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Interview mit Offer Avnon
„Ich wollte das Ungesagte, das Verdrängte zeigen, das, was nicht greifbar ist“

Offer Avnon
Offer Avnon | Foto: Aris Rammos

Offer Avnon ist Regisseur des Films „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“, den die Cinemathek Tel Aviv am 14. und 15. April anlässlich des Yom HaShoah zeigte. Im Gespräch mit Hilla Lavie erzählt Avnon von den Schatten der Shoah und der Trauer, die seit seiner Geburt in seinem Leben präsent sind. Er spricht über sein Leben zwischen zwei Welten, der israelischen und der deutschen, und wie er mit seiner Kamera Bilder eingefangen hat, die von diesem Trauma erzählen.

Von Hilla Lavie

Nach zehn Jahren in Deutschland bist du in deine Heimatstadt Haifa zurückgekehrt. Wie bist du nach Deutschland gekommen? 

Deutschland war in meinem Leben seit meiner Kindheit präsent, als Teil der Schatten, die die Familie begleiteten. Als Teil dessen, was nicht erzählt, was verdrängt wurde. Meine Mutter emigrierte noch vor dem Krieg, im Alter von 6 Jahren mit ihren zionistischen Eltern von Polen nach Israel, aber viele ihrer zurückgebliebenen Familienmitglieder sind in der Shoah umgekommen. Ihre beiden Onkel überlebten Auschwitz und wanderten nach dem Krieg als Zionisten nach Israel aus. Bei einem Onkel war ich als Kind jeden Sommer zu Gast. Er lebte in einem Kibbutz, ein freundlicher, bescheidener Mensch, der sich nie beklagte. Wie hat er es geschafft, sich die Schrecken, die er durchgemacht hat, nicht anmerken zu lassen? Genauso wenig sprach er über die Vergangenheit. Auch die Familiengeschichte meines Vaters stand im Schatten der Shoah. Von seiner Mutter getrennt, kam er mit den „Teheran-Kindern“ als Waise nach Israel. Mutter und Sohn hatten die Shoah nur überlebt, weil die Russen die Familie nach dem Einmarsch in Polen nach Sibirien verbannten. Mein Großvater väterlicherseits wurde von Dorfbewohnern ermordet, als er versuchte, draußen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Bruder meines Vaters starb als Soldat in der Anders-Armee, wie genau er ums Leben gekommen ist, wissen wir nicht. Überhaupt ist über die meisten Familiengeschichten aus jener Zeit nur wenig bekannt, die Informationen sind bruchstückhaft. Mit diesem Hintergrund bin ich zum ersten Mal bei einem Schüleraustausch in der Oberstufe nach Deutschland gekommen. Für mich war das eine sehr eindrückliche Erfahrung. Deshalb bin ich später im Rahmen eines Studentenaustausches zurückgekehrt und geblieben. Dort habe ich begonnen, Deutsch lernen und in der Sprache zu leben, die in meiner Kindheit stellvertretend für das Trauma – die Shoah – stand.
 
Die Auseinandersetzung mit Traumata zieht sich durch all deine bisherigen Arbeiten

Traumata sind Teil meiner eigenen Erfahrungen und die der Menschen in meinem Umfeld. Das hat mich all die Jahre fasziniert und dazu motiviert, filmerisch und künstlerisch damit zu arbeiten. Mein Innenleben wurde von Menschen geformt, die diese schwierigen, traumatischen Ereignisse am eigenen Leib erfahren haben. Diese Menschen sind mein Fleisch und Blut, ein Teil von mir, meine Familie. Mich hat die Unfähigkeit der Überlebenden interessiert, die das Erlebte nie voll und ganz vermitteln konnten – Ereignisse, die so traumatisch waren, dass man sie kaum erfassen kann, wenn man bei Verstand bleiben will. Gerade deshalb hat aber das, was sie aufgrund von Schutz- und Abwehrmechanismen „verschweigen“, nicht weniger Auswirkungen auf ihr Umfeld als explizit erzählte Geschichten.
 
Wie nähert man sich einem so komplexen, schwer fassbaren Thema wie Traumta mit audiovisuellen Mitteln? 

Während meines Studiums der Visuellen Kommunikation am Holon Institute of Technology, entdeckte ich Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens“ in der Bibliothek des Instituts. Ich sah mir den Film völlig fasziniert immer wieder an. Bereits damals beschloss ich, mich mit der Identifikation mit dem Aggressor und der Faszination für Nazi-Deutschland zu beschäftigen. Ich erstellte eine Collage mit Fotos aus den Alben meiner Kernfamilie und kombinierte Fotos meiner Eltern, meines Bruders und mir mit Bildern aus Riefenstahls Film. Die Schatten, die mein Leben begleiteten, wurden in dieser Kombination von Anekdoten aus dem Familienleben sichtbar. Ich wollte das Ungesagte, das Verdrängte zeigen; Dinge, die vermeintlich normal sind, aber aus einer anderen Perspektive plötzlich abnormal erscheinen.
 
