Comet-ME ENERGIE DER GEMEINSCHAFT

Energie der Gemeinschaft
Comet-ME.

Im Westjordanland genießen 20 abgeschiedene palästinensische Dorfgemeinschaften Zugang zu Strom und Wasser, dank zwei israelischen Physikern und ihrer Firma Comet-ME. 

Im Winter 2013 hat ein ungewöhnlich heftiger Schneesturm den Nahen Osten und damit auch Israel heimgesucht. In den südlichen Hügeln um Hebron im Westjordanland saßen die Bewohner aller jüdischen Siedlungen und Außenposten, die ihren Strom von israelischen Kraftwerken beziehen, längere Zeit im Dunkeln. Dagegen war die Stromversorgung von 20 palästinensischen Dörfern, in denen die Menschen in Höhlen oder Zelten leben, ununterbrochen gewährleistet. Dort sind die Bewohner an Stromnetze angeschlossen, die Comet-ME (Community, Energy and Technology in the Middle East) errichtet hat. Die kleinen Netze, die Strom mit Hilfe erneuerbarer Energien durch Windräder und Solaranlagen gewinnen, hatten den Widrigkeiten des Wetters standgehalten. Das sprach nicht nur für die Standfestigkeit und Qualität der Netze, sondern war auch Ausdruck des erfolgreichen Agierens der Organisation.

Die Besatzung auf konstruktive, proaktive Weise bekämpfen

Comet-ME ist eine kleine, aufgeweckte Organisation mit einem Team von gerade einmal 11 Personen: 5 Israelis und 6 Palästinenser. Gegründet wurde sie von zwei israelischen Physikern, Noam Dotan und Elad Orian, zwei Aktivisten gegen die israelische Besatzung in den palästinensischen Gebieten. Sie haben sich zufällig in Hebron kennengelernt. „Meine Freunde fanden Noam merkwürdig. Deshalb sollte ich ihn auskundschaften“, erzählt Elad. „Als ich anfing, mich mit ihm zu unterhalten, wurde mir klar, dass er nicht nur sonderbar war, sondern auch noch Physiker“, lacht er. Die Verbindung, die die beiden spürten, wurde zu einem gemeinsamen Ziel: Sie wollen die israelische Besatzung auf konstruktive, proaktive Weise bekämpfen.

Elad und Noam haben sich zunächst mit den dringendsten Bedürfnissen der Dorfgemeinschaften in der Gegend befasst: Die Palästinenser leben hier oft in Höhlen und Zelten fern von jeglicher Infrastruktur, auch von der Versorgung mit Strom und sauberem Wasser. 2008 installierten Noam und Elad das erste Stromnetz, im September 2009 wurde Comet-ME als gemeinnütziges Unternehmen gegründet. Inzwischen versorgt es 1500 Menschen in 20 Dörfern mit Strom. 2013 wurde damit begonnen, ein Leitungsnetz zur Verteilung und Filterung des Regenwassers aufzubauen, das in den Sammelbecken von Großfamilien gestaut wird.  

Widerstandskraft und langfristige Perspektive verbessern 

Tagtäglich sieht sich die Organisation mit Problemen konfrontiert, die aus der israelischen Besatzungspolitik rühren. Die Gegend, in der Comet-ME aktiv ist, ist „C-Gebiet“. Zu „C“ werden 62 Prozent des Westjordanlands gezählt – der größte Teil davon ländliche Gebiete, die für die zukünftige Entwicklung des Palästinenserstaates zur Verfügung stehen sollen und aktuell unter israelischer ziviler und militärischer Verwaltung stehen. Die israelische Zivilverwaltung ist zuständig für die Belange aller Zivilisten in diesen besetzten Gebieten und laut internationalem Recht zur grundlegenden Versorgung der palästinensischen Bevölkerung verpflichtet. Während aber jüdische Siedlungen über Strom und fließendes Wasser verfügen, haben viele Palästinenser keinerlei Zugang zu solch grundlegenden Infrastrukturen. Wer hier lebt, befindet sich in einem ständigen Kampf um Rechte an einem Land, auf dem die eigene Familie bereits seit Generationen lebt und Landwirtschaft betreibt. Comet-ME ist bestrebt, die Lebensbedingungen dieser Menschen leichter zu gestalten und die Widerstandskraft und die langfristige Perspektive der hier ansässigen Gemeinden zu verbessern. Doch auch die kleine Organisation selbst hat mit den israelischen Behörden zu kämpfen, denn die Versorgungssysteme werden von offizieller Seite als illegal gebrandmarkt. So droht aktuell 16 von insgesamt 20 Einrichtungen der Abriss. Bisher konnte die Organisation eine solche Zerstörung mit rechtlichen Mitteln abwenden. 

