Texte für die Zukunft Sigmund Freud|Arnold Zweig: Briefwechsel 1927-1939
(Ernst L. Freud)

Briefwechsel 1927-1939 zwischen Sigmund Freud und Arnold Zweig
© Resling Verlag

„Außer Religion, religiösem Fanatismus und dem obstrusen Versuch, die äußere Form der Welt mit inneren Wunschvorstellungen zu verändern, hat Palästina nichts hervorgebracht. Wir stammen ursprünglich von dort (obgleich sich einer von uns auch als Deutscher sieht, während der andere dies nicht tut), unsere Vorfahren haben dort ein halbes Jahrtausend, vielleicht sogar ein volles Jahrtausend gelebt (selbst das ist bloße Vermutung). Trotzdem können wir auf keine einzige Sache verweisen, die in unserem Blut fließt, die in unseren Knochen steckt (wie fälschlicherweise behauptet wird), was auf eine Art Vermächtnis des einstigen Lebens in diesem Lande deuten würde. Ach, das Leben wäre so viel interessanter, wenn wir mehr darüber wüßten, wenn wir all das besser verstünden. Und doch sind wir uns unserer Gefühle nur immer in einem bestimmten Moment sicher!“
Auszug aus Freuds Brief an Arnold Zweig vom 8. Mai 1932
 
Die Korrespondenz zwischen Sigmund Freud und Arnold Zweig erzählt eine Geschichte der Sehnsucht nach besseren Zeiten. Der Schriftsteller Arnold Zweig muss Nazi-Deutschland,  Sigmund Freud Wien verlassen. Zweig verschlägt es nach Palästina, Freud lebt im Londoner Exil. Beide sehnen sie sich nach ihrem einstigen Zuhause. Der Briefwechsel zwischen Freud und Zweig zeigt nicht nur die Gedanken, die die beiden damals bewegten, sondern auch ihre innere Zerrissenheit und Ambivalenz in Bezug auf den Zionismus. Zweig glaubt an die Möglichkeit eines binationalen Staates, in dem Juden und Araber zusammenleben. Dann zermürben Terror und kriegerische Auseinandersetzungen seine Nerven. Zweig verfällt in Depressionen. Nur Freuds Theorie könne erklären, was in diesem Teil der Welt passiere, meint Zweig. Freud reagiert mit einem Verweis auf die Vergangenheit, die Juden unzureichend auf einen eigenen Staat vorbereitet hat.
Zweig weiß genau, wann er den Kontakt zu Europa verloren hat. Das war, als er die letzte Zigarre geraucht hat, die er von Drüben mitgebracht hat. Diese Geschichte erinnert Tom Segev, der die Einleitung zu diesem Buch verfaßt hat, an den eigenen Großvater. „Zweigs Verhalten läßt sich eventuell nur mit Freuds Theorien erklären“, schreibt Segev. „Zweig ist nach dem Krieg nach Ostdeutschland emigriert. Dort hat ihm die kommunistische Diktatur Türen und Tore geöffnet. Endlich war er ein kultureller Held. Heute nimmt ein geeintes, freies Berlin Tausende Israelis, die sich dort niederlassen wollen, wieder mit offenen Armen auf. Viele dieser Israelis, vielleicht die Mehrheit, sind gebürtige Israelis. Arnold Zweig und mein Großvater würden sie gut verstehen.“