Auch in meinem nächsten Film „Burden/Last“ habe ich mich mit Identität und Trauma in verschiedenen Erscheinungsformen auseinandergesetzt. Er ist eine Art frühe, jedoch andere Version dessen, was ich schließlich in meinem Film „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ behandelt habe. Ein Abschnitt in „Burden/Last“ handelt beispielsweise von der ewigen Trauer um meinen Onkel Offer. Offer war der jüngere Bruder meiner Mutter, der im israelischen Abnutzungskrieg gefallen ist. Die Antwort meiner Mutter auf seinen Tod war meine Geburt. Nach ihm bin ich benannt. Am Charakter meiner Mutter zieht sich die Geschichte von Offer durch den Film, sie wird immer wieder in den Tagen um den Gedenktag an die gefallenen Soldaten gezeigt. Für mich ist die Präsenz der Shoah eng mit der Präsenz von israelischer Trauer verbunden. Die Geschichte meiner Geburt ist zweifellos eine wesentliche Ursache der Schatten, mit denen ich aufgewachsen bin. Nachdem ich viele Jahre in einem beinahe sisyphusartigen Schnittprozess mit dem Filmmaterial gearbeitet hatte, begriff ich, dass ich mich von dieser Geschichte lösen und sie komplett aus dem Film herausnehmen muss. Das hat den Film in gewisser Hinsicht befreit und es mir ermöglicht, mich auf die Erinnerung an die Shoah zu konzentrieren.
 
Die Bilder im Film sind alle von dir gefilmt worden. Sie sind von einer faszinierenden Schönheit. Was hat dich bei den Aufnahmen geleitet? 

Das Konzept des Films war mir von Anfang an klar. Ich hatte eine Kombination aus Interviewausschnitten, durchsetzt mit visuellen Aufnahmen, vor Augen. Anhand der Bilder
versuche ich etwas Inneres einzufangen, das in meiner Seele existiert. Sie sind aus meiner persönlichen Beobachtung, geprägt vom Gewicht des Traumas, entstanden. Darauf wollte ich mich konzentrieren, das habe ich versucht, festzuhalten.
 
Ich habe Objekte fotografiert, die zum Teil scheinbar nichts mit dem Thema des Films zu tun haben. Im Film gibt es zum Beispiel kein Bild von einem Stacheldrahtzaun in einem Konzentrationslager. Und dennoch berühren und durchdringen diese Bilder für mich emotional das Thema des Films auf eine interessantere Weise. Sie sind das Gesamtprodukt aller historischen Ereignisse und meiner Beschäftigung mit der Shoah. Sie drücken das Non-Verbale, die Todesstimmung, die verstrichene und wiederum nicht verstrichene Zeit aus.  
 
Wie bist Du auf den Titel des Films „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ gekommen? 

Ich habe zehn Jahre lang in Köln, also am Rhein gelebt, den ich sehr liebe. Der Rhein war in meinem Alltag präsent und für mich eine Art Ersatz für das Mittelmeer. Als „Vater Rhein“ hat der Fluss auch einen Bezug zum Begriff „Vaterland“ und nimmt einen zentralen Platz in der deutschen Kultur und im deutschen Nationalismus ein. Bei der Suche nach einem Titel für den Film kam mir immer wieder der Rhein in den Sinn. Als fließendes Element zwischen Ereignissen aus Vergangenheit und Gegenwart, symbolisch für ein Bewusstsein im Fluss. Als Strom von Menschen auf ihrem Weg von einem Ort zum anderen. All das hängt mit meinem Bestreben zusammen, filmisch das zu fassen, was nicht greifbar ist – das Unterbewusstsein. Das Trauma ereignete sich geografisch an den Orten, an denen die Ereignisse stattgefunden haben. Aber das Trauma reist auch mit den Menschen, die es erlebt haben – nach Deutschland, nach Polen und nach Israel.
 
Polen und das polnische Gedenken an den Holocaust nehmen neben Deutschland einen zentralen Platz im Film ein.
 

