Fußball Fußball ist traditionell vor allem im Osten stark

Fußball in Kolkata
Fußball in Kolkata | Foto: © Saketh Patibandla

Dokumentarfilmer Debu über indische Fußballkultur, Fußballbegeisterung und die Zukunft des Fußballs auf dem Subkontinent. 

Gibt es in Indien eine Fuβballkultur, die dem Cricket vergleichbar ist? 

Der Fuβball ist im östlichen Teil Indiens besonders beliebt, wobei Kalkutta traditionellerweise als das Zentrum angesehen wird. Trotz hauseigener Superstars in anderen Sportarten – Sourav Ganguly und Leander Paes, zum Beispiel – ist der Fuβball in Kalkutta zweifellos der beliebteste Sport. Aber nicht nur in Kalkutta sondern auch in Nagaland, Manipur, Mizoram, Sikkim und Tripura und in einigen Gegenden in Assam ist Fuβball mit Abstand das beliebteste Spiel. Der East Bengal FC und der Mohunbagan Athletic Club – beide in Kalkutta beheimatet – sind zwei der gröβten und beliebtesten Fuβballclubs. In den 1960ern und 1970ern war Indien innerhalb des asiatischen Raums im Fuβball relativ stark vertreten und war damals besser platziert als der Iran, Japan und Südkorea – obwohl der Sport institutionell vernachlässigt wurde und in den darauffolgenden Jahrzehnten an Bedeutung verlor.    
 
Goa und Kerala sind zwei weitere Länder in Indien, in denen Fuβball sehr populär ist. Es gibt auch verschiedene groβe Fuβballclubs in diesen Regionen.
 
Während der 1980er- und der frühen 1990er-Jahre haben verschiedene Fuβballclubs, die von Unternehmen geführt oder gesponsort wurden, die Herrschaft der Clubs aus Kalkutta und Goa angefochten. Dies waren unter anderen JCT und BSF (beide im Punjab ansässig), Mahindra & Mahindra, Air-India (beide Mumbai), Kerala Police und einige andere. Diese Vereine haben den indischen Fuβball zweifellos bereichert. Aber weil sie keine richtigen Sportvereine, sondern eher das Aushängeschild ihrer Besitzer sind, ist es ihnen oft nicht gelungen, eigene Talente zu halten. Die guten Spieler verlieβen diese Clubs oft und wechselten zu professionelleren Vereinen, die auch besser bezahlten. Kerala Police allerdings brachte Talente wie C.V. Pappachan hervor, I.M. Vijayan und V.P. Sathyan. Sie haben Indien würdig vertreten, und die beiden letztgenannten wurden sogar Superstars.
 
Das Salt Lake Stadium in Kalkutta mit knapp 120.000 Plätzen ist das gröβte Fuβballstadium auf dem indischen Subkontinent und das zweitgrößte der Welt.

Wie steht es mit der Fuβballbegeisterung in Indien im Vergleich zu Deutschland? 

In Deutschland ist der Fuβball bei weitem der wichtigste Sport im Land, aber in Indien spielt er nur in einigen Regionen eine Rolle. Die Begeisterung der Fans ist auf beiden Seiten groß und ist in gewissem Maβ vergleichbar. Wie bei den Fuβballclubs in Europa findet man auch hier die Anhänger in bestimmten Teilen der Bevölkerung. Die Clubs in Kalkutta werden von bestimmten Schichten loyal unterstützt. Mohunbagan war traditionell Kalkuttas (und Indiens) beliebtester Club, aber nach der Teilung Indiens und dem Einströmen von Flüchtlingen aus dem damaligen Ost-Pakistan (heute Bangladesch) stiegen die Zahlen der Anhänger des East Bengal FC deutlich an. Diese beiden Clubs treffen zweimal im Jahr im Derby aufeinander – obwohl sicher nicht in derselben Liga wie Der Klassiker oder El Clásico. Ihre Rivalität ist in der Fuβballwelt berüchtigt. Internationale Fuβballereignisse werden auch in Indien von vielen mitverfolgt. Vor allem im Osten des Landes. Die englische Premier League ist besonders beliebt. La Liga, Bundesliga und Serie A werden auch gerne gesehen, wobei Manchester United, Chelsea und FC Barcelona die meisten Fans haben. Deutsche Fuβballclubs werden in Indien nicht besonders aufmerksam verfolgt, aber seit der Indien-Tour des FC Bayern im Jahr 2008 – als Oliver Kahn seinen letzten Auftritt im Salt Lake Stadium hatte – ist das Interesse am FC Bayern deutlich gewachsen.    

Welchen Einfluss auf die indische Gesellschaft hat ein Ereignis wie die Fuβball-WM? 

Die Fuβball-WM wird in Indien von sehr vielen Zuschauern verfolgt, obwohl wesentlich mehr Interesse in den traditionellen Fuβballregionen besteht als anderswo. Das Interesse spiegelt sich in einem unverhältnismäßigen Anstieg von verkauften Fernsehern, Fan-Artikeln und ähnlichem wider.
 
Bei einer WM hat Brasilien in Indien die meisten Fans. Das Phänomen lässt sich in die frühen 1970er-Jahre zurückverfolgen, als Pelé und andere brasilianische Spieler Kalkutta besuchten. Brasilien hatte damals drei von vier WMs gewonnen, mit Pelé als Welt-Ikone. Nach Brasilien wird auch Argentinien sehr stark unterstützt. Aber auch die italienischen und deutschen Nationalmannschaften haben viele Anhänger. Wenn die Spiele stattfinden, steht Kalkutta still, und die Sieger werden in den Straβen mit Bannern, Trommeln und Girlanden gebührend gefeiert.

Was ist die Zukunft des Fuβballs in Indien? 

Leider krankt der Fuβball in Indien ein wenig. Und es könnte schwierig werden, Indien in absehbarer Zukunft wieder als Fuβballnation fit zu machen. Die indischen Fuβballorganisationen arbeiten nicht sehr professionell, was den Sport insgesamt beeinträchtigt. Eine systematische Vorgehensweise, die der Entdeckung und Förderung von Talenten dient, ist so gut wie nicht vorhanden (auβer in einigen, wenigen Clubs). Es fehlt an der Infrastruktur: Auβer in Kalkutta und vielleicht noch in Kerala und Goa gibt es kaum geeignete Räume und Übungsplätze, die es uns erlauben würden, Indien in eine starke Fuβballnation zu verwandeln.