Die palästinensische Bevölkerung der Region lebt vor allem von einfacher, in Handarbeit betriebener Landwirtschaft und Viehzucht. Die Menschen stellen Käse, Olivenöl und Honig her und verkaufen ihre Produkte in den nahegelegenen palästinensischen Städten Jaata und Hebron. „Der Anschluss an das Stromnetz hat vor allem den Frauen das Leben erleichtert, die ihre Wäsche nun mit der Maschine waschen können und die Butter nicht mehr stundenlang mit der Hand schlagen müssen. Während dieser harten Arbeit werden die schweren Buttertröge immer wieder geschleudert“, erklärt Elad.  

Eine gigantische Erleichterung

Das Hauptquartier von Comet-ME in den hügeligen Ausläufern südlich von Hebron mutet an wie eine kleine Oase inmitten einer trockenen Wüstenlandschaft. Die Beschäftigten arbeiten in einem kleinen Gebäude mit zwei Zimmern und einer Küche, umgeben von Pflanzen. Die eigentliche Attraktion befindet sich jedoch unterhalb des Gebäudes in zwei kühlen Höhlen, in denen Experimente stattfinden. Mit glänzenden Augen erzählt Elad von seiner Arbeit. Für ihn ist dies nicht nur ein soziales Projekt, sondern er genießt es richtiggehend, originelle Lösungen für technische Herausforderungen zu suchen und neue Ideen zu entwickeln, um das Leben der Dorfbevölkerung zu verbessern.

Auch im Nachbardorf installieren zwei Comet-ME-Mitarbeiter zum Zeitpunkt unseres Besuches gerade das System, das die Gemeinde erstmals mit sauberem fließendem Wasser versorgt. Das einfache System nutzt den überschüssigen Strom des lokalen Stromnetzes, um das Wasser aus den traditionellen Zisternen zu pumpen. Das Wasser wird gefiltert und zu den Wasserhähnen innerhalb der Behausungen und draußen befördert, wo es für die Pflanzen und als Trinkwasser für Menschen und Tiere genutzt wird – eine gigantische Erleichterung des Alltags der hier lebenden Menschen. Täglich werden Stunden harter körperlicher Arbeit eingespart, und die Qualität des Trinkwassers hat sich drastisch erhöht. Unter anderem hat das zu einem Rückgang bakterieller Erkrankungen geführt.  

Damit die Arbeit Bestand hat

„Die Arbeit hat auch Konsequenzen für die Gemeinschaftsbildung“, sagt Elad. „Eine gemeinschaftliche Verwaltung der Ressourcen kannten die Leute hier vorher nicht. Nun hat jede Ortschaft einen Repräsentanten, der für die Systeme verantwortlich und für den Kontakt zu Comet-ME zuständig ist. Diese Vertreter erhalten eine Grundausbildung, um zum Beispiel die Winkel der Solarpaneele je nach Jahreszeit neu ausrichten zu können oder die regelmäßige Neuaufladung der Batterien zu überprüfen“, erklärt Elad. „Entwicklungsprojekte werden sonst oft nur als technische Sache gesehen. Man kommt, stellt Apparaturen auf und geht wieder. Bei uns besteht ein Großteil der Arbeit darin, Vertrauen und langfristige Beziehungen mit den Gemeinden aufzubauen. Wir kümmern uns um den Betrieb, verbessern und warten das System, damit unsere Arbeit auch Bestand hat.“ 

Es gehört zu den Grundsätzen von Comet-ME, möglichst viele Materialien für den Aufbau der Infrastrukturen in Jaata und Hebron zu kaufen. Auch die Beschäftigten sind größtenteils Palästinenser aus der Umgebung – Ingenieure, Projektleiter und Techniker, die das Netz betreiben und reparieren können. Comet-ME hängt auch dem Open Source-Prinzip an. Das Know-how der Organisation ist Allgemeingut und für jeden überall auf der Welt frei zugänglich und nutzbar, genau wie die Organisation selbst auf Technologien zurückgegriffen hat, die andernorts entwickelt und ausprobiert wurden. Elad fasst den Geist des Projektes zusammen: „Wir sind in Palästina, und selbst wenn Israel morgen die Besatzung beenden würde, würden diese Ortschaften nicht sofort von der Palästinensischen Autonomiebehörde an das Strom- und Wasserversorgungsnetz angeschlossen werden. Es ist wichtig, dass diese Systeme Bestand haben und dass die Menschen hier sie weiterhin nutzen können.“