Gedächtnisforschung „Digitale Medien sind ein Segen“

Emrah Düzel
Emrah Düzel | Foto (Ausschnitt): © OVGU

Funktioniert unser Gedächtnis schlechter, seit wir uns auf Smartphones verlassen? Sind wir gar von „digitaler Demenz“ bedroht? Im Gegenteil, sagt Gedächtnisforscher Emrah Düzel.

Herr Düzel, unter dem Titel „Digitale Demenz“ hat der Autor Manfred Spitzer in Deutschland einen Bestseller gelandet. Was sagen Sie als Demenzforscher zu dem Ausdruck?

Ich finde es sehr problematisch, mit dem Begriff Demenz so leichtfertig umzugehen. Demenz ist eine schlimme fortschreitende Erkrankung, die sich im Moment nicht therapeutisch behandeln lässt. Es ist Effekthascherei, den Begriff im Zusammenhang mit digitalen Medien zu benutzen. Von Demenz kann dabei überhaupt keine Rede sein.

Trotzdem haben viele Menschen das Gefühl, dass ihre Gedächtnisleistung nachlässt, seit sie sich ständig auf das Internet verlassen. Während viele Ältere zum Beispiel Adressen, Gedichte und Hauptstädte auswendig aufsagen können, scheitern Jüngere schon daran, sich ihre eigene Handynummer zu merken.

Wir vergleichen in unserer Forschung das Gedächtnis von älteren mit dem Gedächtnis von jungen Probanden – und es ist immer noch so und hat sich nicht geändert, dass junge Menschen sich Dinge besser merken können als ältere. Ich habe in den letzten zehn Jahren auch keinen negativen Trend bei Jugendlichen festgestellt. Außerdem müssen sich Jugendliche auch heute noch viel einprägen. Es hilft ihnen nicht, wenn Informationen auf dem Smartphone abrufbar sind. In Prüfungssituationen müssen sie sie frei reproduzieren können.

„Wir kommen um das Lernen nicht herum“

Unser Gedächtnis ist also weiterhin gefragt – es reicht nicht zu wissen, wo etwas steht oder wie man Fakten schnell recherchieren kann?

Das fängt schon mit Fremdsprachen an. Wenn Sie die ganze Zeit auf ein Gerät gucken, ist keine Unterhaltung möglich. Das gleiche gilt für die meisten Berufe: Sie können weder als Arzt noch als Mechaniker arbeiten, wenn Sie das Wissen nicht parat haben. Das hängt damit zusammen, dass man Schlussfolgerungen nur aus Informationen ziehen kann, die im Gehirn gespeichert sind. Deshalb werden wir um das Lernen auch zukünftig nicht herum kommen.

Also schadet das digitale Zeitalter dem Gedächtnis bislang nicht?

Im Gegenteil, digitale Medien sind ein Segen – gerade im Hinblick auf Demenzen und die alternde Bevölkerung. Sie eröffnen uns neue Möglichkeiten, Kognition zu trainieren. Außerdem können wir die kognitive Leistungsfähigkeit besser erfassen und über längere Zeit verfolgen. So erkennen wir früh Risikoprofile.

Angeblich lässt sich das Gedächtnis mit Computerspielen oder Apps gezielt trainieren – ähnlich wie ein Muskel. Stimmt das?

Neurone werden dabei unter Umständen durchaus größer. In bestimmen Hirnregionen können zudem ein Leben lang neue Neurone entstehen, insofern macht der Vergleich mit einem Muskel Sinn. Die Frage ist allerdings, inwieweit das Training allgemein nützlich ist. Nehmen wir an, Sie trainieren die ganze Zeit Ihren Bizeps. Und dann sollen Sie Tennis spielen. Sie haben nun zwar einen starken Bizeps und können eine bestimmte Bewegung damit sehr kräftig durchführen – aber das bedeutet nicht, dass Sie gut Tennis spielen können. So ähnlich ist es mit kognitivem Training.

Entdecker mit gutem Gedächtnis

Das heißt, die Apps trainieren eine bestimmte Fertigkeit, aber ob das in anderen Zusammenhängen nützt, ist fraglich?

Wir erforschen gerade, ob es Schlüsselfunktionen gibt, die von vielen verschiedenen kognitiven Prozessen genutzt werden und die, wenn sie trainiert werden, allgemein wirksame Effekte entfalten. Doch das einzige, was man bisher zeigen konnte, ist der Zusammenhang zwischen Gedächtnis und Fitness. Bewegung löst bestimmte Prozesse im Gehirn aus. Wenn die Bewegung mit körperlicher Anstrengung gekoppelt wird, werden zusätzlich biochemische Prozesse in Gang gesetzt, die die Gehirnplastizität verbessern.

Was empfehlen Sie Menschen, die ihrem Gedächtnis Gutes tun wollen?

Was ich sofort empfehlen kann, ist ein explorativer Lebensstil, bei dem man physisch und mental seine Umgebung erforscht. Man besucht ein neues Land und koppelt das mit körperlicher Aktivität. Man besteigt ein Gebirge oder läuft durch eine unbekannte Stadt. Das ist das, wozu wir geschaffen sind. Wir waren Jäger und Sammler und mussten uns Nahrungsquellen erschließen, indem wir die Welt um uns herum erkunden. Wenn wir das tun, laufen unser motivationales System und unsere Leistungsfähigkeit auf Hochtouren.

Bergbesteigungen und Wanderungen wirken sich nachweislich auf unsere Gedächtnisleistung aus?

Wenn wir Neues erfahren und körperlich aktiv sind, werden in bestimmten Hirnregionen neue Nervenzellen generiert, die in existierende Netzwerke eingebunden werden. Damit wird die Genauigkeit im Gedächtnis verbessert.

Um auf die digitalen Medien zurückzukommen: Wir sollten die Welt also nicht nur per Bildschirm erforschen, sondern eigenhändig und eigenfüßig – aber das Smartphone darf trotzdem dabei sein?

Absolut. Ich sehe auch nicht, dass wir dazu neigen, durch das Internet weniger explorativ zu sein. Im Gegenteil: Dadurch, dass wir heute sehr viele Informationen über andere Orte bekommen, sind wir mobiler geworden.
 

Emrah Düzel ist Direktor des Instituts für kognitive Neurologie und Demenzforschung am Universitätsklinikum Magdeburg. Der Professor für kognitive Neurowissenschaften leitet zudem die Arbeitsgruppe „Klinische Neurophysiologie und Gedächntis“ am Institute of Cognitive Neuroscience, University College London.