Im Laufe der Jahre bin ich vielen Polen begegnet. Deshalb war es mir wichtig, sie in den Film einzubeziehen. Im Rahmen eines deutsch-polnisch-tschechischen Theaterprojekts kam ich zum ersten Mal nach Polen. Damals war ich der einzige Jude und Israeli in einer Gruppe von Deutschen, die in einem Minibus auf der betonierten Straße, die die Deutschen während des Krieges gebaut hatten, durch die Wälder fuhr. Als ich die ersten Häuser in Polen sah, war ich so überwältigt, dass mir die Tränen kamen. Meine Großeltern waren aus Polen nach Israel eingewandert, in Polen hatten sie ihre Angehörigen verloren. Sie wollten Polen nie wieder besuchen. Damals spürte ich, dass ich Polen nicht wie andere Israelis bereiste. Ich kam als Israeli, der schon "halbdeutsch" war, und hatte das Gefühl, eine Art Diasporajude mit israelischer Erfahrung zu sein. Deshalb fühlte ich mich beschützt und wollte meine Herkunft nicht verstecken. Dieses Theaterprojekt ermöglichte mir eine intensive Begegnung mit jungen Polen. Für viele war ich der erste Jude, dem sie begegneten. Und dazu noch ein Nachkomme der „Juden von damals“. Ich meinte bei ihnen so etwas wie peinliche Verlegenheit zu spüren. Im Vergleich zu Begegnungen mit Deutschen, bei denen ich oft Schuldgefühle wegen der Taten ihrer Vorfahren bemerkte, spürte ich in Polen keine Schuldgefühle. Das zeigte sich auch in den Reaktionen auf meinen Film. Das Publikum auf dem Warschauer Filmfestival war sehr jung. Sie hatten sich intensiv mit dem Gedenken an die Shoah auseinandergesetzt. Aber irgendwie war das nicht bis in ihr Herz gedrungen. Ganz anders war die positive und emotionale Reaktion des deutschen Publikums. Da die Polen selbst Opfer der Nazis gewesen sind, unterscheidet sich ihr Narrativ natürlich von dem der Deutschen. Und doch finde ich es wichtig, die unterschiedlichen Narrative zu hinterfragen.
 
Der Film ist mit deiner Stimme auf Deutsch unterlegt – auch dort, wo es um die Schatten der israelischen Geschichte und das Verhältnis zur palästinensischen Geschichte geht
 
Meinen Großeltern, die ihre Angehörigen in Polen verloren haben, wäre sicherlich ein Schauer über den Rücken gelaufen, wenn sie mich hätten Deutsch sprechen hören. Aber die israelische Politik hätte sie noch stärker geschmerzt. Sie waren Idealisten und Sozialdemokraten. Israel ist meine Heimat, Hebräisch ist meine Muttersprache. Es ist ein innerer Riss, das gleiche Problem, mit dem ich aufgewachsen bin. Im Laufe der Jahre ist dieser Riss auch zu einem Riss in der Welt geworden, in der ich in Deutschland mit der deutschen Sprache gelebt habe.

Mein kritischer Blickwinkel ist ein sehr persönlicher, ich lade damit israelische Kinobesucher, aber auch deutsche und polnische, zu ihrer jeweils eigenen kritischen Selbstreflektion ein.


Dies ist ein Film, der sich mit dem Trauma der Shoah beschäftigt, aber auch auf das Trauma verweist, das „wir“, die Juden, den Palästinensern zugefügt haben, und hier möchte ich sofort klarstellen: Einen historischen Vergleich der Ereignisse selbst mache und akzeptiere ich nicht. Dennoch erzeugt das bei manchen Zuschauern sofort Unbehagen, aber die sogenannte Komfortzone hat mich nie interessiert. Ja, der Film ist auf Deutsch, dennoch ist seine Sichtweise und seine emotionale Identifikation „unsere“, die der israelischen Juden. Bekanntlich konnten Juden schon immer gut über sich selbst lachen, genauso ist Selbstkritik ein wichtiger und wesentlicher Bestandteil der jüdischen Kultur und des jüdischen Erbes. Mein kritischer Blickwinkel ist ein sehr persönlicher, ich lade damit israelische Kinobesucher, aber auch deutsche und polnische, zu ihrer jeweils eigenen kritischen Selbstreflektion ein.
 
* Der Regisseur bedankt sich bei Ilan Moshenson aus Israel und Sabine Rollberg aus Deutschland für ihre Anmerkungen und Anleitungen während der Arbeit an dem Film sowie für ihre Ermutigung, den Film fertigzustellen. Sie haben dies unentgeltlich getan.
 
 
Offer Avnon, 1970 in Haifa, Israel geboren, studierte Schauspiel im Nissan Nativ Acting Studio in Jerusalem, und Visuelles Kommunikationsdesign am Holon Institut für Technologie. Am Institut für Film und Fernsehen der Universität von Tel Aviv nahm er an einem einjährigen Ausbildungsprogramm teil. Zehn Jahre lebte er in Köln. Er arbeitete in verschiedenen Projekten im Bereich Theater, Straßeninstallationen, Kurzvideos und Fotografie.
 
 

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