Yoram Loewensteins Performing Arts Studio Die Stärke der Bühne

In Hatikva, einem Viertel im Süden Tel Aviv, das als sozialer Brennpunkt gilt, arbeiten Jugendliche gemeinsam mit professionellen Theatermachern in Yoram Loewensteins Performing Arts Studio. Sie proben zusammen und bringen Stücke zur Aufführung. Dieses Projekt fördert nicht nur die Jugendlichen und Studierenden selbst, sondern hat auch einen positiven Einfluss auf deren Eltern und das Zusammenleben in Hatikva.

Die Szene erinnert an Fashion-Shows: Im schwarzen Anzug und mit einem Zylinder auf dem Kopf betritt der Zwölftklässler David Sianow die Bühne. Dort empfängt ihn das Publikum mit Applaus. Jede Geste, jede Bewegung seines Körpers wird mit Lachen und Pfeifen bedacht. In wenigen Minuten ist er zum Publikumsliebling geworden, selbst wenn er in der ersten Szene noch ein wenig schläfrig wirkt. Dann aber wird Davids großes schauspielerisches Talent offensichtlich. Er braucht nur eine Gelegenheit, eine Bühne.

„In den Proben ist es nicht anders gewesen. Auch da hat er eher verschlafen gewirkt. Aber sobald er auf der Bühne steht, passiert es. Da explodiert er“, erzählt Yair Mosel voller Stolz. Mosel unterrichtet David, der Teil einer sechsköpfigen Schauspieltruppe ist, schon seit zweieinhalb Jahren. Mosel hat Yoram Loewensteins Theater-Studio absolviert und arbeitet seit einiger Zeit für das Gemeindeprojekt im Hatikva-Viertel im Süden von Tel Aviv, das als sozialer Brennpunkt gilt.

King Lear im Problemviertel

Die Arbeit mit den Bewohnern des Viertels begann 1998. Damals hat Yoram LoewensteinsTheater-Studio King Lear im Hatikva aufgeführt. Bei jeder Aufführung haben sich Jugendliche aus der Nachbarschaft ins Theater geschlichen. „King Lear in einem sozialen Brennpunkt, da haben wir uns gewundert, wer wird sich schon für ein so elitäres Stück interessieren?“ erinnert sich Chalil Itzhak. Er ist heute der Leiter des Gesamtprojekts im Hatikva-Viertel. Das Studio hatte überhaupt nicht daran gedacht, sich für das Viertel zu öffnen. „Als die Jugendlichen ab der fünften Aufführung anfingen, den Schauspielern den Text zuzurufen, haben wir begriffen, dass das Stück sie keineswegs langweilt“, sagt Itzhak und ergänzt: „Wir sind mit offenen Armen aufgenommen worden. Kinder und Erwachsene waren neugierig.“ Dann hat die Stadtverwaltung Itzhak ein Gebäude im Hatikva-Viertel angeboten. Er dachte anfangs, er würde allein dort einziehen. „Aber dann habe ich das erstaunliche Potential des Viertels entdeckt. Unsere Schauspieler können von dem kulturellen und menschlichen Reichtum dieser Menschen nur profitieren“, sagt Itzhak. Heute bringt das Projekt gefährdeten Jugendlichen, Kindern von jüdischen Einwanderern, Kindern mit körperlichen oder seelischen Behinderungen oder Lernschwächen das Schauspiel bei. . Der Gründer des Studios Yoram Loewenstein möchte aber klarzustellen: „Wir sind keine Therapiegruppe sas ist oft das Image von Theatergruppen in sozialen Brennpunkten. Aber das ist nicht unser Anliegen. Wir unterrichten Schauspiel. Mit allem, was dazu gehört. Beim allerersten Treffen spielen die Jugendlichen oft diese Karte: ‚Mein Vater sitzt im Gefängnis. Meine Mutter ist.....‘, fangen sie an. Aber das interessiert uns nicht“, betont Loewenstein. „Macht mit, wenn ihr Lust habt. Wir zeigen euch, wie ihr eure eigene Geschichte erzählen könnt.“

Theaterprojekt: erste Anlaufstation bei Notfällen

Tatsächlich profitieren nicht nur die Projektteilnehmer aus dem Viertel, sondern auch das Studio und seine Studierenden. Im Laufe ihrer Ausbildung erfahren die Studierenden, die meist nicht aus dem Viertel stammen, von den ungewöhnlichen Lebensgeschichten der Jugendlichen. Das sensibilisiert sie für ihre spätere Arbeit bei Theater, Film und Fernsehen. Auch die Eltern die Projektteilnehmer profitieren von neuen Erfahrungen. „Über die Kinder erreiche ich die Eltern. Sie sehen sich die Stücke an, an denen ihre Kinder gearbeitet haben“, sagt Loewenstein. Die meisten Eltern würden nie in ein Repertoire-Theater im Zentrum der Stadt gehen. Das könnten sie sich finanziell gar nicht leisten. Unser Jahresabonnement kostet so viel wie zwei Eintrittskarten in etablierten Theatern.

Natürlich geht es aber auch nicht ohne Schwierigkeiten. In jeder Gruppe gibt es auch Abbrecher und, wie immer bei Gruppenarbeit, nicht wenige Probleme. Deshalb leistet das Studio weit mehr als nur Theaterarbeit: „Als eine unserer Teilnehmerinnen nach dem Kurs nach Hause ging, stand sie vor verschlossener Haustür. Ihre Mutter hatte morgens beim Aufstehen beschlossen, nach Haifa zu fahren. Ihrer Tochter hatte sie nichts davon erzählt und auch keine Nachricht hinterlassen. Ohne Kleidung und Essen war das Mädchen plötzlich auf sich selbst gestellt“, erzählt Chalil. „Situationen wie diese brauchen sofort Antworten. Wir können sie nicht lösen, aber wir springen erst einmal ein und helfen, bis sich das Sozialamt einschaltet“, ergänzt Chalil“ Für ihn ist es erstaunlich, wie sehr sich die Kinder verändern: „Vom ersten Treffen, bei dem sie einem kaum in die Augen sehen, bis zum Bühnenstar. Viele der Jugendlichen haben schwere Verhaltensstörungen und schlagen sich mit echten Problemen herum. Anfangs reiße ich sie mit. Am Ende des Prozesses sind sie selbst Leader.“