Filmreihe: Die Kunst der Utopie

Hinter dem modernen Fortschritt steht der Wunsch nach einem besseren Leben für alle. In Folge der Industralisierung und den damit verbundenen Veränderungen der Arbeitswelt brachte das 20. Jahrhundert schließlich den Wettstreit zweier Gesellschaftssysteme hervor, die jeweils für sich den richtigen Weg zu mehr Freiheit und Wohlstand reklamierten. So wurde nach dem Zusammenbruch des Sozialismus vom Ende der Geschichte geredet. Angesichts der Effekte des globalen Kapitalismus, des aktuellen Anstiegs von Prekarität, Ungleichheit und Polarisierung auch in den Industrieländern sowie von Krieg als Mittel der Politik ist der Konflikt um gesellschaftliche Erneuerung längst zurück gekehrt bzw. war nie beendet. Die Utopien der Gegenwart scheinen dabei weniger auf einen weltumfassenden Umbruch, sondern vielmehr auf lokale Bewegungen und Initiativen zu zielen.

Die von Florian Wüst kuratierte Filmreihe, die die Plakatausstellung Die Kunst der Utopie des Goethe-Instituts Israel begleitet, zeigt eine Auswahl von Filmen, die die Herausforderungen eines utopischen Denkens und Handelns auf unterschiedlichen Ebenen dokumentieren und reflektieren. Immer wieder sind es Einzelne oder Gruppen, die den Gegebenheiten kritisch auf den Grund gehen und radikale Ideen versuchen umzusetzen:

In Texas Kabul begibt sich Helga Reidemeister auf eine Reise zu vier Frauen an verschiedenen Orten der Welt, die sich gegen Krieg engagieren.

David Bernets Democracy – Im Rausch der Daten verschafft Einblicke in den langwierigen Verhandlungsprozess der im Frühjahr 2016 verabschiedeten Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union.

In Next Stop: Utopia von Apostolos Karakasis geht es um eine von den Arbeitern besetzte und selbstverwaltete Fabrik in Thessaloniki.

In Wild Plants porträtiert Nicolas Humbert Menschen, die den Komfort der Konsumgesellschaft hinter sich lassen und ein neues Verhältnis zur Natur leben.

Marita Neher und Tatjana Turanskyj thematisieren mit ihrem dokumentarischen Spielfilm Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen das Grenzregime der europäischen Migrations- und Sicherheitspolitik.

Christian Tods Free Lunch Society bezieht Stellung zum Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens.

Kurzfilmprogramm: White Flag, Black Square

Kurator: Florian Wüst

Die Kunst kann und muss über das Gegebene hinausdenken, soll sie der Gesellschaft ermöglichen, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Ob radikal subjektiv, nach Verborgenem forschend oder visionär in die Zukunft schauend: Kunst macht über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg Zusammenhänge sichtbar, die oft nicht vorstellbar erscheinen. Diese Macht und Freiheit der Kunst reflektiert das Kurzfilmprogramm White Flag, Black Square, dessen Filme mit Mitteln der Fiktion, des Essays und der Intervention im öffentlichen Raum die politische Auseinandersetzung in einer Welt vermehrter innerer und äußerer Kriege suchen.

The Right
The Right_Assaf Gruber

The Right, Assaf Gruber, DE 2015, 12'
Eine 73-jährige Museumswärterin aus der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden schreibt einen Brief an den Direktor des Muzeum Sztuki in Łódź, in dem sie um eine Position als Aufseherin bittet. Der Grund für ihren Wunsch, ins Łódźer Museum zu wechseln, ist – neben ihren Erlebnissen als deutsch-polnischer Flüchtling im 2. Weltkrieg – die dortige Sammlung der avantgardistischen Werke der a.r.-Gruppe aus den 1930er Jahren, für die sie eine ungleich größere Wertschätzung aufbringt als für die alten Meister im Caravaggisten-Saal in Dresden, in dem sie derzeit ihren Dienst tut. The Right ist der vierte Teil einer Serie von Kurzspielfilmen mit dem Titel The Anonymity of the Night.

 
Transmission from the Liberated Zones
Transmission from the Liberated Zones_Filipa César

Transmission from the Liberated Zones, Filipa César, DE/SE/PT/FR 2015, 30'
Während des gegen die Kolonialherrschaft Portugals gerichteten Unabhängigkeitskrieges in Guinea gelang es den Guerillakämpfern der PAIGC (Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo Verde), große Gebiete des Landes zu kontrollieren. Aus den Reihen der westlichen Länder erhielt die PAIGC die meiste nichtmilitärische Unterstützung von Schweden. Filipa César führte Interviews mit dem UN-Diplomaten Folke Löfgren, dem Filmemacher Lennart Malmer, der Filmemacherin und Psychologin Ingela Romare und der Politikerin Birgitta Dahl, die die sogenannten befreiten Gebiete in den frühen 1970er Jahren besuchten. Ihre Erinnerungen sowie diverse Dokumente dieser Zeit werden in Transmission from the Liberated Zones von einem Jungen aufgegriffen und mit seinen eigenen Migrationserfahrungen und gegenwärtigen Freiheitskämpfen in Beziehung gebracht.

 
Symbolic Threats
Symbolic Threats_Mischa Leinkauf, Lutz Henke, Matthias Wermke,


Symbolic Threats, Mischa Leinkauf, Lutz Henke, Matthias Wermke, DE 2015, 15'
In der Nacht zum 22. Juli 2014 hissen Mischa Leinkauf und Matthias Wermke auf der Brooklyn Bridge in New York City zwei in weiß getünchte amerikanische Flaggen. Poesie oder Bedrohung? Darüber rätselte New York im letzten Sommer. Am Beispiel der extrem hitzigen Mediendebatte über die zwei Flaggen, die plötzlich auf den Türmen der Brücke auftauchten, fragt Symbolic Threats, welchen gesellschaftlichen Handlungsspielraum Kunst heute hat. Was passiert, wenn die bedrohte Freiheit ihr das Element der Gefahr zurückgibt? Wer oder was macht sie zu einer Bedrohung? Are we safe in the city? What’s next?

 
DisobedientChildren
Disobedient Children_Dorine van Meel


Disobedient Children, Dorine van Meel, DE 2016, 17'
Die fragmentarisch erzählten Narrative und multiplen Projektionen in Disobedient Children erzeugen eine abstrakte Landschaft, die die Notwendigkeit einer neuen sozialen Vorstellungswelt postuliert. Wie können Identitäten anders hergestellt werden? Wie lassen sich weit verbreitete Ideologien und Denkmuster in einer vermehrt neoliberalen Gesellschaft aufbrechen? Die visuelle Sprache des Films – die 3D-generierten Raster und Muster, der Gebrauch digitaler Glitches – kann stellvertretend für eine unbekannte Zukunft betrachtet werden: als etwas, das nicht sichtbar ist, aber dessen Umrisse bereits erkennbar sind.