-Ebene. Die Zahl der toten Tiere wird sich wohl noch verdoppeln. Gierig nach ständig steigenden Touristenzahlen werden die Tiere mit Futter angelockt, was zur Überfüllung des kleinen Gebiets und schließlich zu ihrem massenhaften Sterben führt.
 

Von Moshe Gilad

Im Hula-Tal ereignet sich zur Zeit eine verheerende Katastrophe. Täglich sterben an die tausend Kraniche, deren entstellte Körper im seichten Wasser des Sees treiben. Einst war es das graziöse Erscheinungsbild dieser noblen Vögel, das Hunderttausende Vogelliebhaber angezogen hat. Nun sehen die Tiere hilflos aus. Der Anblick der verendeten Tiere ist schwer zu ertragen. Letzten Meldungen zufolge sind innerhalb weniger Wochen 5.000 tote Kraniche im Hula-Agamon gesichtet worden. Naturschutzgebiet und Agamon wurden für Besucher geschlossen. Tamar Zandberg, Israels Umweltministerin, spricht von der „schlimmsten Katastrophe wild lebender Tiere in Israel“. Experten rechnen mit einer Verdopplung der Todeszahlen. Es sind erschütternde Zahlen. In Israel überwintern jährlich zirka 40.000 Kraniche. Vermutlich wird ein Viertel von ihnen der gegenwärtigen Pandemie zum Opfer fallen. Die in Israel verweilenden Kraniche stellen ein Zehntel der Kranichpopulation insgesamt dar. Es ist eine Katastrophe ungekannten Ausmaßes, wobei wir uns hüten sollten, von einer Naturkatastrophe zu sprechen. Es handelt sich um eine vom Menschen herbeigeführte Katastrophe, die auf eine Mischung aus naiver Liebe zur Natur, dem Bestreben, den Tourismus in der Region immer weiter zu entwickeln und Geldgier zurückzuführen ist.

Bis vor Kurzem war die Hula-Agamon-Gegend ein Touristen-Schlager. Jährlich haben eine halbe Million Vogelliebhaber die Gegend besucht. Der BBC führt das Hula-Tal als eines der zehn besten Ornithologen-Gebiete. Der Agamon ist ein in den 90er Jahren vom Jüdischen Nationalfond errichteter Vogelpark in einem Teil des wieder gefluteten Hula-Sees, dessen Trockenlegung in den 50er Jahren die eigentliche Sünde war. Wie so viele radikale Eingriffe des Menschen in die Natur ist auch dieser katastrophal gewesen.

Die Hula-Agamon-Gegend wurde schnell zum Tourismuserfolg. In Tarnfahrzeugen kommen Besucher den Kranichen, die sich in Massen um die Futterstellen scharen, hautnah. Die ausgestreuten Körner locken riesige Vogelschwärme an. Zunächst schienen fast alle Beteiligten zufrieden zu sein. Für Ornithologen war das Gebiet sensationell. Bei relativ geringer Anstrengung werden sie überproportional belohnt.

Sieben Tonnen Hülsenfrüchte, Erdnüsse und Mais werden täglich an die Vögel im Hula-Agamon-Tal verfüttert, finanziert von Landwirten der Region, die die Kraniche von ihren Feldern fern halten wollen. Die Ausgaben für das Futter werden auch von der Agaman-Verwaltung, vom Jüdischen Nationalfonds, dem Landwirtschaftsministerium und der Kommune getragen. Der Kranich-Tourismus im Oberen Galiläa bringt jährlich 120 Millionen Shekel ein. Und damit beginnt ein Teufelskreis: Um Touristen anzuziehen werden Kraniche benötigt und um Kraniche anzulocken, die Touristen nach sich ziehen, müssen die Vögel mit Futter angelockt werden. Die üppige Fütterung, so Ökologen, verführt die Kraniche dazu, im Hula-Tal zu überwintern und sich die traditionelle erschöpfende Wanderung ins südliche Afrika zu ersparen. Allerdings tun derartige Vogelmengen auf engstem Raum Niemandem gut.

צילום: הדס כהנר / רשות הטבע והגנים
Im Januar 2017 habe ich einen ersten Artikel über die Agamon-Gegend verfasst. „Uns ist klar“, sagte mir damals eine Leiterin des Ortes, „dass das Verweilen von so vielen Vögeln in einem so kleinen Gebiet problematisch ist. Wir sind generell gegen die Überfütterung von wild lebenden Tieren.“ Auch Dr. Amit Dolev, Ökologe der Behörde für Naturschutz und Parks im Norden Israels, warnt: „Die zusätzliche Nahrung verändert das Wanderverhalten der Kraniche.“

Dan Alon, der das israelische Ornithologie-Zentrum der Naturschutzbehörde bis vor kurzem geleitet hat, beklagte das fehlende ökologische Management des Agamon und die dort vorherrschende ökologische Einstellung bereits in der Vergangenheit: „Es wird mehr an die Touristen als an die Natur gedacht. Anders lässt sich das leider nicht ausdrücken. Das Geheimnis liegt bei einem ausgewogenen Mittelmaß.“ Das Result dieses Ungleichgewichts bekommen wir nun in Form von Bildern des Grauens präsentiert.

“Was zur Zeit mit den Kranichen im Hula-Tal passiert, war vorherzusehen“, schreibt mir der Zoologe Prof. Yoram Yom Tov. „Bei einer derart hohen Bevölkerungsdichte werden die Patogene schnell von einem zum anderen weiter gegeben. Eine Fütterung durch den Menschen, ob ungeplant oder intendiert, hat diese Dichte verursacht. In den 80er Jahren ist Ähnliches mit den Rehen in Ramat Issahar und auf den Golan Höhen passiert, die an der Maul- und Klauenseuche erkrankt sind. Auch da war die Populationsdichte aufgrund menschlicher Intervention stark angestiegen, was zum Tod Tausender Rehe geführt hat. Ein ähnlicher Prozess spielt sich gerade im Tel Aviver Stadtteil Ramat Aviv ab. Das Füttern streunender Katzen lässt Igelpopulationen, die die Katzennahrung fressen, stark wachsen. Diese Igel leiden zum großen Teil an der Krätze, einer schlimmen, sehr schmerzhaften Hautkrankheit. In den letzten Jahren werden Hunderte dieser Igel in die Klinik für wild lebende Tiere im Safari-Park behandelt. All diese Fälle haben einen gemeinsamen Nenner: gut gemeinte Absichten von Laien schaden manchmal mehr als dass sie helfen.

Die Kraniche haben die Vogelgrippe von ihren Wanderungen ins Hula-Tal geschleppt. Der Ausbruch der Krankheit macht sich für Israelis zur Zeit am spürbarsten durch die fehlenden Eier in den Supermärkten bemerkbar. In den letzten Wochen mussten ganze Hühner-zuchtbetriebe im Moschaw Margaliot vernichtet werden. Vielleicht werden die Menschen nun endlich den Kopf von der Shakshouka auf ihren Tellern heben und sich daran erinnern, dass unkluge Eingriffe in natürliche Prozesse zu schlimmen Umweltkatastrophen mit traurigen Konsequenzen führen. Das massenhafte Kranichsterben ist eben keine Naturkatastrophe, sondern eindeutig eine vom Menschen herbeigeführte Katastrophe.

Das Hula-Agamon-Naturschutzgebiet wird in den nächsten Wochen sicher wieder für Besucher geöffnet werden. Wollen wir so weitermachen wie bisher, lautet die große Frage, die sich die Leiter des Ortes dieser Tage stellen müssen.

 

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