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3 Fragen an Amos Goldberg
„Die Entscheidung des Bundestags schadet der Bekämpfung von Antisemitismus“

Amos Goldberg
© privat

Amos Goldberg ist Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Wir erreichen ihn in seinem Sabbatical in Amerika.

Von Wolf Iro, Leiter Goethe-Institut Israel

Amos, wir sahen uns zuletzt auf unserer Konferenz „Zukunft der Shoah-Erinnerung“ vor etwa einem Jahr. Woran arbeiten Sie aktuell?

Momentan arbeite ich an einem Buch über das kulturelle Leben im Warschauer Ghetto. Damit meine ich nicht nur kulturelle Veranstaltungen im Ghetto, sondern einen methodologisch kulturgeschichtlichen Forschungsansatz. Ich habe gerade ein Kapitel über die vielen Kaffeehäuser im Ghetto abgeschlossen. Davor habe ich über Rubinstein, den Clown im Ghetto geschrieben und mich mit der Verbreitung von Gerüchten im Ghetto beschäftigt. Die schlimme Unterdrückung und das Leben im Warschauer Ghetto unter NS-Besatzung haben zu grundlegenden Veränderungen in der jüdischen Gesellschaft geführt. Ich habe mich vor allem für diese Transformationsprozesse interessiert.
 
Zusammen mit anderen renommierten israelischen Intellektuellen haben Sie sich vor kurzem in einem offenen Brief an den Bundestag gewandt. Was hat Sie dazu bewegt?


Der Bundestag hat dem Antrag, den BDS als antisemitisch zu bewerten, zugestimmt. Damit ruft er im Grunde zur Boykottierung der BDS-Bewegung in der deutschen Öffentlichkeit auf. Meine Kollegen und ich halten dies für einen schwerwiegenden Fehler. Deshalb haben wir uns mit einem offenen Brief an den Bundestag gewandt. Unter den Unterzeichnern des Aufrufs sind Befürworter und Gegner der BDS-Kampagnen, doch sind wir alle der Ansicht, dass der BDS keine antisemitische Bewegung ist, selbst wenn einige BDS-Aktivisten antisemitische Aussagen gemacht haben.

Seit Jahren verlangen Israel und die internationale Gemeinschaft von den Palästinensern, mit anderen Mitteln als Waffen zu kämpfen. Nun haben sie es getan und werden als Antisemiten beschimpft. Nichts könnte heuchlerischer sein. Kritik an Israel, selbst wenn sie hart ausfällt, ist nicht zwangsläufig Antisemitismus. Ich persönlich unterstütze BDS nicht, aber Boykott ist grundsätzlich ein legitimes politisches Instrument – ultraorthodoxe Juden boykottieren Aktivitäten, die am Shabbat stattfinden, manche Amerikaner boykottieren den Bundesstaat Alabama aufgrund dort verabschiedeter Abtreibungsgesetze, und natürlich ist Boykott auch ein legitimes Mittel gegen Unterdrückung und Besatzung. Den Boykott von Wein aus den Gebieten, der auf palästinensischem Boden gewachsen ist, auf Ländereien, die ihnen mit Hilfe der stärksten Armee im Nahen Osten genommen wurden, mit dem Boykott von Geschäften schutzloser Juden in Nazi-Deutschland zu vergleichen, ist eine gefährliche Verzerrung.

Der Beschluss des deutschen Bundestags ist ein schlimmer Präzedenzfall. Ein Staat (Deutschland) hat aus fragwürdigen Beweggründen in die öffentliche Debatte eingegriffen und Meinungsfreiheit und Proteste beschränkt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis jede scharfe Kritik an Israel als antisemitisch bezeichnet wird und damit ihre Legitimität verliert. Damit begehen liberale Demokratien einen schwerwiegenden Verrat an Menschenrechten und Meinungsfreiheit. Diesen Werten sollte sich gerade Deutschland verpflichtet fühlen.

Letztlich geht es hier gar nicht um die Bekämpfung von Antisemitismus, sondern um die Unterstützung einer sehr rechten israelischen Regierung, die bereits davon gesprochen hat, die besetzten Gebiete zu annektieren, die Siedlungen ausbaut, friedliche Lösungsmöglichkeiten mit den Palästinensern aushöhlt, bei der Unterdrückung des palästinensischen Volkes mit fast grenzenloser Härte vorgeht und einen anti-demokratischen Kurs verfolgt. 

Die Entscheidung des Bundestags schadet aber auch der Bekämpfung von wirklichem Antisemitismus, der vor allem aus nationalistischen Kreisen oder von extremistischen Djihadisten kommt. Die Entscheidung des Bundestags wird die Schaffung einer einheitlichen jüdisch-muslimischen Front im Kampf gegen den wachsenden Antisemitismus und Islamophobie enorm erschweren (Islamophobie gibt es leider auch bei Teilen der jüdischen Bevölkerung in Europa und Israel).

Der Beschluss des Bundestags ist eine folgenschwere Fehlentscheidung und ein Verrat an den Lehren, die Europa und vor allem Deutschland aus der NS-Geschichte und der Shoah gezogen haben.

In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf den Artikel meiner Kollegin Yaara Benger-Alaluf über die verheerenden Auswirkungen des Parlamentsbeschlusses.(v. Sicha Mekumit, JustVision, v. 19.05.2019)

Wie haben Ihre deutschen Kollegen reagiert?
 
Meine deutschen Freunde kommen vor allem aus liberalen Kreisen. Sie befinden sich zwischen Hammer und Amboss. Ich kann es nachvollziehen, dass sie bei Kritik an Israel oder der jüdischen Gemeinde in Deutschland zu Recht sehr vorsichtig sind. Ein Teil von ihnen hat diesen misslichen Antrag sogar unterstützt. Andererseits sehen viele von ihnen, wie Israel in den Gebieten zunehmend Menschenrechte und Internationales Recht verletzt. Sie sehen auch den anti-liberalen Weg, den der Staat Israel eingeschritten ist. Sie kennen das Nationalstaatsgesetz, wissen von den Angriffen auf die Justiz und sehen die ideologischen und politischen Bündnisse zwischen der israelischen Regierung und populistischen Regimes auf der ganzen Welt. Obwohl einige meiner liberalen Freunde gegen den Beschluss des Bundestags sind, tun sie sich schwer, dies öffentlich zu äußern. Sie haben Angst, selbst als Antisemiten abgestempelt zu werden. Bei allem Verständnis für diese Bedenken fürchte ich aber, dass wir uns eine solche Reaktion nicht leisten können.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf den scharfsinnigen Artikel von Ilana Hammerman in Haaretz
vom 24.05.2019.

 
Prof. Amos Goldberg ist außerordentlicher Professor für Holocaustgeschichte an der Fakultät für Jüdische Geschichte und Judentum der Gegenwart an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
2017 hat er Trauma in First Person: Diary Writing during the Holocaust bei Indiana University Press veröffentlicht, und 2018 zusammen mit Bashir Basir The Holocaust and the Nakba bei Columbia University Press herausgegeben.
 

Aufruf von 240 Jüdischen und Israelischen Wissenschaftlern an die Bundesregierung zu BDS und Antisemitismus

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