Domestic Worker Nicht mal eine Tasse Tee

Domestic Workers
Domestic Workers | © Martin Jahrfeld

Wer in Indien als Putzfrau arbeitet, muss einiges aushalten. Die Löhne sind niedrig und Arbeitnehmerrechte weitgehend unbekannt. Doch die Frauen einer Gewerkschaft in Mumbai wissen sich zu wehren.

Die meisten Frauen, die in einer Stadt wie Mumbai einer Beschäftigung nachgehen, trifft man beim Putzen, Kochen oder Einkaufen. Der Bedarf an Haushaltshilfen in der indischen Wirtschaftsmetropole ist riesig – umso mehr auf einem Arbeitsmarkt, auf dem der Lohn zumeist niedrig, der Wettbewerb durch die stete Zuwanderung in die Stadt aber umso größer ist.

Viele Frauen, die in den Haushalten der Mittel- und Oberschicht arbeiten, sehen sich mit Ausbeutung, Niedriglöhnen und Diskriminierung konfrontiert. Doch insbesondere für die aus ländlichen Regionen zugewanderten Frauen steht „domestic work“ häufig am Anfang eines, wenn auch bescheidenen wirtschaftlichen Aufstiegs. Erst ein eigenes Einkommen in der Stadt garantiert diesen Arbeiterinnen eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz, die ihnen im traditionellen Indien ihrer Herkunftsdörfer meist verwehrt bleibt.

Respekt und bescheidener wirtschaftlicher Aufstieg

„Ich komme aus einer sehr armen Familie, aber die Arbeit als Haushaltshilfe hat mir sehr geholfen. Nicht nur wegen des Geldes. Ich habe auch gemerkt, dass man sich dadurch bei Anderen mehr Respekt verschafft. Sogar meine Schwiegereltern haben mich irgendwann akzeptiert“, sagt Fatima, eine 37jährige Muslima aus dem Viertel Dharavi, die viele Jahre in der Stadt als Putzfrau gearbeitet hat, heute aber im Hauptberuf für die Organisation LEARN (Labour Education and Research Network) tätig ist.

Die Nicht-Regierungsorganisation und Gewerkschaft mit Hauptquartier in Mumbai mobilisiert Arbeiter und Arbeiterinnen des informellen Sektors in den Großstadtslums des Bundesstaates Maharashtra. Ihre Zielgruppen sind Putzfrauen, Heimarbeiterinnen und Arbeiterinnen in kleinen Fabriken, aber auch Straßenhändler und Lumpensammler. Fatima und ihre Kolleginnen gehören zu den aktivsten Mitgliedern der Organisation.

Selbstvertrauen stärken

Die gemeinschaftliche Gewerkschaftsarbeit ist für viele Frauen eine gute Möglichkeit, eigenes Selbstvertrauen zu entwickeln und sich gegen ungerechte Behandlung zur Wehr zu setzen: „Manche glauben, dass wir schwach sind und nicht den Mut haben uns zu wehren, weil wir vom Land kommen und die meisten von uns weder lesen noch schreiben können. Ich habe früher auch nicht den Mund aufbekommen, aber das hat sich geändert. Mit den Jahren habe ich es gelernt. Zuerst nur bei Kleinigkeiten, mit der Zeit aber auch bei wichtigeren Angelegenheiten.“ , sagt Sheela, eine 43jährige Frau, die seit vielen Jahren in der Gewerkschaft aktiv ist und in Mumbais größtem Slum Dharavi regelmäßig von Tür zu Tür geht, um neue Mitglieder zu werben.

Dass dieses Selbstbewusstsein in ihrem Beruf bitter nötig ist, steht für die Mutter zweier Töchter außer Zweifel: „Wir Haushaltshilfen bekommen selten den Respekt, den wir verdienen. Oft werden wir angebrüllt. Manche Arbeitgeber gönnen uns nicht mal eine Tasse Tee. Aber es gibt auch Familien, die haben für uns besondere Tassen, die sie selbst nie anrühren würden. Das ist eigentlich noch kränkender als gar kein Tee. Ich kenne auch Frauen, die um ihr Geld betrogen werden“, berichtet sie.

Lautstarker Protest

Wenn ein Lohn nicht gezahlt wird, schreiten die Mitglieder der Gewerkschaft mitunter direkt zur Tat. Dann ziehen sie vor das Haus des säumigen Arbeitgebers um ihn lautstark an die ausstehenden Forderungen zu erinnern – eine Strategie, die die Betroffenen der Scham aussetzt und deshalb meist erfolgreich ist. Doch eine Aktivistin wie Saaeda geht noch weiter: „Neulich gab es hier eine Frau, die von der Polizei verhaftet worden war, weil sie beim Putzen angeblich 2000 Rupien gestohlen hatte. Doch auch nachdem klar geworden war, dass die Vorwürfe nicht stimmten, wollten sie die Frau nicht gehen lassen. Ich bin zur Wache gegangen und habe den Polizisten gesagt, sie sollen die Frau endlich freilassen. Sie haben versucht mich hinzuhalten und wegzuschicken, aber ich habe mich nicht wegschicken lassen. Schließlich haben sie die Frau wieder frei gelassen.“

Kulturelle und religiöse Vorurteile

Jenseits solcher Vorfälle erleben viele „domestic worker“ im multiethnischen Mumbai jedoch auch Diskriminierungen aufgrund von kulturellen und religiösen Vorurteilen. Arbeitgeber aus Brahmanen-Familien etwa fürchten sich bisweilen vor Frauen, die ihre Periode haben – und schicken sie dann lieber nach Hause. Arbeitgeber mit hinduistischem oder christlichem Hintergrund wollen mitunter keine Muslima einstellen, weil sie sich vor Terrorismus ängstigen. Allerdings existieren auch Vorbehalte in die Gegenrichtung: Manche muslimische Frauen arbeiten ungern in einem christlichen Haushalt, weil sie fürchten, dass sich Schweinefleisch im Kühlschrank befinden könnte.

Putzfrauen wie die 52jährige Saaeda haben gelernt mit solchen Empfindlichkeiten zu leben: „Einige Leute wollten mich nicht einstellen, weil ich Muslima bin, aber über die kann ich nichts sagen. Ich weiß nicht, ob sie gute oder schlechte Menschen sind. Ich habe ja nicht für sie gearbeitet. Als sie mir gesagt haben, dass sie keine Muaslima einstellen wollen, habe ich nur geantwortet: „Okay Madame, dann ist das eben so. Ich kann ja wegen Ihnen nicht meine Religion ändern.“