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Geschlechterrollen und Gewaltdarstellung
Applaus für den Schläger

Kabir Singh läuft bestens - sowohl in Einzelkinos als auch in Multiplexen.
Kabir Singh läuft bestens - sowohl in Einzelkinos als auch in Multiplexen. | © The Economic Times

Ein junger Arzt und seine Exzesse begeistern Indiens Kinogänger. Das Bollywood-Drama Kabir Singh ist der bisher erfolgreichste Film des Jahres. Doch viele Kritiker*innen zeigen sich entsetzt.

Von Martin Jahrfeld

Kabir Singh ist kein Mann, mit dem man gern Streit hätte. Seine ständigen Gewaltausbrüche und sein übersteigertes Selbstbewusstsein führen den jungen Arzt und seine Umgebung immer wieder an schwer erträgliche Grenzen. Bei einem Fußballspiel prügelt er einen Gegenspieler fast zu Tode, einem vermeintlichen Nebenbuhler, der seiner Angebeteten zu nahe kommt, zerschlägt er das Gesicht. Selbst seine Haushälterin muss wegen eines zerbrochenen Glases die Flucht ergreifen, um seinen Fäusten zu entkommen. Keine Frage: Der Mann hat ein schlimmes Aggressionsproblem. Im wirklichen Leben würde man ihm dringend den Gang zum Therapeuten anraten.

Bollywoods derzeit erfolgreichstes Melodram um den hitzköpfigen Chirurgen Kabir Singh, der nach einer unglücklich verlaufenden Liebesbeziehung in Selbstzerstörung und Drogenmissbrauch abgleitet, die Geliebte am Ende jedoch zurück gewinnt und zum verantwortungsvollen Familienvater reift, hat in Indien eine erbitterte Debatte um Geschlechterrollen und Gewaltdarstellung ausgelöst. Der allein auf die aggressive, aber charismatische Hauptfigur zugeschnittene Film sei ein erfrischender Kontrast zu herkömmlichen Liebesdramen, lobte ein Teil der Kritik. Eine unkonventionelle, temporeich erzählte Handlung und die mitreißende Darstellung von Hauptdarsteller Shahid Kapoor würden die Zuschauerinnen und Zuschauer fast drei Stunden in Atem halten. Beim größeren Teil des Fachpublikums läuteten jedoch die Alarmglocken: Die Produktion von Regisseur Sandeep Vanga würde Gewalt verharmlosen und männliches Dominanz-Verhalten verherrlichen. Die Liebesbeziehung zwischen dem egomanischen Kabir und der sanftmütigen Medizinstudentin Priti (Kiara Advani), die sich ihrem Verehrer widerstandslos hingibt, sei Ausdruck eines überkommenen, auf Gewalt und Unterdrückung basierenden Geschlechterverhältnisses. Einige Zuschauerinnen berichteten nach dem Kinobesuch von körperlichem Unbehagen, weil die Prügelszenen des Films von den Männern im Saal mit Jubel und Beifall bedacht worden waren.

Angesichts der vielfältigen Gewalt, die Frauen im indischen Alltag noch immer erleben, erscheinen solche Angstgefühle nicht unbegründet. Dass Frauen sich im öffentlichen Raum selten sicher fühlen können und gegenüber Ehemännern, Eltern und Schwiegereltern vielfältige Anpassungsleistungen erbringen müssen, ist Ausdruck einer patriarchalen Kultur, die längst auch in vielen Bollywood-Filmen in Frage gestellt wird. Kabir Singh wirkt vor diesem Hintergrund wie der Rückfall in eine repressive Tradition, die nicht nur Indiens Feministinnen, sondern auch Teile der jungen Generation lieber heute als morgen hinter sich lassen wollen. Der Kassenerfolg des Films entmutigt jene, die sich in Indien auf vielen Ebenen für Gleichberechtigung und neue Geschlechterrollen engagieren. Die Identifikation mit durchsetzungsstarken, rücksichtslosen Männerfiguren und passiven, hingebungsvollen Frauenbildern ist unter den Kinogängern des Landes offenbar immer noch groß. „Bollywoods frauenfeindlichster Film seit langem. Eine widerliche Verherrlichung übersteigerter Männlichkeit“, urteilte die Hindustan Times ernüchtert.

Regisseur Sandeep Vanga, der Kabir Singh als Remake inszenierte, kann die Kontroversen um den Film hingegen nicht nachvollziehen. Die brutalen Exzesse seines Hauptdarstellers sowie dessen zeitweilige Alkohol- und Drogensucht seien keine Verherrlichung solcher Charaktereigenschaften, antwortete der Regisseur seinen Kritikern. Gewaltausbrüche und Drogenmissbrauch, so der Filmemacher, seien vielmehr Ausdruck eines komplexen Charakters, der sich in leidenschaftlicher Sehnsucht nach einer geliebten Frau verzehre. Männliche Gewalt hat für den Regisseur offenbar keine politische oder psychologische Dimension, sondern gilt als etwas Allgemein-Menschliches, das sich, so bekannte er in einem Interview, in einer Liebesbeziehung auch mal im Rahmen gegenseitiger Ohrfeigen Bahn brechen dürfe.

Bei einem derart simplifizierenden Verständnis von Gewalt darf man auch auf der Leinwand nichts allzu Reflektiertes zum Thema erwarten. Die sich durch den gesamten Film ziehenden Gewaltausbrüche des Protagonisten bleiben im Verlauf der Filmhandlung psychologisch ebenso voraussetzungs- wie sozial folgenlos. Warum der beliebte, gutaussehende und erfolgreiche Arzt überhaupt soviel Wut in sich trägt, erscheint ebenso rätselhaft wie die Frage, warum sich niemand seinen egomanischen Bedürfnissen in den Weg stellt. Seine ebenso wohlhabenden wie gutmütigen  Eltern bleiben ebenso an seiner Seite wie seine treu-ergebenen Freunde, die ihn zwar zu bremsen versuchen, sich jedoch nie von ihm abwenden. Derart unverdiente Zuneigung erfahren im wirklichen Leben allenfalls Diktatoren.

Und so vermittelt Kabir Singh nach knapp 180 temporeichen Minuten das Bild einer indischen Oberschicht, in der Rücksichtslosigkeit und Egoismus alles, Mitgefühl und Interessenausgleich aber so gut wie nichts gelten: The winner takes it all.  Für alle, die ein anderes Indien wollen, bleibt noch viel zu tun.      

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