Tanz und Fussball Leidenschaft im Bein

Weltmeisterschaft in Brasilien 2014
Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 | Foto (Ausschnitt): picture alliance | Augenklick/firo Sportphoto

Ob in der Arena oder auf der Bühne – der Applaus ist beiden gewiss. Fußball und Tanz bieten großes Theater und haben mehr Gemeinsamkeiten, als man vermuten würde.

Fußballer dribbeln mit dem Ball auf der Schuhspitze durch die Reihen der Gegner. Ballerinen trippeln auf Spitze durch die Reihen des Corps de Ballet in La Sylphide oder Giselle. Aber „Mannschaften und klassische Ballettkompanien können nur gut sein, wenn der Teamgeist stimmt“, beobachtet Marcia Haydée. Gleichwohl leben diese Teams auch durch ihre Stars. Die brasilianische Tänzerin und Ballettdirektorin erinnert an Pelé und Franz Beckenbauer als „Fußballer mit der Seele eines Tänzers“. Undenkbar wäre der Weltruhm des Stuttgarter Balletts ohne Marcia Haydée und Richard Cragun oder Londons Royal Ballet ohne Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew.

Kunst ist in die Wiege gelegt

Die Leidenschaft für ihren Beruf eint Fußballer und Tänzer ebenso wie die physischen Anforderungen als verletzungsgefährdete Hochleistungssportler mit kurzer Karriere. Was aber macht temporeiche, muskelprotzige Athleten zu Körperkünstlern? „Das ist in die Wiege gelegt!“, so die Überzeugung von Antoinette Laurent, Ballettmeisterin in der Kompanie von Martin Schläpfer an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Wunderkinder wie Mario Götze vom Fußballverein FC Bayern München verzaubern durch das quicke Tänzeln mit dem Ball. Paul Calderone vom Düsseldorfer Ballett am Rhein verströmt in Zeitlupenposen einen Hauch der überirdischen Aura Nurejews. Die Eleganz und Power eines Cristiano Ronaldo, Lionel Messi oder Neymar ist vergleichbar mit der technischen Brillanz und Ausstrahlung einer Marlúcia do Amaral vom Ballett am Rhein oder einer Louise Lecavalier. Die Franko-Kanadierin wirbelt noch heute mit stupendem Tempo über den Tanzboden. Ihre Choreografie So Blue, mit der die 1958 geborene Tänzerin gerade durch die Welt reist, beginnt mit einer Übung, wie man sie vom Fußballer-Training kennt: Der schnelle Wechsel der Füße aus der Drehung der Hüfte entlang des Spielfeldrandes trainiert Gleichgewicht und Gelenkigkeit. Lecavalier gleitet so leichtfüßig über die Bühne wie die Finger des Pianisten Lang Lang über die Klaviertastatur bei einer Chopin-Kaskade.
 

Trotz des täglichen, geradezu militärischen Drills auf dem Platz wie im Ballettsaal überwiegen die Unterschiede der beiden Disziplinen. „Fußball denkt im sportiven Wettkampf und schafft Emotionen durch die Begeisterung der Massen“, beobachtet Tobias Ehinger, Manager des Ballett Dortmund. „Tanz dagegen ist Kunst, die das Publikum berühren will“. Die Kunst im Fußball zeige sich, schiebt Ehinger nach, in Kreativität und Ballgefühl. Der Ex-Tänzer ist Mitglied der Theaterfußballmannschaft, die es heute an vielen deutschen Theatern gibt.

Millionäre und arme Schlucker

Professionelle Fußballer sind Unternehmer mit Millionengehältern und bis zu 80.000 singenden oder grölenden Fans. Wenn die sich, Fahnen schwenkend und in den Vereinsfarben gruppiert, im perfekten Rhythmus von den Sitzen zur La-Ola-Welle erheben, schwärmen Fernseh-Reporter: „Was für eine fantastische Choreografie!“

Wie arme Schlucker fühlen sich dagegen viele schlecht bezahlte Tänzer. Oft kommt Neid auf. „Wir sollten uns das viele Geld und die Zuschauer teilen“, meint die amerikanische Pirouettenkönigin Joyce Cuoco, die bis zum Sommer 2014 Direktorin der Ballettschule an der Düsseldorfer Oper am Rhein war. In jedem Fall brauche der Bühnentanz viel mehr Werbung, wünscht sich der Brasilianer Ricardo Fernando, Ballettdirektor am Theater Hagen. In seiner neuen Choreografie schwebt zu Darius Milhauds Saudades do Brazilein gelb-schwarzer Ballon mit dem Logo des Vereins Borussia Dortmund (BVB) voller Fußbälle über Bildern von Rio de Janeiro.

Der Neid von Tobias Ehinger hält sich jedoch in Grenzen. „Fußball funktioniert nach anderen Gesetzen. Ehrlich gesagt glaube ich sogar, dass eine ähnliche Situation im Tanz der Tod der kreativen Kunst wäre“. Immerhin ist der Fußballclub Werder Bremen seit Jahren Kooperationspartner des lokalen Theaters. Der Verein Schalke 04 feierte sein 100-jähriges Bestehen mit einem Musical in Gelsenkirchens Musiktheater im Revier. Dortmunds BVB zog 2009 mit einer Revue nach, in der eine Hip-Hop-Gruppe begeisterte. Hip-Hopper stehen mit ihren Battles dem Geist des Fußball-Wettkampfs nah. Zur Battle of the Year reisen jedes Jahr Hip-Hop-Tänzer aus aller Welt nach Braunschweig.
 

Überhaupt sind Fußball und Tanz international. So tanzen im Bayerischen Staatsballett beispielsweise zehn Brasilianerinnen. Beim FC Bayern München kicken drei Brasilianer, darunter der für sein Temperament bekannte Dante. Für den Sportler gilt: Keine Meisterfeier ohne Samba! Der spanische Trainer Pep Guardiola ließ in München mit einem Schuhplattler in Lederhosen auf dem Tisch seiner Freude über den Gewinn des Doubles 2014 freien Lauf.

Mit Bewegung bewegen

Während sich der Fußball mit einem begrenzten Repertoire an Bewegungen begnügt, reicht das Bewegungsspektrum heute nicht nur im Tanztheater weit über den Kanon des akademischen Balletts hinaus. Von Alltagsbewegungen wie Gehen und Purzelbaum schlagen bietet auch Ballett alles bis zu höchster Akrobatik. So wird der Schwanensee in einer Inszenierung aus China zum akrobatischen Ballett, das die hohe Schule der Zirkusartistik mit verblüffender Ästhetik zelebriert.

Tanzsport komme schwer in die Gänge, bedauert Joyce Cuoco. Immerhin werden seit langem große Sportereignisse mit aufwendig choreografierten Feiern eröffnet und beendet. 600 Tänzer aller Altersgruppen probten wochenlang eine Choreografie der Belgierin Daphné Cornez für die Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Schon Mary Wigman kannte ja solche Massentänze.

Fußballer lassen sich von den Fangesängen anfeuern. „Musik tut was mit uns!“, äußerte kürzlich ein deutscher Nationalstürmer. „Musik ist der grundlegende Partner des Tänzers“, erklärt Ehinger. „Musik definiert Zeit, Rhythmus, Geschwindigkeit und ist gleichzeitig Inspirations- und Motivationsquelle.“

Wer gar nichts von Fußball hält, könne ja gern ins Theater kommen, sagt Antoinette Laurent.